Zeitung Heute : Wahnsinnig werden

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Kluge reist im Zuge“, warben die Schweizerischen Bundesbahnen in meiner alten Heimat. Ich sehe das genauso. Auch als ich vor knapp 20 Jahren erstmals nach Berlin reiste, kam ich mit dem Nachtzug am Zoo an. Bester Laune und voller Tatendrang.

Die Bahn steht für Tradition, aber auch für Innovation: die modernen Fahrkartenautomaten-Erklärer etwa oder die „mobile Brezelverkäuferin“. Bei der Bahn wird man immer höflich behandelt. „Sehr geehrte Fahrgäste: Leider ist uns bei der Verspätungsmeldung dieses Zuges ein Fehler passiert“, hieß es neulich im ICE, „unser Zug ist derzeit pünktlich unterwegs. Wir bitten um Entschuldigung.“

Ein Geschäftsmann in meinem Abteil erzählte, dass er kürzlich nachts irgendwo zwischen Münster und Osnabrück aussteigen musste, um mit den anderen Fahrgästen bei Fackelschein durch den Schnee zu stapfen. Solche Erlebnisse schweißen zusammen.

In einem Tunnel vor Fulda kamen wir dann zum Stehen. Ein „gestörter Zug“ sei vor uns auf dem Gleis „liegen geblieben“. Als der fremde Zug wieder fit war, kam es im Tunnel zu einer „Signalstörung“, und anschließend stellte der Lokführer an unserem Zug eine „Getriebestörung“ fest. Im Speisewagen wurden die ersten Freigetränke ausgegeben. Bei der Bahn ist der Kunde König.

Doch die Idylle trügt. Am Zoo sollen bald keine Fernzüge mehr halten! Ich bin schon ganz melancholisch.

Es läuft gerade die passende Ausstellung: „Melancholie“. Interessant, wenn auch etwas verwirrend. „Genie und Wahnsinn in der Kunst“ lautet der Untertitel. Dass Melancholiker wie ich genial sind, hab ich mir ja schon länger gedacht. Aber warum verrückt?

Die ausgestellten Bilder und Plastiken machen das nicht recht klar. Dennoch habe ich das Konzept verstanden: Man muss die Ausstellung am Wochenende besuchen. Die kilometerlange Menschenschlange vor dem Eingang macht einen dann total wahnsinnig.

„Melancholie“ in der Neuen Nationalgalerie. www.melancholieinberlin.org

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