Zeitung Heute : Wahlkampf auf der Trostbrücke

Wenn er auf der Straße Mandarinen unters Volk verteilt, wirkt er steif und etwas spröde. Thomas Mirow ist kein Mann für große Gesten. Der Hamburger SPD-Spitzenkandidat setzt ganz auf Fachkompetenz. Die hat er, wie er in den letzten Tagen oft bewies. Aber reicht das schon?

Armin Lehmann[Hamburg]

Thomas Mirow sitzt in einem kahlen Zimmer, es sieht aus wie ein verlassener Klassenraum, nur mit Tischen und Stühlen bestückt. Der Spitzenkandidat der Hamburger SPD ist in den Rieckhof gekommen, ein Bürgerhaus im Stadtteil Harburg, um erst mit Kirchenvertretern zu diskutieren und dann Bezirksjournalisten Fragen zu beantworten. Nebenan turnen Senioren, in einem anderen Raum töpfern Kinder. Thomas Mirow gibt hier den Wahlkämpfer, aber es sieht nicht so aus, als hätte er viel Freude an diesem Termin: Seine Interviewpartner guckt er kaum an, er antwortet freundlich, aber kühl und distanziert.

In einer Stunde wird er Henning Scherf treffen, Bremens Bürgermeister, den alle wegen seiner Volksverbundenheit so lieben und der sich nicht zu schade ist, im Karnevalskostüm Bürgernähe zu demonstrieren. Scherf hätte mitgeturnt oder mitgetöpfert, aber Thomas Mirow würde das nicht ertragen, Verkleidung und ungeübte Gymnastikeinlagen. Mirows Spezialität ist nicht Bürgernähe, er will Kompetenz zeigen.

Vertrauter von Willy Brandt

Am 29. Februar wird in Hamburg neu gewählt, weil die Koalition aus CDU, FDP und Schill-Partei nach nur zwei Jahren gescheitert ist. Ole von Beust ist dafür mitverantwortlich, er hat den Richter Ronald Schill zum Innensenator gemacht, und dennoch liegt Mirow weit abgeschlagen hinter den Sympathiewerten des Ersten Bürgermeisters. Aber den Sohn eines Diplomaten, den Vertrauten von Willy Brandt, den Meisterschüler des renommierten Historikers Karl Dietrich Bracher interessieren diese Werte nicht. Rot-Grün ist rechnerisch noch immer möglich. Er kennt sein Hamburg da draußen. Hier hat er jahrelang als Senator Politik gemacht, hat den SPD-Bürgermeistern Dohnanyi, Voscherau und Runde gedient. Hier will er beweisen, dass er selbst regieren kann.

Und so steigt Thomas Mirow im Wahlkampf vorsichtig die hohen Stufen der Patriotischen Gesellschaft hinab, der ältesten Bürgerinitiative Hamburgs. Hinter ihm vier Frauen und vier Männer. Das massige Backsteingebäude wirkt von außen erhaben, aber hier drinnen im Flur zwischen zwei Gebäudeteilen riecht es nach Putzmitteln, der edle Eindruck verflüchtigt sich schnell. Das Haus liegt an der Trostbrücke, passend für einen sozialdemokratischen Wahlkampf mit miserablen Umfragewerten für die Bundespartei.

Mirow greift etwas unbeholfen zum Mikrofon und präsentiert ohne große Regung seine möglichen Senatoren. Das Kompetenzteam steht hinter ihm so steif da wie er selbst. Mirow lächelt gequält und liest komplizierte Sätze vor: „SPD-Bildungsexpertin Britta Ernst wird klären, was zu tun ist, damit eine Offensive für die Gründung von Ganztagsschulen beginnen kann.“ Und weiter: „Im Sinne einer Strategie für Teilnahme und Teilhabe haben wir in unserem Wahlprogramm festgeschrieben, dass wir Menschen mit geringem Einkommen wieder ein vergünstigtes Ticket für den Nahverkehr anbieten.“

Mirows Kampagnenleiter Christoph Holstein sagt dazu, dass die Menschen in der Stadt diese Details wissen wollen, und es deshalb nicht um große Visionen gehen dürfe, sondern um Antworten auf die Probleme der Bürger. Aber an diesem Tag, an dieser Treppe, erschließt sich noch nicht, warum Thomas Mirow kompetent und wählbar sein soll. Spröde und ohne Leidenschaft war er hier, so wie ihn der politische Gegner gerne sieht. Aber kann das schon alles gewesen sein?

Thomas Mirow wird am 6. Januar 1953 in Paris geboren, er macht sein Abitur in Bonn und studiert danach bei Karl Dietrich Bracher. Der 81-Jährige schwärmt noch heute von dem „verlässlichen, jungen Mann“. „Charakterstark und dezent“ sei Thomas Mirow gewesen, „ein Student mit guten Manieren und Weltkenntnissen“. Schon mit 22 Jahren arbeitet Mirow an seiner Doktorarbeit über die europapolitischen Konzeptionen Charles de Gaulles. Über seine Freundschaft zu Willy Brandts Söhnen kommt er dessen Familie näher und wird Assistent des damaligen SPD-Parteichefs. Bald ist er Referent, dann Leiter des Büros von Brandt, und im Mai 1983 wechselt Mirow als Chef der Staatlichen Pressestelle nach Hamburg. Er ist wieder mal der Jüngste, er macht seine Sache wieder gut, und so wird er einer der politischen Vertrauten von Bürgermeister Donahnyi. Mirow bekommt auch später als Wirtschaftssenator der rot-grünen Koalition, die 2001 abgewählt wird, viele Komplimente – nur ein Urteil engster Vertrauter schmerzt: „Der Mann ist gut, aber nicht für die erste Reihe.“

Dieser Makel hängt an Mirow wie eine Klette. Der Kandidat kämpft nicht mit Gewalt dagegen an, bleibt meist ruhig. Aber er kann sich auch aufregen. Wenn die Grenzen zur Beleidigung überschritten werden. Als seine Genossen ohne sein Wissen eine Art Psychogramm über Ole von Beusts Charakterschwächen erstellen lassen und der Presse die Schlagzeile „Geheimplan, so will Mirow von Beust schlagen“ liefern, bekommt der SPD-Mann einen seltenen Wutausbruch. Wirbt er doch auf den Wahlplakaten für „Klarheit und Wahrheit“ und „bürgt“ für allerlei Versprechen. Seine Gegner lachen darüber, Mirow ist überzeugt von seinem geraden Weg.

Auf dieser Strecke muss er am amtierenden Bürgermeister vorbei. Gelegenheit dazu bietet ein Fernsehduell, von Maybrit Illner moderiert und von Phönix live übertragen. Die meisten der 350 handverlesenen Gäste im Springer-Gebäude erwarten, dass ihr Gute-Laune-Bürgermeister dem artig gescheitelten Mirow keine Chance lässt. Um die letzten Minuten vor Sendebeginn zu überbrücken, soll Mirow einen Witz erzählen: „Was passiert, wenn die Sozis die Wüste regieren? Erst gar nichts, dann wird der Sand knapp.“ Von Beust fällt kein Witz ein. Mirow schlägt sich fortan nicht nur mit Humor, sondern auch mit Fachkenntnis so gut, dass die örtliche Presse von einem „ungewohnt sympathischen“ Herausforderer schreibt. Kitafrage, Wirtschaftsstandort, Bildungsnotstand, Reformpolitik, Gesundheitsdilemma – der Kandidat hat zu allem etwas zu sagen, und klingt dabei gar nicht schlecht.

Aber reicht das schon: fair und kompetent? Wenn Menschen spontan auf Thomas Mirow zukommen, hält der Kandidat Distanz. Er redet nicht viel, er hört zu. Mirow schüttelt nicht gerne fremde Hände, er erklärt geduldig, warum diese SPD noch wählbar sein soll. „Parteien müssen damit rechnen, für langfristige Entscheidungen auch einmal abgewählt zu werden. Politische Verantwortung reicht weiter als bis zur nächsten Wahl.“ Mirow verteidigt die Reformen des Kanzlers, und er begrüßt die neue Konstellation in Berlin um den designierten Parteichef Franz Müntefering.

Nur zwei Tage nach Kanzler Schröders Verkündung sitzt der künftige SPD-Parteichef im Wandsbeker „Quarree“, einem Einkaufszentrum, und spielt den neuen Hoffnungsträger im Wahlkampf. Das kleine Café Andersen ist so gut besucht wie nie, von Journalisten aus ganz Deutschland. Die Erdbeben im Lager der SPD haben aus Thomas Mirow ungewollt einen Wahlkämpfer für die Bundespartei gemacht. Das behagt ihm nicht. Der Kandidat zieht die Schultern hoch, so dass das Sakko spannt. Das macht er immer, wenn er nervös ist. Er hat den vielen Fernsehteams Wichtiges mitzuteilen und verspricht „dem Franz als Morgengabe einen Wahlsieg in Hamburg“. Müntefering streichelt mit einem Slogan zurück: „Hamburg braucht einen Kopf, wer ein Gesicht will, soll Ole wählen.“ Aber er verlangt auch nicht weniger, als dass die Hamburger SPD im Superwahljahr fortan das „Flaggschiff“ sein möge.

Später, im Wandsbeker Cinemaxx-Kino, fordert Müntefering das Publikum auf, für die Partei zu kämpfen. Mirow sitzt in Reihe eins auf Platz 13, er trägt heute keinen Anzug, sondern ein helles Sakko, weißes Hemd und dunkle Hose. Hier greift Mirow locker zum Mikro. Er wirkt entspannt bei seinem Vortrag. Mirow sagt inhaltlich mehr als Müntefering, aber der greift den Leuten ans Herz. Der „Münte“ ist einer von ihnen, Mirow will das nicht sein. Dabei kann er das auch ein bisschen. Vielleicht nicht draußen im Volk, wo er Mandarinen verteilt. Aber als Gerhard Schröder in der Stadt ist und Mirow vor 1500 Zuschauern im Congress Centrum Hamburg plötzlich wie ausgewechselt vor dem Rednerpult steht, engagiert und mit Leidenschaft, da springt der Funke über auf sein Publikum. Mirow als Einpeitscher? Es geht ja.

Die Skepsis des Akademikers

In Hamburg dämmert der graue Abend heran. Mirows silberne Dienstlimousine bahnt sich den Weg in Richtung Innenstadt. Im Auto ist Distanz nicht möglich, aber damit hat der Kandidat jetzt kein Problem. Der Mann strahlt auch Wärme aus, ist authentisch und ehrlich sowieso – das sagt ein alter Studienfreund, der heute beim ZDF arbeitet. „Der Thomas kann auch ein hervorragender Gastgeber sein, unterhaltsam, komisch.“ Und er weiß, sagt der Freund, dass das Studium Mirow „Misstrauen gegenüber den großen Ideen“ gelehrt habe.

Mit der Skepsis des Akademikers betrachtet Mirow den modernen Politikbetrieb. Einige seiner Freunde finden, „Thomas Mirow passt nicht so recht in die Zeit großer Gesten und lauter Talkshows.“ Der Kanzler wollte ihn einmal für eine Aufgabe nach Berlin holen – aber Mirow ist sich und Hamburg treu geblieben. Die politische Treibjagd in der Hauptstadt ist nichts für ihn. Und über den gelegentlich hemdsärmligen Stil des Kanzlers schüttelt der Kandidat manchmal den Kopf. Wenn es aber mit allen seinen politischen Überzeugungen nicht reicht für das Amt des Ersten Bürgermeisters? Dann wird Thomas Mirow nach Hause gehen, zur Frau und den beiden Töchtern. Um jeden Preis muss er Politik nicht haben.

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