Zeitung Heute : Wahrheit zur Ansicht

Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine hat der SPD vorgeworfen, ihre Haltung zur Vereinigung von KPD und SPD sei von „völliger Unkenntnis“ geprägt. Schließlich sei sie „auch freiwillig“ erfolgt. Was ist historisch wahr?

Matthias Schlegel

Seit SPD und die Linkspartei, also die Nachfolgerin von SED und PDS, nicht mehr nur politische Gegner, sondern auch potenzielle Partner sind, hat die neu aufgelebte Debatte eine besonders bizarre Note. Und ein Geschmäckle, weil ausgerechnet der einstige SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine nun die Geschichte aus der Perspektive der anderen Seite betrachtet.

Die historische Wahrheit besteht nicht nur aus Schwarz und Weiß. Tatsache ist, dass mit dem historischen Händedruck zwischen SPD-Mann Otto Grotewohl und KPD-Mann Wilhelm Pieck im Berliner Admiralspalast am 21. April 1946 die Vereinigung beider Parteien zur SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, offiziell vollzogen wurde – auf Betreiben und unter Druck der sowjetischen Militäradministration.

Der Berliner Historiker Andreas Malycha hat nach der Wende jahrelang in Landesarchiven die Dokumente der SED-Bezirksorganisationen studiert und sich mit der Stimmungslage in der damaligen SPD befasst. Er vermeide den Begriff „Zwangsvereinigung“, sagt er. Zwar treffe das Wort den Sachverhalt, doch sei es „politisch besetzt“. Die SED sei aber tatsächlich „nur durch Drohung und die Anwendung physischer und psychischer Gewalt“ gegenüber unwilligen Sozialdemokraten entstanden.

Zwar habe die Idee von der Einigung der Arbeiterbewegung nach Kriegsende in der Ost-SPD großen Rückhalt gehabt. Doch die von der sowjetischen Militäradministration in großen Stil betriebene Absetzung von SPD-Bürgermeistern zugunsten von KPD-Leuten habe bei den Sozialdemokraten extreme Vorbehalte ausgelöst – zumal die KPD eine Vereinigung im gesamtdeutschen Maßstab anstrebte. Malycha schätzt, dass rund ein Drittel der Sozialdemokraten in der Sowjetzone bedingungslose Befürworter der Vereinigung gewesen seien, ein Drittel kompromisslose Gegner und ein weiteres Drittel Unentschiedene. Die Befürworter seien der Überzeugung gewesen, die SPD sei ohnehin die stärkere Partei und man könne die Kommunisten unter Kontrolle halten. Das sei eine Illusion gewesen, denn die KPD habe die bessere Struktur und eine engere Bindung an die Sowjets gehabt.

Die SPD selbst leugnet nicht, dass es im Jahr 1945 in ihren Reihen ein verbreitete Streben nach einer Einheitspartei gab. Es habe zunächst die Hoffnung bestanden, dass die deutschen Kommunisten nach den Erfahrungen mit Hitler ihren alten Zielen der Diktatur und des Sowjetsystems abgeschworen hätten, heißt es auf der SPD-Homepage zur Geschichte der Partei. Dann seien die meisten Sozialdemokraten jedoch desillusioniert worden, als sie die völlig Abhängigkeit der KPD von Moskau und die Förderung der Kommunisten durch die Militäradministration erkannt hätten.

Auch der Preis für die Verweigerung wird dort genannt – unter Bezug auf ein Zitat Erich Ollenhauers von 1961: „Zwischen Dezember 1945 und April 1946 wurden in der SBZ mindestens 20 000 Sozialdemokraten gemaßregelt, für kürzere oder auch für sehr lange Zeit inhaftiert, ja sogar getötet.“ Historiker Malycha hat bei seinen Forschungen herausgefunden, dass es allein zwischen Januar und April 1946 deutlich mehr Verhaftungen gab als bisher angenommen.

Es sind solche historischen Tatsachen, die für SPD-Leute wie Wolfgang Thierse ein ewiger Stachel im Fleisch sind, wenn es um politische Bündnisse mit der Linkspartei geht. „Wir können die Untaten der SED nicht vergessen“, sagte er unlängst dem Tagesspiegel. Die SED-Geschichte bleibe „ein wunder Punkt für die SPD“.

Für Malycha steht außer Frage, wer die größeren Aufarbeitungsdefizite hat: die Linkspartei. Äußerungen von Parteichef Bisky über „Elemente von Zwang“ würden von der historischen Kommission der Partei bagatellisiert, eine halbherzige Entschuldigung von 2001 der damaligen PDS-Vorsitzenden Zimmer und der Berliner PDS-Chefin Pau könnten in der Partei nicht durchdringen.

Da geht die SPD offensiver zu Werke: Aus Anlass des 50. Jahrestages der Zwangsvereinigung 1996 schenkte sie dem politischen Gegner nichts: „Die Wahrheit über die Zwangsvereinigung heißt: Aus den Reihen der KPD kamen die Täter, die Opfer dagegen kamen aus der Sozialdemokratischen Partei.“ Es sei „zynisch“, dass die Nachfolgepartei der SED die Wahrheit verbiege. Die Zitate entstammen der Rede des damaligen SPD-Vorsitzenden. Der hieß Oskar Lafontaine.

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