Zeitung Heute : Wahlen in Montenegro: Licht über den schwarzen Bergen

Caroline Fetscher

In Flugzeugen, die aus westeuropäischen Städten Richtung Südosteuropa starten, finden sie sich seit Jahren und zu Tausenden: die Krisenpassagiere. Verdrossene oder verzweifelte Diplomaten, UN-Funktionäre, Militärs, Vermarkter von Flüchtlingszelten und das Humanitäre Corps - Rotkreuzhelfer, Ärzte ohne Grenzen, Caritasleute.

Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man in den beiden Herren Miller und Engel, die letzte Woche in strömendem Regen am Flughafen Frankfurt in eine Fokker-100 der Montenegro Airlines einstiegen, Vorboten einer besseren Zeit erkennt. Der kiloschwere Aktenordner, den sie im Handgepäck haben, enthält den "Masterplan für Tourismus" in Montenegro. Gefördert von öffentlichen Mitteln, haben Sven Miller von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft in Köln, und Johann-Friedrich Engel, Spezialist für "Creative Tourism", an einem Konzept gefeilt, das die 200 Kilometer lange Adriaküste des Landes für den Massentourismus öffnen soll. Ein neues Mallorca, billig, sonnig, kinderfreundlich, sagen die Herren, so soll das werden. Montenegro, das Land der Schwarzen Berge, ein Geheimtipp. In ihren Köpfen sind die Hotels so gut wie gebaut, deren Pläne sie vor Ort präsentieren.

Die Landung der beiden Herren in Podgorica verdankt sich dem Sturz eines anderen Herrn: Seit Slobodan Milosevic nicht mehr an der Macht ist, planen Montenegriner freier ihre wirtschaftliche Entwicklung - und die Unabhängigkeit der 640 000 Bürger zählenden Teilrepublik von den acht Millionen serbischen Nachbarn. Diese Loslösung wäre das Ende der Bundesrepublik Jugoslawien, und die Geburt zweier neuer Staaten: Montenegro und Serbien. Gewinnt die regierende Koalition von Präsident Milo Djukanovic, wie vorausgesagt wird, die Mehrheit der 440 000 Wahlberechtigten, soll es im Sommer ein Referendum geben. Die heutigen Wahlen stellen dafür die Weichen. "Wir haben keine Lust mehr, eine Kolonie Serbiens zu sein", erklärt der Jurist Miodrag Vlahovic, Direktor des Center for Regional and Security Studies. Dass Vojislav Kostunica, Präsident der Föderation, solche Töne ungern hört, wundert ihn nicht, "der ist ein Machtmensch."

Montenegros Präsident Djukanovic hat Kostunica als Bundespräsidenten nicht anerkannt, der Abstand zu Serbien wächst seit Jahren. Noch im Sommer 2000 erlebte man den damals 38-jährigen Präsidenten Djukanovic, wie er in seiner Residenz Villa Gorica offen erklärte, er sei "eine Geisel von Milosevic" und jederzeit auf ein Attentat gefasst. Als ständige Bedrohung war das siebte Bataillon der serbischen Armee im Land stationiert. Jetzt atmet Montenegro auf. Und als ein Land, das de facto schon existiert, aber de iure noch nicht, muss es sich neu erfinden.

Schnellkurs für Wahlbeobachter

Was daraus wird, das liegt auch an Jungen wie Marko Canovic. Wochenlang ist Marko mit einer Gruppe anderer Aktivisten vom "Center for Democratic Transition" zwischen Bergen und Küste unterwegs, um 1400 Wahlbeobachter im ganzen Land für den heutigen Sonntag zu schulen. "Wir wollen Wahlen, die man nicht anfechten kann", sagt der 24-jährige Wirtschaftsstudent mit dem Eifer des Frühprofessionellen. Er ist auf dem Weg zu einer Schulung im Wintersport-Städtchen Kolasin im Norden des Landes. Im Auto jagt Marko durch die Canyons der Bjelasica-Berge, auf deren Grund das türkisfarbene Wasser der Moraca fließt. "Tolle Landschaft", bemerkt er, aber mehr interessiert ihn, ob sein Handy hier ins Funkloch fällt. Als Klingelton hat er ein Stück des weißen Rappers Eminem einprogammiert. "Der ist super. Die Songs sind oft hart, aber cool", sagt der rundliche junge Mann mit schwarzem Glanz im Haar. Schnell wie Rap muss alles gehen, für Marko, der Manager werden will. Essen statt schlafen scheint seine Methode, den Stress auszuhalten.

Hinter Markos Golf fährt in mäßigem Tempo Rasko Konjevic. Wie Marko studiert er bei Veselin Vukotic, Vertreter der durch ihn bekannt gewordenen Theorie vom Mikrostaat. Sie verehren den Professor, der ihnen die Wirtschaft der Welt erklärt und wie es mit einem kleinen Land wie ihrem weitergehen kann, das einen Sitz in der UNO haben will. "Da sind drei Dutzend noch kleinere vertreten", sagen sie, "zum Beispiel Malta oder Luxemburg!"

Marko wirft eine Zigarettenkippe aus dem Autofenster und erläutert seine Haltung zur Unabhängigkeit: "Mich interessiert die Wirtschaft, nicht der ganze historische Kram." Er meint die Leute, die jetzt auf die Anerkennung Montenegros beim Berliner Kongress 1879 hinweisen, und auf die Vergangenheit als Königreich.

So oder so, sagt Marko, müsse man sich in Zukunft mit Serbien verständigen, "auch wegen der Wirtschaftskooperation". Auslandsschulden und ein Schwarzmarkt, wie er typisch ist für Kriegs- und Nachkriegsökonomie, belasten Montenegro, das westliche Medien mitunter ein "Schmugglerparadies" nennen. Tatsächlich erwirbt man in Boutiquen derzeit von der Ray-Ban-Brille bis zu Artikeln von Armani oder Boss vieles zu Spottpreisen, vor allem Zigaretten. "Schwarzmarkt hattet Ihr auch, in Deutschland nach dem Krieg", kommentiert trocken die Verkäuferin Milica, "und lieber würden wir ja legal arbeiten!" Die Mehrheit der Jugend glaubt, dass es ihnen mit Djukanovic - "Milo" - und seinem Bündnis "Pobjeda je Crne Gore" (Sieg für Montenegro), besser ginge als mit dem Bündnis "Gemeinsam für Jugoslawien" unter Predrag Bulatovic.

Bis vor kurzem warnten die USA und die EU vor Montenegros Unabhängigkeit. Das Beispiel Montenegro könnte Albaner im Kosovo ermutigen, lauter nach Autonomie zu rufen. "Fragwürdiges, ahistorisches Denken" sieht darin der Außenminister von Montenegro, der parteilose Diplomat Branko Lukovac. "Montenegro ist nicht vergleichbar mit dem Kosovo." Das erklärt auch die renommierte "International Crisis Group" in Brüssel unter Vorsitz des früheren finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari. Als "übertrieben" bezeichnet ihr jüngster Report solche Ängste. Der Report warnt davor, ein Land im Stich zu lassen, das bis zum Ende von Milosevic als mutiger Partner gepriesen wurde. Und zu einem Belgrader Politiker sagte Branko Lukovac neulich: "Uns in Frieden ziehen zu lassen, ist eure Chance; zu beweisen, wie demokratisch ihr seid und wie anders als eure Vorgänger." Er fügt hinzu: "Ich hatte den Eindruck, es hat ihm eingeleuchtet."

Im Norden Montenegros, je näher man an die Grenze zu Serbien gelangt, wächst die Zustimmung für den Zusammenhalt des Restterritoriums, das von der Bundesrepublik Jugoslawien übrig blieb. Wie auf Milo- Kundgebungen Tausende "Ovo nije Srbjia" ("Hier ist nicht Serbien") singen, so springen hier Graffiti für "Srbjia" ins Auge.

In der Twilight Zone

Im Norden leben auch die meisten der 30 Prozent Arbeitslosen im Land. Doch "irrationale Ängste" sieht Miodrag Vlahovic hinter der projugoslawischen Haltung, die Furcht, ohne den großen Partner nicht klarzukommen. "Schade, mein eigener Bruder denkt so wie die im Norden", fügt Vlahovic hinzu, dessen Familie selbst von dort oben stammt.

In der ungeheizten Grundschule von Kolasin haben sich die Wahlhelfer an zerkratzten Schulbänken versammelt, als Marko und Rasko eintreffen, die Jungen aus der Stadt. Viele hier sind Kinder von Bauern aus den Bergen, gespannt darauf zu lernen und leise skeptisch. Rasko läuft vor der Tafel auf und ab. Mit lässiger Gestik erklärt der Sohn eines Lehrerpaares die Prozeduren am Wahltag. Dass die "Izbori", Wahlen, "tajnost" sind, geheim, dass Beobachter neutral sein müssen. "Jeder von uns hat eine Vorliebe für eine Partei, aber das müssen wir am Sonntag ganz vergessen." Für manche hier ist es der erste Job im Leben, sie bekommen vierzig Mark für den Tag. Finanziert wird das von der staatlichen US-Organisation "National Democratic Institute", die in Podgorica ein Büro unterhält.

"Du arbeitest also jetzt für die Amerikaner?", fragt grimmig Markos Großonkel, in dessen Häuschen in den Bergen der Aktivist auf der Weiterfahrt vorbeischaut. Traurig blickt der Achtzigjährige auf den in seinen Augen missratenen Jungen. "Aber Onkel, das sind Demokraten! Die wollen uns nicht politisch beeinflussen, die wollen nur, dass wir wählen gehen!" Der hagere alte Herr lacht kurz auf und schenkt Apfelschnaps ein. "Was wisst ihr schon!", sagt er und umarmt den Jungen zum Abschied herzlich.

Montenegro ist ein Dorf. Alle reden mit allen, egal wie sehr sie sich streiten. So klein ist das Land, dass sich Milos, Fotograf aus Belgrad, manchmal vorkommt "wie in Twilight Zone". "Ein Gesicht, das ich am Morgen in der Stadt gesehen habe, begegnet mir am Mittag in den Bergen, völlig irre!" Autonom sollen sie hier von ihm aus werden, "die schaffen das schon, die sind okay." Was bist du denn für ein Serbe!, sagen dazu, empört, die Jugoslawientreuen.

Während die Jugend Demokratie trainiert, streiten in Cetinje, der ehemaligen Residenzstadt der Fürstbischöfe, orthodoxe Kleriker auf ihre Weise für Unabhängigkeit. Neben dem serbischen Metropoliten Amfilohije, der in seinem riesigen Kirchen-Rohbau an Podgoricas Lenin-Boulevard Messen zelebriert, setzt sich in Cetinje der Gegen-Metropolit Mihailo in Szene. Er, nur er, sei das wahre Kirchenoberhaupt der Montenegriner, erklärt der weißhaarige Mann, Dokumente aus dem 19. Jahrhundert belegten das. Von den "serbischen Gangstern" fordert er die Klösterbauten zurück. An die 20 000 Gläubige seien zu seiner Weihnachtsmesse gekommen.

Der wahre Metropolit

Don Branko Sbutega, katholischer Priester einer Gemeinde in der Adriabucht von Kotor, kann da nur lachen. "Was? 19 000 waren aus politischen Gründen da, um Glauben geht es nicht." Gestikulierend räsoniert Sbutega über sein Land, das den Streit beilegen und "zu Europa gehören soll".

Da sind sich alle einig. "Europa" ist der kleinste und größte gemeinsame Nenner. Europas Sternenbanner schwingen auf ihren partyähnlichen Kundgebungen die "Liberalen", die auch die Unabhängikeit wollen, von Europa redet sogar die tapfere Handvoll Feministinnen, die seit fünf Jahren in Podgorica für "Jednakost", Gleichberechtigung, aktiv sind, und neben der Kampagne für Frauenquoten im Parlament ein Projekt für die Roma in Montenegro betreuen.

Die Roma sind vielleicht die Einzigen im Land, denen "Europa" noch nichts sagt. Etwa 6000 kamen 1999 aus dem Kosovo und leben in Lagern wie "Konik I" am Stadtrand von Podgorica in Müll und Lethargie, aufgenommen, aber nicht angenommen. Die Studentinnen Darmila Vojinovic und Aida Petrovic kommen oft nach "Konik I", um Mütter zu beraten. Eine ihrer Freundinnen dort ist Serdija Kurtaj, 23-jährige Mutter eines Sechsjährigen. Ihr einziger Traum im Leben ist ein Putzjob, irgendeiner, sagt sie. Geld verdienen, irgendwo, "mein eigenes Geld".

Wenn Millers und Engels Tourismus-Pläne wahr werden, kann es viel Arbeit geben, in Montenegro, nicht nur für Restaurantbesitzer, für Köche und für Manager, wie Marko einer sein wird. Dann hätte auch Serdija, das geringste Kind im Land, vielleicht eine Chance auf das, was für sie jetzt jenseits der Wirklichkeit liegt. Einen Job.

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