Zeitung Heute : Wahl Der Mann hinterder…

Trotz Stress bleibt der Bundeswahlleiter gelassen. Johann Hahlen ist der perfekte Staatsdiener.

Christa Fenger

Er hat sein Ferienhaus in Portugal storniert, und es scheint ihm sogar leicht gefallen zu sein. Der Bundeswahlleiter wird den Sommer in Wiesbaden verbringen. „Sehen Sie doch mal aus dem Fenster, ich habe einen wunderschönen Blick auf den Taunus“, sagt Johann Hahlen. Taunus statt Algarve? Johann Hahlen, Vater von zwei erwachsenen Kindern, lächelt fein. Auch für seine Mitarbeiter gilt Urlaubssperre. Die vorgezogene Neuwahl zum 16. Deutschen Bundestag bedeutet für Hahlen und seine Leute Nachtschichten.

Mal angenommen, die Landtagswahlen vom 22. Mai wären anders ausgegangen und Franz Müntefering hätte an diesem Abend gegen 19 Uhr keine Neuwahlen angekündigt – dann hätten sich der Bundeswahlleiter und seine Mitarbeiter erst im Januar 2006 zusammengesetzt. Sie hätten rund neun Monate Zeit gehabt, die Zulassung neuer Parteien zur Wahl vorzubereiten und sich mit den Ländern und Kommunen darüber abzustimmen, wie die Wahl praktisch abläuft, wie zum Beispiel die vielen ehrenamtlichen Wahlhelfer rekrutiert werden. Der Bundeswahlleiter leistet streng genommen nur Hilfe zur Selbsthilfe: „Es ist so vorgesehen, dass die Bürger ihre Wahlen selbst organisieren.“ Jetzt hat Johann Hahlen noch gut drei Monate bis zur Bundestagswahl – zur „möglichen vorgezogenen Neuwahl“, wie er sagt. Er wirkt ganz und gar nicht wie ein Mann, der unter Druck geraten ist. Alles an ihm ist gelassen. Wenn er sich erhebt und zur Fensterbank geht, um in den Aktenstapeln, die dort fast die schöne Sicht auf den Taunus verdecken, eine Zahl zu suchen, dann schweigt er dabei.

Der 62-jährige Jurist ist nicht nur Bundeswahlleiter und darf, meist mitten in der Nacht, am Wahltag das „vorläufige amtliche Ergebnis“ verkünden: Johann Hahlen ist – sozusagen hauptberuflich – seit zehn Jahren Chef des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Das Amt befindet sich in einem 50er-Jahre-Bau vor den Toren der Stadt, im Hof toben zahme Eichhörnchen herum und wenn man dem Pförtner Glauben schenken darf, flattern manchmal wilde Papageien um das Gebäude, in dem der Paternoster pünktlich um 17 Uhr abgestellt wird. Die beiden Ämter Bundeswahlleiter und Chef des Statistischen Bundesamtes sind schon seit Gründung der Bundesrepublik 1949 aneinander gekoppelt, weil damals nur das Statistische Bundesamt über die Mittel zur zügigen Verarbeitung von großen Datenbergen verfügte. „Inzwischen“, sagt Hahlen mit leichtem Bedauern, „haben andere im Land größere und stärkere Rechner.“

Den Reiz sehr, sehr langer Zahlenkolonnen hat Johann Hahlen während eines mehrjährigen Ausflugs in die Politik Mitte der 80er-Jahre entdeckt. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU/CSU-Fraktion begleitete er die heftigen Auseinandersetzungen um die Vorbereitung zur Volkszählung 1987. „Damals hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können, einmal Leiter des Statistischen Bundesamtes zu sein.“ Für Hahlen ist eine demographische Erhebung von dieser Größenordnung eine Chance: „Es geht darum, die ganze Lebenswirklichkeit einer Gesellschaft abzubilden.“ Als Oberstatistiker interessiert er sich für die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland gleichermaßen wie für die Sozialhilfestatistik und für die Außenhandelsentwicklung mit China – er interessiert sich besonders für Zahlen, die plötzlich eine Entwicklung offenkundig machen, die niemand für möglich gehalten hat. Sogar über den Import von Golfbällen bietet das Amt verlässliche Zahlen an. Die Auslegung der Daten überlässt er anderen, Johann Hahlen wird nicht öffentlich Stellung zum Golfball-Import nehmen. Nur, wenn einzelne Interessengruppen „seine“ Daten eindimensional betrachten oder gar zu ihrem Vorteil auslegen, reagiert Johann Hahlen ein bisschen verstimmt. Wenn er schlechte Laune bekommt, betrachtet Hahlen mal kurz die Bilder in seinem Büro: Dort hängen drei kleinformatige Werke des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff und ein Druck von Joseph Beuys – neben einem großen Kalender mit den Parlamentsterminen.

Und fragt man ihn danach, wie die Vorgespräche über das Zusammengehen von PDS und der Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG) gelaufen sind, erntet man wieder sein feines Lächeln: „Sie werden verstehen, dass ich mich dazu nicht äußere.“ Johann Hahlen spricht präzise und immer genau auf den Punkt – aber er erzählt auch gerne Geschichten, die sich anhören wie Veteranengeschichten. Zum Beispiel von der Abwicklung des Innenministeriums der DDR, an der er in seiner damaligen Eigenschaft als Haushaltsreferatsleiter im Innenministerium der Bundesrepublik beteiligt war. „Beim Aufbau der notwendigen Verwaltungsstrukturen in den neuen Ländern hat die westdeutsche Bürokratie ganze Arbeit geleistet“, sagt er stolz. „Sie hat alles menschenmögliche gemacht, um die deutsche Einheit umzusetzen.“

Nein, Bürokratie ist für Johann Hahlen überhaupt kein Schimpfwort, die Unabhängigkeit seiner Behörde ist ihm heilig, jeden Ruf nach einer möglichen Privatisierung des Statistischen Bundesamtes schmettert er energisch ab. Es ist sicher nicht übertrieben, zu behaupten: Johann Hahlen ist der perfekte Staatsdiener.

2007 will Hahlen in den Ruhestand gehen. Eigentlich wollte er noch die Bundestagswahl 2006 hinter sich bringen und dann langsam Abschied von seinen Ämtern und der Stadt Wiesbaden nehmen. Über die Vorstellung, dass sein Ruhestand jetzt eigentlich schon ein paar Monate früher beginnen könnte, muss er lachen. Er hat mit allem gerechnet. Nur damit nicht.

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