Zeitung Heute : Wahl paradox

Wer hätte das gedacht? Die SPD feiert sich – und einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Schröder

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Es kann einem schwindelig werden, wenn man da oben an der gläsernen Balustrade steht, und das liegt nicht nur an der Höhe. Der Blick fällt auf die Bühne im Atrium des WillyBrandt-Hauses fünf Stockwerke tiefer, wo jetzt der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering ein Kunststück vollführt, das jedem Jongleur zur Ehre gereichen würde. Es ist 18 Uhr 30, seit einer halben Stunde jubeln die Genossen immer wieder auf – dann nämlich, wenn auf den Großbildschirmen die Grafiken auftauchen, auf denen man sieht: Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit.

Der Künstler Müntefering steht also auf der Bühne, hinter sich den Slogan „Vertrauen in Deutschland“ und dreht und wendet das Wahlergebnis so trickreich, dass die knappe Niederlage der SPD wie ein glorioser Sieg aussieht. „Das Ergebnis zeigt: Das Land will Gerhard Schröder als Bundeskanzler haben.“ Und die SPD werde als stärkste Partei zu Koalitionsverhandlungen am Verhandlungstisch Platz nehmen.

Wie bitte? Die SPD stärkste Partei? Nach allem was zu diesem Zeitpunkt an Hochrechnungen bekannt ist, kann davon eigentlich nicht die Rede sein. Danach liegt die Union um mindestens einen Prozentpunkt vorn. Nur definiert Müntefering die Union als zwei Parteien – nämlich CDU und CSU. Das ist sein Trick, daraus leitet er den Auftrag für Schröder ab, die Regierung zu bilden. Müntefering meint das ganz ernst. Er hat ein paar Stunden mit Schröder in seinem Parteivorsitzenden-Büro in der fünften Etage gesessen und sich abgestimmt. Sie haben sich auf eine Strategie der Brechstange verständigt.

Man merkt das spätestens, als Schröder und Müntefering um 19 Uhr 30 gemeinsam auf die Bühne im Atrium der Parteizentrale steigen. Zwei Minuten lang kommt Schröder nicht zu Wort, so lange dauert der Jubel der Genossen. Es ist, als gehe der Wahlkampf erst richtig los. Viele halten Schilder hoch, auf denen steht: „Schröder für Deutschland.“ Dieser Schröder reckt die Arme zur Siegerpose, als sei er gerade noch einmal mit klarer Mehrheit zum Kanzler gewählt worden – und so redet er auch. „Ich fühle mich bestätigt, dafür zu sorgen, dass es auch in den nächsten vier Jahren eine stabile Regierung unter meiner Führung geben wird.“ Angela Merkel könne jedenfalls aus diesem Wahlergebnis keinen politischen Führungsanspruch ableiten: Das wird es nicht geben.“

Er sagt das der Kontrahentin auch ins Gesicht. Anstelle von Müntefering taucht Schröder überraschend in der „Berliner Runde“ von ARD und ZDF auf, strotzend vor Selbstbewusstsein, fast schon herablassend in seiner Journalistenschelte, auf jeden Fall eiskalt gegenüber der Unionskanzlerkandidatin. Man fragt sich: Woher nimmt der diese Chuzpe? Wahrscheinlich rechnet Schröder darauf, dass der SPD so viele Überhangmandate zufallen, dass Merkels Union doch nicht stärkste Fraktion wird, sondern nur gleichstark. Solche Rechnungen der Meinungsforscher gibt es an diesem spektakulären Wahlabend, von Infratest dimap und dem Schröder-Freund Manfred Güllner von Forsa zum Beispiel. Sicher sind sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber Schröder ist ein Spieler.

Mit seiner Partei, sagt er in die Runde, werde es keine Kanzlerin Merkel geben. „Ich bin nicht bereit, einen Machtanspruch zu akzeptieren, ohne dass die andere Seite in der Lage wäre, ihn umzusetzen.“ Deshalb werde sich die Union schon einlassen auf Gespräche, die er auch erfolgreich abschließen werde. Mit ihm als Kanzler? „Wie anders?“ fragt Schröder zurück.

Vielleicht ist das der tiefere Grund für das schlechte Abschneiden der Union: Ein Mangel an Härte, Rücksichtslosigkeit, Brutalität; eine bürgerliche Wohlanständigkeit, die den Regelverstoß scheut – Skrupel, die den Wahlkämpfern Schröder und Joschka Fischer eher wesensfremd sind. Man konnte in der Miene des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) während der Fernsehrunde die Fassungslosigkeit über das Vorgehen dieses Kanzlers mit dem Raubtierlächeln sehen.

Es war die gleiche Hilflosigkeit, mit der die Union auf die in der Sache wenig stichhaltige Kampagne der SPD gegen die Nominierung des Steuerrechtlers Paul Kirchhof für Angela Merkels Wahlkampfteam reagiert hatte. Kirchhofs 25-Prozent-Steuer gab Schröders Wahlkampfintonierung in der SPD-Anhängerschaft erst die Glaubwürdigkeit zurück, die er für seine Reformagenda in zwei Kanzlerjahren nicht erreicht hatte. Die goldene Formel auf allen Wahlkundgebungen hieß nun: Reformen ja – und wir waren es, die den Mut dazu hatten – aber Reformen, die den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft nicht aufgeben.

In den letzten Wochen dieses Wahlkampfs war sie fast nicht mehr wiederzuerkennen, die SPD. Denn sie hat – wider alle Erwartungen – um ihren Erfolg gekämpft. Danach hatte es am 22. Mai und in den ersten Wochen ganz und gar nicht ausgesehen, als der Bundeskanzler nach der verheerenden SPD-Niederlage in Nordrhein-Westfalen völlig überraschend angekündigt hat, er werde Neuwahlen anstreben, um „eine neue Legitimation“ bei den Wählern zu suchen. Der grüne Koalitionspartner und die SPD waren völlig überrumpelt. Dem Alleingang von Schröder in Absprache mit Parteichef Franz Müntefering folgten sechs desaströse Wochen, bis Schröder am 1. Juli die Vertrauensfrage im Bundestag stellte. Den schwarzen Peter für das Scheitern wollte sich niemand zuschieben lassen, und so probten erst die Grünen, dann die SPD-Linken den Aufstand. Die Zeichen standen auf Zerfall; Müntefering gab sogar öffentlich einen Autoritätsverlust zu. An Sieg glaubte damals niemand bei Sozialdemokraten oder Grünen, auch für die Öffentlichkeit stand der Wechsel zu Schwarz-Gelb fest.

Gerhard Schröder schiebt sich durch das Gedränge im fünften Stock der Parteizentrale, wo der erweiterte Parteivorstand prominente Unterstützer eingeladen hat, die Schauspielerin Esther Schweins zum Beispiel, den Maler Bruno Bruni, den Scorpions-Sänger Klaus Meine. Es ist jetzt halb zehn, manche Hochrechnungen signalisieren ein Patt zwischen Union und SPD, einige Genossen gehen sogar von einem knappen Vorsprung aus. Im Arm hat Schröder seine Frau Doris, von der man seit kurzem weiß, dass sie vom Kanzler auch deshalb so geliebt wird, weil sie lebe, was sie sage – so hat er es jedenfalls neulich im TV-Duell mit Merkel vor der ganzen Nation erklärt, und danach schnellten seine Beliebtheitswerte nach oben. In der SPD schöpften sie damals Hoffnung, die Union doch noch in eine große Koalition zu zwingen – und wie es aussieht, war das mehr als Wunderglaube.

Dafür feiern sie Schröder nun frenetisch, und der bedankt sich für die Unterstützung: „Ich kann das kaum zurückgeben, aber ich werde mich bemühen.“ Dann ruft der siebte deutsche Bundeskanzler seiner Partei, die so lange mit ihm gehadert hat, noch die Parole zu: „Beugt Euch nicht dem Machtanspruch der anderen Seite.“

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