Zeitung Heute : Wahlen in Serbien: Stunde Null

Caroline Fetscher

Van Ist Zwanzig. Er möchte irgendwann weg aus Belgrad, sagt er, nach New York, um Theaterregie zu studieren. Die Postmoderne, erklärt er mit Ernst, ist seine Sache. Als Ivan ein Kind war, erzählt seine Mutter, schoss er gern mit Spielzeugpistolen und führte sich als kleiner Krieger auf. "Bang, bang, bang" machte er und schien auf dem besten Weg, ein Macho zu werden, amüsiert sich Branka Prpa. "Dann habe ich ihm eine Puppe geschenkt, damit aus ihm kein Macho wird. Und er hat die Puppe zum Indianer erklärt und sich zum Cowboy."

Branka Prpa lacht und lehnt sich im Sessel zurück. Sie ist eine blonde Frau mit feinen Zügen, Mitte vierzig. Perlohrringe trägt sie und einen weißen Skipullover. Hinter ihr, im offenen Dachstuhl des bürgerlich ausgestatteten Apartments, türmen sich auf zwei einsehbaren Etagen Bücherregale aus poliertem Holz, Kunstbände, Hegels gesammelte Werke, Camus. Branka Prpas Wohnung wirkt wie eine Oase von Zivilisation im bitterkalten, winterlichen Belgrad, am Beginn der Epoche nach der großen Korruption.

Serbien hat gewählt. Branka Prpa hat der demokratischen Opposition DOS ihre Stimme gegeben. Wohl war ihr nicht dabei. Viele Namen standen auf dieser Liste der Koalition von achtzehn Parteien. Aber Branka Prpa war klar, dass die DOS gewinnen musste, ein zweites Mal, nach der Wahl vom 24. September. Es geht um die Macht im Land.

Am wichtigsten ist allerdings, sagt die Historikerin Prpa, dass es in unserer moralisch maroden Gesellschaft wirkliche Erneuerung gibt. "Wir fangen ja jetzt bei Null an, wie nach der französischen Revolution. Ganz, ganz unten müssen wir ansetzen, bei den Schulbüchern für die ersten Klassen." Brankas Sohn Ivan spricht ausgezeichnet Englisch. Das hat er im Privatunterricht gelernt. Auf einer serbischen Schule, sagt er, war nichts zu lernen, weder Inhalte noch politisches Bewusstsein. "I am a home-made product." Ivan lächelt, mit einem Anflug von Traurigkeit. Er scheint reif für sein Alter, und, das freut die Mutter, gar nicht wie ein Macho. "Auch das Männerbild muss sich ändern", sagt sie, "besonders hier in Serbien."

Eine Freundin klingelt und holt Ivan ab. Seine Mutter erzählt, woran sie in diesen Tagen denken muss, woran sie seit letztem Jahr ständig denken muss. Am 23. März 1999 noch hätte die Geschichte dieser Belgrader Familie anders verlaufen können. An diesem Tag fuhr Ivans Vater Slavko Curuvija, Verleger, Publizist und Besitzer der Zeitung "Devni Telegraf", nach Montenegro, um eine Bleibe im Exil zu suchen. Am anderen Morgen, dem Tag, an dem die Nato-Bombardierungen begannen, war er zurück. Er sagte, er wolle bleiben. Als Regimekritiker, dessen Blatt mehrfach verboten worden war, war ihm klar, dass er oben auf der schwarzen Liste des Regimes rangierte. Seit kurzem weiß Branka Prpa, dass ihr Mann von der Geheimpolizei observiert wurde.

Branka Prpa hat den Entschluss ihres Mannes respektiert. Am 11. April 1999 trat sie mit ihm vor die Tür, nachmittags um vier. Zwei Paramilitärs stellten sich ihnen in den Weg und schossen Slavko Curuvija nieder. "Es waren Männer in schwarzen Lederjacken", erzählt sie, "jung, ich konnte sie nicht erkennen. Einer schlug mir einen Gewehrkolben über den Kopf. Ich lag neben Slavko auf dem Pflaster, als er starb."

Sekundenlang droht Branka Prpa in die Erinnerung wegzudriften. "Ich will", sagt sie auf einmal entschlossen, "dass der Mord an meinem Mann aufgeklärt und gesühnt wird." Seit dem Tod ihres Mannes hat Branka Prpa keine gerichtliche und polizeiliche Untersuchung des Mordes erlebt. Kein Wort. Sie sagen einfach nichts. "Bis heute. Und ich weiß, wer verantwortlich ist."

Milosevic. Der Ex-Diktator, gesucht als Kriegsverbrecher vom Den Haager Internationalen Tribunal, hat in Begleitung seiner Frau Mira Markovic in einem Edelvorort von Belgrad als normaler Bürger seine Stimme abgegeben. Auf die kritische Frage eines Journalisten wünschte er "Merry Christmas!". Ein seltsamer Vorgang, dass Milosevic und Markovic unbehelligt ihre weißen Wahlbögen in die gläserne Urne werfen durften, dieses Symbol für Transparenz und Neubeginn. Wie geblendet von so viel Glas hatte Mira Markovic Schwierigkeiten, ihren Wahlschein zu deponieren. Kameras hielten das fest, und in Belgrad erwähnt man die Sache mit Schadenfreude. Dass der Diktator, dessen Sozialistische Partei 13,3 Prozent der Stimmen kassierte, frei herumläuft, stört viele. Aber sie versuchen, Verständnis für Präsident Vojislav Kostunicas Diplomatie aufzubringen. Und vielleicht wird Milosevic ja tatsächlich bald zur Rechenschaft gezogen, in Belgrad, nicht in Den Haag.

Aus Lautsprechern der CD-Verkäufer auf den Straßenbuden hört man hier oft den Song "Time to Say Goodbye". Branka Prpa muss damit leben, dass der Reformprozess ein Klärwerk mit schwerfälligen Pumpen ist. Ganz Serbien kämpft mit dem Erbe der letzten zehn Jahre. Es sind die jungen, unerfahrenen Anwälte, Richter, Lehrer, Künstler, die, wo sie können, Verantwortung übernehmen. Oft tun sie es freiwillig, ohne Bezahlung oder mit ausländischer Unterstützung. Aber viele alte Strukturen sind noch da. "Dass ich hier in meiner Wohnung abgehört werde, immer noch, wie früher", sagt Branka Prpa, "ist relativ sicher."

In der Geheimpolizei, in den Gerichten, in der Armee und den Gefängnissen sitzen die Beamten von einst auf den Akten und an der Macht. Das soll sich nach dieser Wahl endlich ändern. Nach dieser Wahl wird der Strom nicht mehr rationiert, glauben viele, denn das war Sabotage, "the power cuts will finish!", sagen sie. The Power, die Macht, fließt jedoch nur langsam in eine andere Richtung. Noch fast überall ist es ein politisches Statement, ob man in kyrillischer Schrift schreibt, serbisch-national, oder in der lateinischen, der internationaleren. Das Land ist geteilt in zwei Schriften, zwei Lesarten und Schreibweisen für die Welt.

Wie viele andere hat Branka Prpa enorme Kraft und Geduld bewiesen. In diesem Sommer, als die Verbrechen nicht aufhörten, wollte sie zum ersten Mal auswandern. Das war, als Unbekannte am 24. August den Milosevic-Gegner und früheren Staatspräsidenten Serbiens, Ivan Stambolic, beim Joggen überfielen und entführten. Er ist seither verschwunden, und es gibt kaum noch Hoffnung, dass er lebt. "Irgendwann", sagt Branka Prpa, "fühlte ich mich von zu viel Bösem umgeben." Jetzt hat sie beschlossen, an diese Wahlen zu glauben. "Es wäre Verrat an Slavko und den anderen Ermordeten, jetzt wegzugehen", sagt sie. "Jetzt, wo Serbien den Weg nach Europa finden kann, zu den Menschenrechten."

Biljana Kovacevic-Vuco kämpft als Menschenrechtsanwältin für politische Häftlinge. "Albaner oder Serben, das ist mir egal", sagt sie. Die elegante Dame hat so wenig Zeit, dass sie schnell wie ohne Punkt und Komma spricht, dabei gestochen klar. In ihrer kleinen Kanzlei geben die Mandanten einander die Klinke in die Hand. Eltern von Inhaftierten, die ihre Kinder besuchen wollen, Ex-Häftlinge, die Entschädigung verlangen für Misshandlungen und Entrechtung.

Die Anwältin und ihr junger Kollege Dusan Ignjatovic haben der Regierung ein Amnestiegesetz vorgeschlagen, für Eingesperrte, denen man Spionage vorwirft, Landesverrat, Verbrechen wider die Verfassung und die Armee. Kovacevic-Vuco erinnert sich daran, dass sie selbst früher einmal Rassistin war. Shiptar, das Schimpfwort für Albaner, das immer noch oft verwendet wird, hat sie auch benutzt. Sie wurde wach, als sie jemanden sagen hörte, man müsse diese Shiptar ausrotten. "Da bin ich zutiefst erschrocken."

An einer anderen Front kämpft eine Gruppe von Otpor-Anwälten. Dreißig von ihnen haben nach dem Vorbild Südafrikas eine Wahrheitskommission gegründet und die Bevölkerung dazu aufgerufen, alle Verbrechen und alle Vergehen des Regimes zu melden. Neunzig Prozent der bisher 5200 Beschwerden seien unbrauchbar, bedauert Nenad Konstantinovic, 28. Persönliche Fehden oder Sachen ohne Beweise. Aber absolut jeder in der Regierung, sagt Konstantinovic, war korrupt. Es geht unter anderem um Milliarden auf geheimen Konten, um Geldtransfers nach Zypern, in die Schweiz oder nach Südafrika. Harte Fakten sammelte das Komitee in sieben Fällen. Klagen gegen Manager der Investmentbanka, Jikbanka und Belbanka werden vorbereitet.

Spät in der Wahlnacht - in Belgrad riecht es nach Holzrauch und Kohlenfeuer - steht fest, dass die 178 Sitze im Parlament der DOS keinen Anlass mehr bieten, ihr O für Opposition im Namen zu führen. Außenminister Goran Svilanovic erklärt, worum es seiner Regierung gehen wird. Und dass er hofft, sie werde einmal demokratisch abgewählt, und die nächste und übernächste Regierung auch. Svilanovic spricht von der individuellen Verantwortung jedes Bürgers für die Vergangenheit. Nicht nur Massenmorde wie der von Srebrenica müssten aufgeklärt werden. Auch der Fall Stambolic. Und der Fall Curuvija.

Branka Prpa hört die Worte, aber jubeln kann sie nicht darüber. Sie wird, hat sie gesagt, nicht zufrieden sein, bevor die Männer in den schwarzen Lederjacken gefunden sind, die geschossen haben, an jenem Tag, als Slavko Curuvija auf dem Pflaster verblutete.

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