Wahlkampf in den USA : Nun wird’s zivil

Malte Lehming

Vorhang auf, das Theater ist zu Ende! Denn das war es zum Schluss, ein Theater. Barack Obama gegen Hillary Clinton: Was spannend, ja packend begonnen hatte, zog sich bloß noch hin, die Dramatik nutzte sich durch Wiederholung ab, wurde schließlich nervtötend. Er, der erste Schwarze, sie, die erste Frau: Das Beschwören dieser Einzigartigkeit ermüdete mehr, als dass es elektrisierte. Wandel, rief der eine in hundert Tonlagen, Erfahrung, skandierte die andere in mindestens ebenso vielen. Und die Demokraten? Die blieben unentschieden bis zuletzt. Obama steht zwar jetzt als Sieger fest, und er hat als Außenseiter immerhin die als unschlagbar geltende Clinton bezwungen, aber sein Sieg ist ein Arbeitssieg. Seit Wochen galt er als Favorit, aber genützt hat ihm dieser Imagebonus kaum. Clinton gewann weiter in wichtigen Bundesstaaten, Obama rettete seinen knappen Vorsprung lediglich über die Zeit. Triumphal geht anders.

Nun also das wahre Duell: Barack Obama gegen John McCain. Doch zuvor muss eine andere Frage beantwortet werden: Was wird aus Hillary Clinton und ihren Anhängern? Wird sie, einsichtig und selbstlos, Obamas Sieg akzeptieren und einen Schritt zurücktreten? Wird sie zur Versöhnung aufrufen und mit all ihrer verbliebenen Kraft Obama unterstützen? Das wäre ein Zeichen jener Größe, die die Demokraten dringend bräuchten, um sich mit neuem Elan ihren eigentlichen Widersachern, den Republikanern, zuwenden zu können. Seit Januar drehten sich die Demokraten um sich selbst, stritten um die eigene Identität. Doch das ganze Land muss ins Visier genommen werden, um eine skeptische, zum Teil verunsicherte Klientel zu überzeugen. Um es, in Erwartung der EM, fußballerisch auszudrücken: Wer die Kapitänsbinde tragen darf, hat die Mannschaft entschieden, jetzt muss sie auf den Platz laufen und das Spiel gewinnen.

Ob das gelingt, hängt von den Botschaften ab, die beide Kandidaten über sich und ihren Rivalen verbreiten, davon also, was haften bleibt. Über sich selbst sagt Obama: Ich verkörpere den Wandel, erlöse euch von der Schmach, die George W. Bush übers Land gebracht hat, den Irakkrieg habe ich stets abgelehnt, meine bloße Präsenz im Weißen Haus wird Amerikas Ansehen in der Welt schlagartig verbessern, denn in der Politik ist das Neue manchmal ein Wert an sich. Über McCain wird er sagen: Ein respektabler, alter Mann, dessen Lebensleistung Ehrfurcht verdient und der viel für das Land getan hat. Leider wird er bei Amtsantritt 72 Jahre alt und ohnehin zu eng mit dem Bush-Clan verbandelt gewesen sein.

McCain wiederum sagt über sich: Ich war immer unabhängig, habe mir keine Vorschriften machen lassen, habe jahrzehntelange Politikerfahrung, folge meinen Prinzipien, rede niemandem nach dem Mund, war für den Irakkrieg, der aber bei richtiger Führung erfolgreich verlaufen wäre. Und über Obama: Ein großes, rhetorisch beeindruckendes Talent, das eine prächtige Zukunft vor sich hat, ein Mann, der fasziniert und mobilisiert, der aber noch zu jung und unerfahren ist, um schon der mächtigste Mann der Welt sein zu können. Außerdem steht er weiter links als die Mehrheit der Demokraten, möchte mit dem Iran verhandeln, riskiert womöglich die Sicherheit Israels und will, wie ich, die Truppen aus dem Irak abziehen, aber als Verlierer, nicht erhobenen Hauptes.

Auf eine subtile Weise könnte dieses Duell noch spannender werden als das innerdemokratische. Heißt spannend auch brutal? Wird es eine Neuauflage jener Schlammschlacht geben, die vor vier Jahren charakteristisch war? Wohl kaum. Wahrscheinlich wird McCain-Obama sogar ziviler ausgetragen als Obama-Clinton. Der Finten, Tricks und Fallenstellereien sind die Amerikaner überdrüssig. Sie sehnen sich nach Klarheit, Anstand und Kompetenz. Wer zu stark polarisiert, verschlechtert seine Chancen. Und das ist die Pointe an der Geschichte: Durch das viele Reden über den Wandel hat sich das Land bereits gewandelt. Fehlt nur die Wahl im November, damit es offiziell wird.

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