Wahlen in Afghanistan : „Die Afghanen sind hungrig auf Kultur“

Afghanistan hat eine lange Kulturtradition. Ibrahim Arify hat 2013 ein Fimfestival in Kabul organisiert und fürchtet den Abzug des Westens.

Ibrahim Arify (53) ist Produktionsleiter und Kameramann, lebt seit 1995 in Deutschland. Derzeit baut er mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein afghanisches Filmarchiv auf.
Ibrahim Arify (53) ist Produktionsleiter und Kameramann, lebt seit 1995 in Deutschland. Derzeit baut er mit Unterstützung des...Foto: Ulrike Scheffer / Tsp

Herr Arify, 2013 haben Sie in Kabul ein Filmfestival organisiert, wie war die Resonanz?

Es kamen mehr als tausend Menschen. Das zeigt, dass die Afghanen hungrig auf Kultur sind. Im aktuellen Wahlkampf spielt Kultur allerdings gar keine Rolle. Kein Kandidat hat sich dazu geäußert. Gerade deshalb ist unsere Arbeit so wichtig. Auch im Institut führen wir immer wieder Filme vor, Filme, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte.

Warum?

Die Taliban hatten den Befehl gegeben, alle Filme, die Menschen zeigen, zu zerstören. Doch Mitarbeiter von Afghan Films haben es geschafft, viel Material zu verstecken. So haben wir beispielsweise in einem Hangar auf dem Institutsgelände viele der alten Filme gefunden: Spielfilme und auch Dokumentationen, manche sogar aus den 20er Jahren. Darunter auch ein Beitrag über den Besuch von Bundespräsident Lübke 1967 in Kabul.

Es gibt in ihrem Archiv auch Dokumentationen aus den 70er Jahren, in denen Studentinnen mit offenen Haaren und kurzen Röcken mit männlichen Kommilitonen im Park sitzen. Wird das irgendwann wieder möglich sein?

Gerade junge Afghanen, die das sehen, fragen: Ist das tatsächlich in Afghanistan? Heute finden solche Begegnungen nur in versteckten Gesellschaften statt und es ist klar, dass diese Zeiten nicht wiederkommen werden.

Vor den Wahlen hat sich auch die Sicherheitslage wieder verschlechtert. Haben die Menschen die Hoffnung auf einen Wandel aufgegeben?

Die Menschen in Afghanistan wissen, dass Wahlen nicht reibungslos ablaufen und mit Anschlägen von Kräften einhergehen, die nicht demokratisch sind. Möglicherweise gibt es sogar einige Präsidentschaftskandidaten, die so etwas organisieren. Viele haben tatsächlich die Hoffnung verloren und große Angst vor der Zukunft. Kehren die Taliban zurück? Oder die Zeit der Mudschaheddin, in der es überall Kämpfe und Tote gab und in jeder Provinz einen anderen Machthaber?

Und Sie persönlich?

Ich finde es schade, dass in den vergangenen zwölf Jahren so wenig passiert ist. Wir haben in Afghanistan heute keine Demokratie, es herrscht vielmehr ein Diktator, der sich einen demokratischen Anschein gibt. Es werden immer wieder Menschenrechte verletzt. Und egal, wie die Wahl ausgeht, ich bin sicher, dass Karsai in der ein oder anderen Form weiter an der Macht bleiben wird. Ich hoffe sehr, dass der Westen die Afghanen nicht im Stich lässt.

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