Wahlen : Was ist Hamburg?

Sie ist ehrbar, sentimental und von Welt. Eine kühle Schöne ist die Stadt. Keine zum Duzen. Und ganz bestimmt ist hier die Currywurst erfunden worden.

Gerhard Krug

WAS IST HANSEATISCH AN HAMBURG?



Bevor wir uns dieser Frage nähern, arbeiten wir uns doch erst mal am Gegenteil ab: Was ist nicht hanseatisch? Es ist nicht hanseatisch, wenn ein 60-jähriger Beau im Februar das Dach seines weißen Porsche öffnet und sich hupend auf dem Jungfernstieg seine Bahn bricht. Es ist auch nicht hanseatisch, Tom Buhrow, den Moderator der Tagesthemen, an der Aral-Tankstelle zu fragen, ob er nicht Tom Buhrow sei, der Mann vom Fernsehen. Und es ist auch nicht hanseatisch, gerade in diesen Tagen der intensiven Steuerfahndungen seinen Vorstandskollegen zu fragen, wann es denn heute früh bei ihm geklingelt habe.

Hamburg ist eben nicht laut, nicht indiskret, nicht aufdringlich. In Hamburg fährt man auch Porsche – aber nicht hochtourig. In Hamburg interessiert man sich auch für Prominente, vermeidet aber jede Form von Fanverhalten. Entweder begegnet man einander auf Augenhöhe – oder man lässt es. Denkbar wäre, man würde an der Aral-Tankstelle ein Gespräch über das Benzin-Kartell beginnen oder über die neueste Entwicklung auf dem US-Markt, denn man weiß ja, wo der Moderator als Korrespondent gearbeitet hat. Und Witze über Geld und Moral zettelt man erst dann an, wenn man sicher ist, nicht im Glashaus zu sitzen.

Also, was ist nun hanseatisch? Natürlich stimmen die Klischees, wie fast jedes Klischee stimmt. Der Hamburger ist immer richtig angezogen, wenn er zur Flanellhose den dunkelblauen Blazer trägt, natürlich mit Goldknöpfen. Die Medienmeute liebt es, am Arbeitsplatz das Jackett über den Stuhl zu hängen und die mittelblauen Ärmel zweimal umzukrempeln, wie es Stefan Aust bei Spiegel-TV zelebriert hat. Unten herum reichen Jeans.

Die Damen der gut situierten Familien aus Eppendorf, Wohldorf, Welligsbüttel und dem Hamburger Westen haben bis gestern mit den Grünen geflirtet. Viele wählen sie auch. Trotzdem transportieren sie ihre Kinder und deren Freunde im Geländewagen vom Klarinetten-Unterricht zum Hockey-Training und verbrauchen 16 Liter Super-Plus auf 100 Kilometer. Sie haben karierte Strümpfe an und Pullis mit Perlenkette oder passendem Halstuch. Während die eine den Fahrdienst übernimmt, hat ihre Freundin Freizeit für den Bridge-Nachmittag. Am Ende wird der Gewinn gespendet.

Hamburg ist Deutschlands größte Stiftungsstadt mit 950 Gründungen. Hier herrscht Bürgersinn. Hier gibt es noch viel „Altes Geld“, also Reichtum, der nicht um die Jahrtausendwende im Börsenboom emporgeschossen ist. Und man spendet leise. Werner Otto – vom Otto-Versand Hamburg – hatte fünf Millionen zugesagt, um in Potsdam das Belvedere am Pfingstberg aus Ruinen auferstehen zu lassen. Als er zur Besichtigung des fertigen Turms die Stufen erklomm, fragte er die Finanzministerin halblaut: „Wie viel hab ich noch gegeben?“ Die Politikerin dehnte die Schweigeminute bewusst aus und fragte dann zurück: „Sieben? Oder acht?“ – „Also acht“, sagte Otto. Normalerweise finden solche Gespräche nicht in luftiger Höhe statt. Eher greift der Bürgermeister in seinem Kontor zum Telefon: „Können Sie sich vorstellen...?“ Ja, sie können. Ehepaar Greve, Spitzenreiter der Spenden-Liga, kündigte 30 Millionen an, Reemtsma, Otto und ein paar weitere Gönner stockten bis fast 60 Millionen auf – und schon war die Basis für die neue Philharmonie gelegt. Und der Opposition ist der Wind aus den Segeln genommen.

Es ist nicht sehr hanseatisch, einen Hamburger zu duzen, den man kaum kennt. Schon gar nicht auf Wahlplakaten: „Ole von Beust. Dein Bürgermeister.“ Allenfalls ist das sogenannte „Hamburger Du“ möglich, das den Kollegen mit dem Vornamen und „Sie“ anspricht. So hat es Gräfin Dönhoff einst in ihrer „Zeit“ kultiviert. Dort ist Michael Naumann geprägt worden. Hanseatisch ist der Anglo-German-Club an der Außenalster, wo noch bis vor einigen Jahren Damen keinen Zutritt hatten. Hanseatisch sind der Norddeutsche Regatta-Verein, der Club an der Alster, der Übersee-Club, der Hamburger Golf-Club Falkenstein. Alles Vereine, die ein bisschen gediegen sind und eines gemeinsam haben: Eine Affinität zum Englischen. 6o Prozent der Hamburger sprechen Englisch. Die meisten Bürgermeister taten es auch. Mal mehr, mal weniger. Hier hat der Kandidat Naumann einen Vorsprung.

WANN WÄHLT DER HAMBURGER NICHT HANSEATISCH?

Es gibt in der Geschichte mindestens drei Termine, an die der aufgeklärte Hamburger mit rotem Kopf denkt: 1934 wehrten sich die Hanseaten nicht mit voller Kraft gegen die Nationalsozialisten. Der Widerstand, abzulesen an den Prozentzahlen, schwand mehr und mehr. Immerhin flüchtete Altonas sozialdemokratischer Bürgermeister Max Brauer ins Ausland. In den 90er Jahren kam eine exotische Pflanze in die Bürgerschaft, die so schnell verwelkte, wie sie aus dem Sumpf der Unzufriedenen emporgeschossen war: Die Stattpartei. In ihrem Beet sammelten sich vor allem diejenigen, die Angst vor Kriminalität hatten. Sie verschwanden schneller als die Schill-Partei, mit der Ole von Beust Anfang dieses Jahrzehnts eine unselige Ehe einging. Wenn der Hamburger fürchtet, es könnte an sein kleines oder großes Gesparte gehen, dann wählt er jene Leute, die mehr Law and Order versprechen. Wie „Richter Gnadenlos“. Und dann ist es auch egal, ob man arm in Barmbek ist oder reich in Othmarschen. Dann heimst so ein Typ schon mal 19 Prozent ein. Auch Abonnenten der Staatsoper sympathisierten mit ihm. Da wurde es beim Abendessen im feinen Pöseldorf schon mal laut, wenn ein entsetzter Gast aus dem Programm der düsteren Truppe vorlas. Am Ende kam es zum größten Schachzug von Ole, als er sich wegen seiner homoerotischen Neigungen nicht erpressen ließ. Da hatte die Hansestadt mit einem Satz das Niveau von Berlin und San Francisco erreicht.

Das wirkliche Protestpotential der Hansestadt ist klar begrenzt und heißt Schanzenviertel. Es entstand Ende des 17. Jahrhunderts im Kampf gegen die Dänen. Aus der Verteidigungsstrategie ist strategisch eher eine Kontertruppe entstanden. Der größte Feind ist die Polizei. Hier leben etwa 10 000 meist junge Einwohner. Bei der letzten Wahl votierten 40 Prozent für Grün.

WAS IST WELTSTÄDTISCH AN HAMBURG?

Auch hier starten wir aus der Negation. Wenn der Hamburger in der Welt herumfliegt – und das tut er leidenschaftlich gern – ist er bei jeder Ankunft wieder peinlich berührt. Nein, es sind nicht so sehr die permanenten Baustellen, es sind vielmehr die fest aneinandergezurrten Trolleys, die nur mit fünfzig Cent oder einem Euro befreit werden können. Wer hat sie zur Hand, wenn er mit all seinem Gepäck dasteht? Wer kann wechseln? Da ist man so genervt, dass man später nicht einmal seinen Einsatz zurückholt. Solch ungastliches Ritual erlebt niemand in bedürftigeren Regionen wie Andalusien oder Süd-Portugal. Und dann begrüßt „Bild“ seine Leser auf Seite 3 auch noch so gar nicht weltstädtisch mit der Schlagzeile: „Guten Morgen, schönste Stadt der Welt.“ Ja, das weiß man doch!

Weltstädtisch an Hamburg ist die Alster, die Elbe, Desy, der größte Teilchenbeschleuniger – versteht zwar keiner, macht aber nichts. Weltstädtisch ist das Hotel Vier-Jahreszeiten, auch wenn es unter japanischer Flagge floriert, die Hafencity, der rote Backstein, der die Stadt durchzieht, Ohlsdorf, der größte Friedhof Europas, wo schon mal Strafmandate wegen zu hoher Geschwindigkeit verteilt werden, der Stadtpark, eine grüne Lunge größer als der Central Park von New York, John Neumeier und sein Ballett, die Airbus-Produktion, um die es schon viele Wahlkämpfe gegeben hat und heute gern von allen Parteien reklamiert wird. Außerdem die Hamburger Wochenmagazine, die sich noch mit jeder Regierung angelegt haben. Und am Ende Helmut Schmidt: Wer kann schon einen so kompetenten Kauz in seiner Stadt vorweisen?

WENN HAMBURG GEFÜHLE ZEIGT

Es ist eine Legende, dass der Hamburger nicht sentimental sei. Wenn der Stimmungsbarde Lotto King Karl in der HSV-Arena „Hamburg, Meine Perle“ intoniert, kommen so manchem Fan die Tränen. „Du bist die Stadt, auf die ich kann.“ Wenn Hans Albers die „Weiße Taube“ fliegen lässt, schunkeln wildfremde Reeperbahnbesucher miteinander. Und wenn der Epigone Freddy Quinn in Geldnot gerät, greifen ihm die Hamburger schon mal unter die Arme.

Der Hamburger und seine großen Bürger – oft eine spröde Angelegenheit. Der Theatermann Lessing, der Durchreisende Heinrich Heine und Friedrich Gottlieb Klopstock haben ihre Spuren hinterlassen. Heute ist das Angebot weit flüchtiger. Die beständigsten sind Siegfried Lenz und Uwe Seeler, Udo Lindenberg und Wolf Biermann, der von Altona aus die Containerschiffe auf der Elbe besingt. Peter Rühmkorf wohnt nicht weit entfernt, Willy Bartels, der „König von St. Pauli“, ist im vergangenen Jahr gestorben. Heidi Kabel, die populärste Volksschauspielerin, wird im Altersheim gut betreut.

Nun müssen sich die Hamburger bescheiden. Sie begegnen schon mal Uli Wickert, dem schreibenden Anchorman a.D., dem Theater-Guru und politischen Strippenzieher Jürgen Flimm, dem Komiker Otto, dem Neu-Hamburger Sky Dumont, der mit gelber Fliege für die FDP kämpft, dem Allesschreiber Hellmuth Karasek, seltener der Modediva Jil Sander, nicht so gern Eva Herman, gelegentlich der Schwimmerin Sandra Völker und in Eppendorf dem Fußballkünstler Rafael van der Vaart – „Du kannst gehen, aber lass Deine Sylvie hier“, so wurde er auf Transparenten verhöhnt. Man kennt den Filmemacher Hark Bohm und hofft, im Stadtteil Ottensen den türkischen Kollegen Fatih Akin zu sehen. Einer der besten Schauspieler, Ulrich Tukur, hat offensichtlich das Rezept für die größte Lebensqualität gefunden: Er wohnt, je nach Jahreszeit oder Angebot, in Venedig und Hamburg, das stolz darauf ist, mehr Brücken zu besitzen als das italienische Pendant im Wasser. Oder man trifft sie alle bei Paolino oder Mario oder Cuneo – wie die italienischen Wirte sowieso berühmter sind als ihre Stammgäste.

Und der Künstler, der überhaupt am präsentesten ist, lebt nicht mehr: der geniale Zeichner Horst Janssen. Gehen Sie mal an der Elbe spazieren und schauen Sie – was der Hamburger ja eigentlich nicht macht – durch die Fenster und auf die Wände. Für jede Fehlanzeige gibt’s eine Currywurst, denn die wurde ja in Hamburg erfunden, wie der Schriftsteller Uwe Timm eindrucksvoll bewiesen hat.

Hamburg, die Hafenstadt des Handels und Wandels. Ein böser Spruch lautet: Der ehrbare Kaufmann verkauft seine Großmutter im Sack. Der ehrbare Hamburger Kaufmann liefert auch.

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