Zeitung Heute : Wahlkampf der Kulturen

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Von Markus Feldenkirchen

Nein, das ist keine Wahlkampfrede. Dazu fehlt der Marktplatz, dazu fehlen die Würstchenschwaden. Und der Bürger fehlt auch, zumindest der klassische. In den schmalen Stuhlreihen des Daimler- Chrysler-Baus am Potsdamer Platz sitzen ein bescheidener Teil der Elite von Berlin-Mitte und viele SPD-Funktionäre, die vor allem gekommen sind, um Kraft zu tanken für die anstehenden Wahlkampf-Wochen. Der Bundeskanzler wird eine „ Grundsatzrede“ halten. Man erwartet Klarheit und Führung. Und in der Tat soll sich in der nächsten Stunde, hier beim SPD-Kongress „Die Mitte in Deutschland“ einiges klären. Aus dem Umfragen-Außenseiter Gerhard Schröder soll der Angreifer werden, der endlich die Strategie gefunden hat, mit der er seinen Konkurrenten Stoiber besiegen will. Am Ende wird das Wort vom Kulturkampf durch die Funktionärsreihen wandern.

Hier zwischen den achtstö ckigen Schluchten des glasbedeckten Chrysler-Gebäudes verrät Schröder endlich, was er dem schneidigen Herausforderer aus Wolfratshausen entgegensetzen will. Er skizziert die Alternative zu Edmund Stoibers Fakten-Fakten-Fakten-und-immer-an- die-Wirtschaft-denken- Wahlkampf. Er, Schröder, der doch immer so gern das Bild des Genossen der Bosse kultivierte, sagt nun, dass es im Wahlkampf nicht nur um „die harten Themen“ gehe, um Steuern, Haushalt und Arbeitsmarkt also. Nein, nein. Er habe in seinem Manuskript eine Menge Zahlen stehen, „aber die will ich Ihnen heute ersparen“. Die kommende Auseinandersetzung, sagt er, habe viel mit der Frage zu tun, welche politische Kultur die Bürger wollen. Er stockt, holt Luft, geht in die Knie, um dann mit der Brust nach vorne über das Rednerpult zu wippen. „Da freue ich mich ganz besonders drauf!“, sagt der neugeborene Softie Schröder.

Keine Zahlen. Damit hat er mal nebenbei den Wahlkampf der Kulturen ausgerufen. Er antwortet auf Stoibers heilige Dreifaltigkeit aus Heimatliebe, Patriotismus und Nationalstolz. Schröder setzt dem sein Konzept einer offenen, toleranten Gesellschaft entgegen. Berlin-Mitte gegen Passau, moderner Hauptstadtbau gegen Stadthalle mit Blaskapelle. Entscheidend seien Engagement und Begabung der Menschen, nicht ethnische Herkunft, nicht sexuelle Orientierung, sagt Schröder. Die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, die Einführung der Homo-Ehe, die Schröderschen Klimaveränderungen für Deutschland – „wenn wir nicht aufpassen, geht das wieder verloren“. Wie die Union zu diesen Reformen stehe, zeige ja, dass sie dagegen vor Gericht gezogen sei. Plö tzlich ist ihm auch das Thema Zuwanderung, das er sonst auffällig nebenbei behandelt, sehr willkommen. Menschen ferner Länder sollen Platz haben in seiner neuen Mitte, die schon etwas abgestanden ist und deshalb der optischen und rhetorischen Auffrischung bedarf.

Die SPD-Strategen haben hinter den Kanzler ein großes Plakat gestellt, schön blau, ein See, ein schwarzer Fleck in seiner Mitte, wie ein Stein, der ins Wasser geschmissen seine Kreise zieht. Was die Kunst nur andeuten kann, versucht der Kanzler in klarere Worte zu kleiden. Und so entsteht, Satz für Satz, eine Art Neuauflage jenes Zauberbegriffs von der „Neuen Mitte“, der des Kanzlers Sozialdemokraten bei der letzten Wahl so wohl getan hat. „Ich bin nicht in die Mitte hinein geboren“, beginnt der Kanzler die Beschreibung der „kleinen und ärmlichen Verhältnisse“, in die er damals geboren wurde. Damals, sagt Schröder, habe es als ausgemacht gegolten, dass man dort bleibt, wo das Schicksal einen platziert hat, in seinem Fall war das „am unteren Ende der Gesellschaft“. Nur über Bildung und Leistung habe er den Weg in jene Mitte gefunden, für die er heute Politik macht, die aber nur schwer zu beschreiben ist.

Ein Versuch: Mit jeder Minute SchröderRede kommt einem die Mitte immer mehr wie eine wohlige Wanne vor, in der man zusammenrückt, damit es wärmer wird und die am besten alle aufnimmt, ob Arme, Reiche, Schlaue und weniger Schlaue, Deutsche und Tadschiken, Hauptsache, die Mitte-Menschen sind bereit, etwas zu leisten. „Die Mitte“, sagt Schröder, „ist das Lebensgefühl einer Gesellschaft.“

Ende einer Grundsatzrede. In den hinteren Reihen wird nun eifrig über das Gehörte diskutiert, lebendig, erregt, man ist zufrieden. Vorne sitzt in Reihe eins ein zurückgelehnter Redner, die Arme genüsslich vor der Brust verschränkt und blickt nach oben durchs Glasdach in den Himmel über Mitte, aus dem es regnet. Er lächelt.

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