Zeitung Heute : Wahn und Waffen

„Mladic ist kein Sozialarbeiter“, so charakterisierte ihn eine Zeitung in den 90ern. Damals begann seine Laufbahn: zum serbischen General – und zum mutmaßlichen Massenmörder. Jahrelang lebte er im Versteck, nun will er sich angeblich stellen

Caroline Fetscher[Belgrad]

„Hier stehen wir im serbischen Srebrenica, am 11. Juli 1995, und wieder einmal sehen wir uns am Vorabend eines gewaltigen serbischen Festes.“ Großspurig sprach der General zu seinen Leuten und in die Kamera, mitten in der Hitze, im Gestank einer bereits fast ausgeräucherten Ortschaft. Ratko Mladic, stämmig und untersetzt, in fleckiger Camouflage-Uniform, mit breitem, gerötetem Gesicht und starkem Kinn, ist beliebt bei seinen serbischen Männern. Der Anfang 50-Jährige gilt als Asket, als einer, der seine Unterkunft trotz Schlamm und Regen mit einfachen Gefreiten im Feld geteilt haben soll. Sie folgten ihm in die Berge und brandschatzten.

Bei der politischen Führung der Serben in Belgrad wie in der bosnischen „Serbenrepublik“ schätzt man ihn zu jener Zeit als militärisches Genie und kompromisslosen Nationalisten. Nikola Koljevic, damals Vizepräsident der selbst ernannten bosnischen „Serbenrepublik“, erinnert sich, wie Bosniens Serben auf den Berufssoldaten aus Belgrad verfielen. Im Juni 1991 ficht Mladic mit der Jugoslawischen Volksarmee gegen die Kroatischen Milizen als Kommandeur des 9. Korps der Jugoslawischen Volksarmee. Dann wird er Generalmajor, 1992 Generalleutnant, dann Stabschef und Kommandeur des Zweiten Hauptquartiers im Militärdistrikt Sarajevo. In Kroatien charakterisiert eine Zeitung ihn mit den Worten: „Mladic ist kein Sozialarbeiter.“ Da, sagte Koljevic, haben sie gewusst: „Das ist der Kerl, den wir brauchen.“

An diesem 11. Juli 1995 war der General in das belagerte und ausgehungerte Srebrenica eingedrungen, von den UN zur „Schutzzone“ für Zehntausende bosnischer Muslime erklärt. Seit mehr als einem Jahr, so schilderte der UN-Beamte Diego Arria im Februar 2004 als Zeuge am Den Haager Tribunal, glich damals die Lage in Srebrenica einem „Slow motion genocide“, einem Völkermord in Zeitlupe.

Mit der Ankunft Mladics änderte sich das. Das „große serbische Fest“ bedeutete nichts anderes als: Völkermord im Zeitraffer. Mladic verhieß außerdem: „Wir übergeben diesen Ort dem serbischen Volk. Endlich ist der Zeitpunkt gekommen, da wir Rache an den Türken nehmen.“

Mit „Türken“ meinte er die muslimischen Einwohner der früheren jugoslawischen Republik Bosnien, die inzwischen ein souveräner Staat war. Vor 500 Jahren, zu Beginn der Herrschaft des Osmanischen Reiches, hatten Teile Bosniens begonnen, freiwillig die Religion der türkischen Eroberer zu übernehmen. Für General Mladic wie für den serbischen Propaganda-Apparat gehörte das raffinierte Ethnisieren, das brutale Ausgrenzen und Ausmerzen von „Nicht-Serben“ zur Kriegsstrategie. Die „Rache an den Türken“ mündete in ein Massaker an 8000 Jungen, Männern und Greisen. Die „Türken“ dieser nationalistischen, geschichtstrunkenen Wahnwelt waren Kleinbauern, Taxifahrer, Lehrer, Handwerker, Kleriker, Ingenieure, Studenten.

Geboren wurde Mladic am 12. März 1942 im bosnischen Kalinovik, damals ein Bestandteil des kroatischen Staates, der nach der deutsch-italienischen Invasion 1941 entstanden war. Sein Vater Nedja soll am zweiten Geburtstag des Sohnes als Partisan von Kroaten ermordet worden sein, seine Mutter, so schrieb die Belgrader Zeitschrift „Vreme“ 1993, soll einen Versuch von Tschetniks überlebt haben, sie bei lebendigem Leib zu verbrennen. Wie viel davon Wahrheit, wie viel Legende ist, lässt sich kaum ausmachen. Klar scheint indes, dass Kriegstraumata und ungelöste Schuldgefühle den jungen Mladic begleiteten, der später einmal angab, er habe eigentlich Arzt werden wollen, Chirurg fügte er hinzu. Vielleicht, weil das unsentimentaler klingt. Mannhafte Härte wurde sein Ziel, und Ratko Mladic begab sich in die Welt der Hierarchie und Uniformen. Zunächst war er ein loyaler Kommunist, erst allmählich mutierte er zum serbischen National-Sozialisten. Und zweifellos hat Ratko Mladic seine persönlichen Konflikte mit der „Sache der Serben“ unauflöslich verquickt.

Am 24. Juli 1995 erhob der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag Anklage gegen Mladic wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zu seinen Kriegsverbrechen zählt auch der Dauerbeschuss von Sarajevos Straßen, als Scharfschützen und Artillerie von den Bergen aus die Stadt terrorisierten, monatelang. Dauerbeschuss – das trägt Mladics Handschrift des verbissenen, erbarmungslosen Durchhaltens. Ist Karadzic, der Präsident der bosnischen Serben, der gescheiterte Psychiater mit Dirigententolle, eher ein blutiger Operettenfürst inklusive literarischer Ambitionen, so gibt Mladic den preußischen Killertyp und bürokratischen Sadisten ab. Mitte November 1995 erweiterte das Tribunal die Anklage gegen Mladic wie Karadzic wegen des Massakers von Srebrenica und der Geiselnahme von Soldaten der Unprofor-Truppe. Zum Abkommen von Dayton im Dezember 1995, das den Krieg beendete, gehörte ein Passus, wonach Mladic wie Karadzic von nun an auf jegliche politische Betätigung verzichteten. Auch gegen Karadzic legte das Tribunal eine Anklage wegen Völkermords vor.

Seither sind beide auf der Flucht. Nicht gemeinsam, denn General und Präsident waren gegen Kriegsende erbitterte Rivalen um die Macht. Aber ihre serbischen Fanclubs halten zusammen. Slawisch orthodoxe Priester sollen Karadzic in bosnischen Klöstern Unterschlupf bieten, Armeefreunde liefern Mladic, so lauten Dutzende Berichte seriöser Medien übereinstimmend, seit Jahren Schutz in gut ausgebauten Kellersystemen der Armee.

Bis zum Sturz von Milosevic bewegte sich Mladic immer wieder unbelästigt in der serbischen Öffentlichkeit. Er wurde gesichtet, als er im Belgrader Restaurant „Ruderklub“ an der Donau Fisch aß und wie er im März 2000 in Belgrad von einer VIP-Loge aus das Fußballspiel zwischen China und Jugoslawien verfolgte, stets umringt von einer Leibgarde, die aus einem Fonds privater Spender honoriert werden soll. Im Belgrader Vorort Topcider soll Mladic mehrmals mit Blumen am Grab seiner Tochter Ana aufgetaucht sein. Die depressive Medizinstudentin nahm sich 1994 im Alter von 23 Jahren das Leben. Für jemanden wie Mladic, den seine Allmachtsfantasien 1993, während einer Verhandlung bei den UN in Genf, ausriefen ließ: „Was ich sage, das hat genau so viel Gültigkeit wie das Wort des Allmächtigen“, muss die Ohnmacht angesichts des Selbstmordes seines Kindes schwer zu verkraften gewesen sein.

Mit dem Ende Milosevics tauchte Mladic dann weitgehend ab. Gelegentlich hieß es, er sei in Moskau unter Putins Fittichen gelandet oder aber zum Ouzo-Trinken bei Armeefreunden in Thessaloniki; schließlich hatten griechische Söldner an der Seite Mladics in Srebrenica ihre Nationalflagge gehisst. In den Jahren seiner physischen Abwesenheit verfestigte sich Mladics Ruhm durch Mythen und Legenden, während er in Serbien im wahrsten Wortsinn im Untergrund lebte, offenbar zunehmend in die Enge gedrängt, gezwungen, häufig den Ort zu wechseln. Noch bis Oktober 2004 bezog der General seine Militärpension von Serbien-Montenegro. Als das ruchbar wurde, war es auch damit vorbei. Schon allein darum, weil das bei den westlichen Demokratien, die für das bankrotte Serbien Aufbauhilfe leisten sollen, Stirnrunzeln verursachte.

Jetzt heißt es, der General verhandle mit der serbischen Regierung über seine mögliche Festnahme. So schrieb unlängst nicht nur die „Washington Post“ unter Berufung auf eine anonyme Quelle. Er sei schwer krank, zwei Nierenoperationen habe er hinter sich, meldete ein Belgrader Blatt, „Krebs“ und „Suizidgefahr“ konkretisierten andere Zeitungen der Region. Fünf Millionen Dollar für seine Familie und seine Leibgarde wolle der General herausschinden, als Preis für seinen Kopf.

Zwar streitet Belgrad jeden Kontakt mit dem mutmaßlichen Massenmörder ab, doch vieles deutet darauf hin, dass Mladics Tage auf freiem Fuß bald gezählt sein könnten. Dass Anfang Juni ein Grauen erregendes Video um die Welt ging, auf dem serbische Soldaten der Einheit „Skorpione“, rekrutiert von Mladic selbst, als Mörder wehrloser, bosnischer Jungen aus Srebrenica zu sehen sind, erinnert an einen wichtigen Umstand vor der Festnahme Milosevics. Zur psychologischen Vorbereitung auf den Abflug Milosevics nach Den Haag hatte die Regierung Zoran Djindjics schockierende Meldungen über Massengrabfunde von Kosovo-Albanern am Stadtrand von Belgrad veröffentlicht. Größere Unruhen blieben damals aus.

Auch heute wirkt Belgrad friedlich. „Schauen Sie, da unten fließen Donau und Sava ineinander“, erläutert die Reiseführerin den deutschen Touristen, die in der Hitze schwitzen. Der Blick hinab ins Flusstal von der Festung Kalemegdan ist berühmt. Auf Donau-Kreuzfahrtschiffen kommen die Besucher hierher, in Sonnenhüten und Shorts schlendern sie durch den Park vor den alten Gemäuern. Was den Besuchern kaum auffällt, ist ein Nebenschauplatz. Neben alten Frauen, die fein geklöppelte, weiße Deckchen am Wegrand zum Verkauf ausgelegt haben, bieten drei junge Männer T-Shirts feil, auf denen in kyrillischer Schrift „Serbien“ steht und ein Foto von Ratko Mladic prangt. „Er ist ein Held“, erläutert einer. Viele Käufer finden sich trotzdem nicht ein, an diesem Sommertag im Juni 2005.

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