Wahl des Bundespräsidenten : 614, 613, 612 …

Andrea Nüsse

Er ist populär und beliebt in der Bevölkerung. Gerade hat er mit seiner viel gelobten Berliner Rede die Nation und die Politik aufgerüttelt. Aber ob Horst Köhler am 23. Mai erneut zum Bundespräsidenten gewählt wird, das wird zunehmend unsicher. Denn der Vorsprung des bürgerlichen Lagers in der Bundesversammlung, die das Staatsoberhaupt wählt, ist weiter geschrumpft: auf eine einzige Stimme.

Schuld sind mathematische Zahlenspiele und Pannen. Der bayerische Landtag hat am Donnerstag seine Wahlmänner und -frauen bestimmt – und dabei ist Köhler erneut eine Stimme verloren gegangen. Völlig legal haben SPD und die Grünen, die Gesine Schwan ins Rennen schicken, eine gemeinsame Liste gebildet – dank dem Höchstzahlverfahren D’Hondts erhielten sie damit einen Delegierten mehr, welcher der CSU verlorenging. Zuvor hatte die CDU in Sachsen geschlampt. Mehrere Abgeordnete hatten ihre Wahlzettel falsch ausgefüllt und damit ungültig gemacht. Ergebnis: Die Christdemokraten schicken zwei Mitglieder weniger als erwartet zur Wahl nach Berlin.

Der Sieger des Rennens um das erste Amt im Staate, das eine Neuauflage von 2004 ist, muss in den ersten beiden Wahlgängen eine absolute Mehrheit erringen. Bei einer Bundesversammlung mit 1224 Wahlleuten, die sich aus den 612 Bundestagsabgeordneten und ebenso vielen von den Landtagen bestimmten Delegierten zusammensetzt, sind das mindestens 613 Stimmen. Das könnte reichen, wenn die zehn Wahlmänner der Freien Wähler – wie angekündigt – geschlossen für den Kandidaten von CDU/CSU und FDP stimmen. So käme man laut Berechnungen von „Wahlrecht.de“ auf 614 Stimmen. Schwieriger noch: Auch Union und Liberale müssten geschlossen für Köhler stimmen. 2004 hatten in der geheimen Wahl immerhin neun Abweichler seine Gegenkandidatin unterstützt.

Keine Experimente, sagen sich CSU und Liberale in Bayern angesichts dieser Zitterpartie: Sie verzichteten diesmal auf Prominente aus Gesellschaft, Sport und Wirtschaft und stellten nur linientreue Politiker aus den eigenen Reihen auf. Mit Ausnahme der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Ihr traut man anscheinend mehr Loyalität zu als der schrillen Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die die CSU beim letzten Mal zum Wählen schickte: Die Society-Dame fiel nach der Abstimmung stürmisch der SPD-Kandidatin Gesine Schwan um den Hals mit den Worten: „Sie sind eine wunderbare Frau. Ich habe sie gewählt.“ Andrea Nüsse

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