Wahlkampf in Hessen : Die Störenfrieda

Mit ihr hat niemand gerechnet – weder die CDU noch die eigene Partei. Doch nun könnte Andrea Ypsilanti Roland Koch in Hessen stürzen. Wie hat sie es so weit gebracht?

Stephan Haselberger

Es ist eine schier unglaubliche Geschichte, die da am Sonntag in Hessen auf ihren Höhepunkt zusteuert, und manchmal wirkt selbst die Protagonistin so, als könne sie ihr Glück nicht fassen: „Wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht?!“, ruft Andrea Ypsilanti in diesen letzten Wahlkampftagen unentwegt in Hessens Hallen und Säle: „Wer hätte das gedacht?!“

Gute Frage. Die Antwort lautet: Keiner. Und sie genügt vollauf, um die Genossen jubeln zu lassen. Wer ein SPDParteibuch besitzt zwischen Kassel und Darmstadt, der feiert in diesen Tagen den wundersamen Aufstieg Ypsilantis von der Außenseiterkandidatin zur Königin der Umfragen. Zehn Prozentpunkte liegt die Sozialdemokratin den jüngsten Erhebungen zufolge im Direktvergleich vor dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Dass Ypsilantis Reden ansonsten weder rhetorisch noch inhaltlich Anlass zu begeistertem Beifall geben, dass ihre Positionen etwa zum Ausbau des Frankfurter Flughafens oder zur Finanzierung der versprochenen sozialen Wohltaten vage bleiben – das alles geht in der Euphorie dieser Tage unter.

Die SPD erlebt den Hessen-Wahlkampf als Wintermärchen und sie möchte dabei nicht gestört werden. Nicht von den Schwächen der Kandidatin, ihrer mangelnden Regierungserfahrung zum Beispiel. Und nicht von Querschüssen, wie denen eines Wolfgang Clement, Wirtschaftsminister a. D. Der warnt seit Tagen davor, SPD zu wählen, weil deren Energiekonzept den Standort zurückwerfen werde. Und so sieht man den hessischen SPD-Generalsekretär Norbert Schmitt auch dann noch selig grinsen, als der Bundesvorsitzende Kurt Beck am Montag nach einer Sitzung mit Ypsilantis Schattenkabinett am Frankfurter Flughafen den Fall Clement für erledigt erklären muss.

Überhaupt lassen sich die segensreichen Auswirkungen einer großzügigen körpereigenen Opiatproduktion an Ypsilanti und ihren Mitstreitern am Ende dieses Wahlkampfes aufs Schönste beobachten. Vergangene Woche zum Beispiel tourt eine von innen heraus strahlende Kandidatin munter mit einem Tross von Journalisten durchs Land. Immer wieder hört man Ypsilanti – sonst eher kontrolliert bis reserviert im Umgang mit Medien – laut auflachen. „Es gibt eine Welle, von der sie getragen wird“, sagen Mitarbeiter. „Der Zuspruch macht Spaß“, sagt sie selbst.

Man muss sich noch einmal die Ausgangslage ins Gedächtnis rufen, um den rauschhaften Gefühlszustand der Sozialdemokraten einigermaßen nachvollziehen zu können. Die SPD-Landesvorsitzende und bekennende Parteilinke Ypsilanti war nie die natürliche Spitzenkandidatin ihres Landesverbandes. Die ehemalige Stewardess mit dem griechischen Nachnamen aus früher Ehe musste sich ihre Chance erst in einer Kampfkandidatur erstreiten. Danach aber gelang es der Diplom-Soziologin – sie resolut zu nennen, ist nach übereinstimmenden Angaben hessischer SPD-Abgeordneter keine Übertreibung – für Geschlossenheit im Landesverband zu sorgen. Sie schuf damit die Grundvoraussetzung für einen halbwegs erfolgreichen Wahlkampf.

Mindestens genauso wichtig aber war die Kurskorrektur der Bundes-SPD. Wegen ihrer hartnäckigen Kritik an der Agenda 2010 galt Andrea Ypsilanti dem Berliner Parteiestablishment lange Zeit als kaum erträgliche Nervensäge, als Dauernörglerin vom linken Rand. Er lasse sich von „den Ypsilantis“ dieser Welt doch seinen Kurs nicht vorschreiben, polterte seinerzeit Bundeskanzler Gerhard Schröder. In Hamburg saß Schröder dann aber als Ehrengast auf einem Parteitag, der mit dem Beschluss für eine längere Zahlung des Arbeitslosengelds I eine Kernforderung Ypsilantis erfüllte. Und der die Hessin anschließend mit dem besten Ergebnis in den Parteivorstand wählte. Von der Störenfrieda zur Hoffnungsträgerin – wer hätte das gedacht?

Ypsilanti selbst zieht nach dem Parteitag weiter durch die 55 hessischen Wahlkreise und versucht, die Rendite einzustreichen nach dem Motto: Ich hab’ es ja schon immer gesagt. Kaum ein Auftritt, bei dem sie nicht darauf hinweist, dass sie trotz heftiger Angriffe aus Berlin stets für ein sozialeres Profil der SPD eingetreten ist. „Gereschtischkeit“ – das ist ihr Thema. „Gerescht“ sind Mindestlöhne, höhere Hartz-Regelsätze, größere Schonvermögen, aber auch längeres gemeinsames Lernen von Kindern. Das alles mag nicht bei allen Hessen auf ungeteilte Zustimmung stoßen, aber eines kann die SPD-Linke Andrea Ypsilanti immerhin für sich in Anspruch nehmen – Glaubwürdigkeit.

Wobei wir bei ihrem wichtigsten Wahlkampfhelfer wären, nämlich bei Roland Koch. Ohne die Kampagne des Ministerpräsidenten und stellvertretenden CDUBundesvorsitzenden zur Ausländer- und Jugendgewalt ist Ypsilantis Aufstieg in den Umfragen kaum denkbar. Den überraschenden Schub verdankt die 50-Jährige vor allem dem Amtsinhaber und dessen mutmaßlicher Fehlkalkulation. Erst in Abgrenzung zu Koch, der im Wahlkampf als Anwalt der kleinen Leute und Sprecher einer schweigenden Mehrheit glänzen wollte und dann in den Verdacht geriet, vor allem Anwalt seiner selbst zu sein, kommen die Stärken der Herausforderin zur Geltung. Dazu zählt neben einer höheren Glaubwürdigkeit auch eine sympathischere Ausstrahlung.

Man kann es auch so sagen: Die günstige Stimmungslage für die SPD in Hessen speist sich nicht aus dem weitverbreiteten Gefühl, Ypsilanti müsse unbedingt Ministerpräsidentin in Wiesbaden werden. Sondern aus dem Unmut gegenüber dem Amtsinhaber, aus einer RolandKoch-muss-weg-Stimmung. Wenn diese Stimmung bis Sonntag anhält, dann kann Ypsilanti tatsächlich schaffen, was vor einem halben Jahr keiner gedacht hätte. Aber nur dann.

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