Zeitung Heute : Wahlkampf der schlafenden Hunde

Bloß nicht polarisieren, heißt es bei der CDU in NRW, sonst wachen die SPD-Wähler noch auf

Robert Birnbaum

Mit Herne, von Ingo Bontempi und seiner CDU aus betrachtet, isses echt schwierig. Herne, nördliches Ruhrgebiet, Abbruchbagger statt Zechentürmen, Arbeitslosenquote 18,7 Prozent, in der Fußgängerzone nebeneinander der „Super-Sparmarkt“, der „Alles-1-Euro-Shop“ und der „Inferno Megastore“. Wenigstens erinnert das Kulturzentrum daran, dass auch hier die Zukunft mal neu war: dunkle Holzvertäfelung, orangerote Decke, Schwingtüren mit Astronautenlukenfenstern. So was hieß damals futuristisch, und im Grunde müssten auch die 82 zumeist etwas älteren Damen und Herren an den Resopaltischen im Foyer der Zukunft hoffnungsfroh entgegensehen. In allen Umfragen für die Landtagswahl am 22. Mai liegt ihre CDU so gut wie uneinholbar vorn. Doch in Herne tut man sich als Christdemokrat schwer mit dem Glauben, demnächst Nordrhein-Westfalen zu regieren. Ingo Bontempi besonders. Der sitzt als einer der Bürgermeister im Rathaus und hat mit viel gemurmeltem „Jawoll!“ und „Richtig!“ dem CDU-Generalsekretär Volker Kauder zugehört. Jetzt hat er aber noch eine Frage an den Gast aus Berlin. Auch wenn sie ihm peinlich ist. Aber trotzdem: „Nämlich, wir haben da ein bisschen ein Problem mit der Person Rüttgers.“ In der Fußgängerzone sagen die Leute, der Peer Steinbrück, den fänden sie besser. „Dass Sie uns da vielleicht noch so’n paar Argumente geben?“

Mit Herne, man sieht, isses schwierig. Tiefrote Gegend hier; selbst im Inferno der Kommunalwahl 1999, als überall die Mauern der SPD-Hochburgen einstürzten, haben die Sozialdemokraten ihren Vorsprung knapp behauptet. Seit der Kommunalwahl 2004 herrschen sogar wieder die alten Zustände: zwei Drittel SPD, ein Drittel CDU. So war das lange Zeit normal im Ruhrpott. Das Sauerland war schwarz, das Münsterland auch, Ostwestfalen und das Bergische, im katholischen Rheinland ganze Regionen. Und doch war der Rest von Nordrhein-Westfalen nie so schwarz wie das Revier rot. 39 Jahre lang nicht.

„Genug ist genug“, hat die CDU plakatiert. Auf ihren Großplakaten schaut ein Weißbärtiger unter einem blütenweißen Bauhelm dem Wähler ins Auge. Der soll sinnbildlich für „Arbeit statt Bürokratie“ stehen, sieht aber mehr nach Büroarbeit aus, trotz Helm. Der Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers lächelt einstweilen sehr viel dezenter von Holzständern an Straßenecken. Rüttgers soll erst nächste Woche groß ins Bild kommen. Dann sind noch zwei Wochen bis zur Wahl. Die muss die CDU noch überstehen. Am besten so, dass es keiner merkt. Vor allem so, dass keiner merkt, was hier auf dem Spiel steht. „Es geht ausschließlich darum, dass in Nordrhein-Westfalen eine neue Landesregierung gewählt wird“, versichert Kauder jeder Wahlversammlung, die er besucht. Er besucht aber so viele, dass man das nicht glauben kann.

Es stimmt ja auch nicht. In Düsseldorf regiert die letzte rot-grüne Landesregierung. Nordrhein-Westfalen ist die Herzkammer der Sozialdemokratie. So etwas wie Baden-Württemberg für die CDU, oder Bayern. Für Angela Merkel und ihren General ist die rote Festung NRW das letzte Bollwerk vor dem Marsch aufs Kanzleramt. Und Jürgen Rüttgers, um im Bild zu bleiben, wäre sozusagen der Rammbock der Christdemokratie.

Nur sonderbar, dass man so wenig Schlachtenlärm hört.

Zum Beispiel in Solingen. In der Stadt der Messerschmiede, im „roten Solingen“ hat die CDU in der Kommunalwahl 1999 die Mauern geschleift, im vorigen Herbst hat sie, mit Abstrichen, die Stellung gehalten. „Keine Angst vor vermeintlichen Hochburgen!“, ruft Oberbürgermeister Franz Haug in das proppenvolle Theater- und Kulturhaus. Angela Merkel nickt beifällig. Draußen vor dem Saal hält ein Dutzend Jusos selbst gemalte Plakate hoch – „Klarer Kurs statt Rolle Rüttgers“ – und ärgert sich, weil die von der Gewerkschaft vorher groß getönt haben, dass sie auch kommen, aber nix is.

Drinnen redet derweil die CDU-Chefin darüber, „wie es mit Ihrem, dem größten Bundesland weitergeht“. Das Bemerkenswerteste an dieser Rede ist, was darin alles nicht vorkommt. Franz Münteferings Heuschrecken? „Da gibt es Diskussionen, die sollen im Wesentlichen ablenken von der Lage.“ Joschka Fischers Visa-Affäre? „Im Übrigen brauchen wir dann auch Politiker, die nicht nichts gewusst haben oder sich nicht erinnern können.“ Sehr ausführlich dagegen kommt Roland Koch vor. Der Hesse als Vorbild, gleich vier Mal: „Wo die Union regiert, geht’s den Menschen besser.“

Wobei – ganz so beiläufig, wie sie tut, behandelt Merkel den antikapitalistischen Franz gar nicht. Indirekt spielt der eine Hauptrolle. Wenn die Rede nämlich darauf kommt, was die CDU tun will gegen den rauen Wind der Globalisierung. Mit den Niedrigstlöhnern dieser Welt um die Wette konkurrieren nicht, sagt Merkel. Es müsse andersherum gehen: „Wir müssen immer so viel besser sein, wie wir teurer sind.“

Der Beifall für diesen Satz fällt spärlich und zweifelnd aus. Auch in der Fußgängerzone von Solingen gibt es einen Schnäppchenshop, der Küchenmesser made in China verramscht. Die schneiden nicht so gut und halten nicht so lange wie Solinger Stahlwaren, kosten aber nur ein paar Euro. Die sind viel billiger als wir besser. Merkel registriert den zögerlichen Applaus genau. In dem Satz steckt das Prinzip Hoffnung, das demnächst die Kanzlerkandidatin verbreiten will. Dieser Wahlkampf ist nicht nur für Franz Müntefering nebenher der Testlauf für 2006.

Für Jürgen Rüttgers ist es kein Test. Für Jürgen Rüttgers ist es der Ernstfall. Rüttgers, Jahrgang 51, muss gewinnen.

Vor der alten Spinnerei in Dülmen stehen ein Amboss und ein kleines Schmiedefeuer. „Zukunftsschmiede Jostmeier“ verkündet das Banner über dem Arrangement. Werner Jostmeier ist der örtliche CDU-Kandidat und hat mal Schmied gelernt. Rüttgers zieht die Anzugjacke aus, lässt sich einen Lederschurz umbinden, dann klopft er auf ein rotglühendes Hufeisen ein. Das ist jetzt alles sehr symbolträchtig, von wegen heißes Eisen anpacken, zeigt allerdings, dass der Kandidat Jostmeier die großen Linien der Wahlkampfführung seiner Partei nicht ganz verstanden hat. Die SPD, lautet nämlich die Analyse im CDU-Wahlkampfteam, leidet unter Enttäuschung ihrer eigenen Anhängerschaft. Die alten SPD-Kämpfer hocken zu Hause und sind sauer über Agenda-Kurs und Hartz IV. In dieser Resignation soll man sie möglichst nicht aufstören. Darum: kein Wort vom letzten Gefecht. Bloß keine Polarisierung. Ball ganz flach halten.

Jürgen Rüttgers kann man nicht nachsagen, dass er sich daran nicht hält. Seine Rede rankt sich um vier Zahlen – von einer Million Arbeitslosen über Verschuldung und Unterrichtsausfall bis Kriminalaufklärungsquote. Der Rest sind Lach- und Sachgeschichten wie die von der Studie über „Gender Foresting“, für die die Grünen-Umweltministerin Bärbel Höhn über 20000 Euro ausgegeben habe zu dem Zweck, herauszufinden, „ob Männer und Frauen unterschiedliche Gefühle haben, wenn sie in den Wald gehen“. Gelächter. So was liegt ihm. Polemik liegt ihm sowieso nicht. Rüttgers, wenn er laut werden muss und kämpferisch, steht immer ein bisschen neben sich. Der Mann ist Spezialist fürs Filigrane und Komplexe. Sein Spruch „Alles hängt mit allem zusammen“ hat es in der CDU zum geflügelten Wort gebracht. Meist wird es etwas genervt zitiert, wegen der wenig schlagzeilentauglichen Vorsicht, die darin steckt, und der Weigerung, sich allzu fest zu legen. Aber für diesen Wahlkampf der schlafenden Hunde kommt so was ja ganz recht.

Nur einmal ist Rüttgers leichtsinnig gewesen, ist ins Fernsehen zu Michel Friedman gegangen und hat sich von dem professionellen Provokateur aus der Nase ziehen lassen, dass das christlich-katholische Menschenbild das Richtige sei „oder wenn Sie so wollen, überlegen“. Das war eine Schrecksekunde. Da blitzte „Kinder statt Inder“ auf, der Spruch aus dem Wahlkampf 2000, der die CDU den kleinen Rest an Chancen kostete, den Kohls Spendenaffäre ihr gelassen hatte. Diesmal ist es beim Schreck geblieben. Kann man ja einem Christdemokraten auch schwer vorwerfen, dass er sein Christentum gut findet. Vielleicht, sagt einer aus der NRW-CDU, war der Schreck sogar ganz gut: „Das war ein Warnschuss an alle in der CDU, die sich schon zu sicher fühlen.“

Nur – fühlen sich denn so viele zu sicher? Jede Rüttgers-Rede, jede Merkel-Rede, jede Kauder-Rede beginnt und endet mit dem Appell, die guten Umfragen nicht schon fürs Ergebnis zu nehmen, zu werben, zu kämpfen. Überall nicken die Leute. Es ist ein auffällig verständnisvolles Nicken. Ganz besonders in Herne. Der Generalsekretär Kauder hat dem Bürgermeister Bontempi übrigens gesagt, dass der Kandidat Rüttgers als Helmut Kohls Zukunftsminister die Biotechnologie gefördert hat, was bei Kauder zu Hause in Baden-Württemberg drei Biotechnik-Zentren habe sprießen lassen, im rot-grünen NRW aber keins. Kann Bontempi also jetzt in der Fußgängerzone den Leuten sagen, die den Steinbrück besser finden.

Aber es hat noch einen anderen Ort gegeben, an dem sie außerordentlich verständnisvoll genickt haben bei der Warnung vor Übermut. In Hiltrup, einem Vorort von Münster, hat Rüttgers bei Kaffee und Kuchen vor der Senioren-Union geredet. Ganz zum Schluss ist Reinhold Uhlenbrock aufgestanden und hat an Franz Meyers erinnert. Das war der letzte CDU-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, 1958 bis 1966. Seither wartet die CDU. Immer vergebens. Uhlenbrock ist schlohweiß geworden darüber. Und jetzt soll es so weit sein? „Wir haben Umfrageergebnisse, davon haben wir 40 Jahre geträumt!“, ruft der alte Mann. In seiner Stimme schwingt Unglauben neben Hoffnung. Wenn die nordrhein-westfälische CDU am 22. Mai die Wahl gewinnt, wird niemand darüber verblüffter sein als sie selbst.

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