Zeitung Heute : Wahrheiten über einen Kindstod

Ein Unfall in der Kita: Der kleine Magnus stirbt. Die Eltern seien schuld, hieß es lange. Nun weiß man mehr

Ralf Schönball[Potsdam]

Dicht an dicht stehen die Doppelhäuser aus grauem Klinker in der Siedlung nahe Potsdam. Schmale Straßen, nur für Anlieger, ein großes Schild: „Schritt fahren!“ Hier wohnen viele Familien mit Kindern. Hier haben Kinder Platz. Deshalb wohnt auch Familie Becker hier.

Im Flur hinter der Haustür steht der braune Kinderwagen. Im Wohnzimmer, auf dem Sessel, lugt ein Plüschhund aus dem Berg von Spielzeug heraus. „Magnus“ steht auf dem Kennzeichen des roten Bobbycars, das beim Klavier steht. „Magnus liebt Musik“, sagt seine Mutter. Auf dem Büfett steht das Bild, ein mittelblonder Junge: Er sitzt auf dem Klavierschemel, die Hände auf den Tasten, und lacht.

Magnus wird nie mehr nach Hause kommen. Am 26. Juni vergangenen Jahres ging er in die Kita und kehrte nicht heim. Seit dem 4. Juli ist er tot. Doch seine Eltern können nicht Abschied nehmen, weil die Umstände seines Todes nicht geklärt sind – und weil die Eltern selbst im Verdacht standen, schuldig an Magnus’ rätselhaftem Tod in der Kita Regenbogenland zu sein. Erst jetzt bringt ein neues Gutachten die Ermittler auf eine ganz andere Spur. Das verdankt die Staatsanwaltschaft einem akribischen Versicherungsbeamten.

Der Anruf im Berliner Büro seiner Bank kam eine Minute nach elf. Das kann Markus Becker auf die Minute genau sagen, weil die Zeit für ihn stehen blieb, als er diese Nachricht erhielt: Sein Sohn, 18 Monate alt, war verunglückt. Er lag bewusstlos in der Kita. Becker legte auf, alarmierte seine Frau und brach auf.

Der Weg seiner Frau war kürzer. Vom Wohnpark zur Kita sind es wenige hundert Meter. Vor dem Gebäude: Blaulicht, Notärzte, Krankenwagen. Am Eingang versperrte ein Sanitäter der Mutter den Weg: „Gehen Sie nicht dahin“, sagte er. Doren Becker rannte zum Seiteneingang und von dort in den Garten. Fast an der Grundstücksgrenze, neben einem Iglu aus Weidenästen, beugte sich eine Notärztin über das leblose Kind. Die Kindergärtnerin kam Doren Becker entgegengelaufen. „Die Kette war schuld“, rief sie.

„Nur diesen einen Satz hat sie gesagt“, sagt Doren Becker, „nicht ein Wort des Trostes, ist das nicht merkwürdig?“ Die Frühjahrssonne hat das Zimmer in gelbes Licht getaucht. Doren Becker ist groß und schlank, das Haar dunkel wie die Kleidung, Akten und Unterlagen neben ihr.

Schon zwei Tage nach dem Unfall traten die Verantwortlichen von Kita und Stadt Potsdam an die Öffentlichkeit. Der Chef der Diakonie, Träger der Kita, schilderte den Fall so: Magnus habe in einem Iglu aus Weidenästen gespielt. Dabei sei er so unglücklich gestürzt, dass sich seine Halskette aus Bernstein an einem Ast verfing und ihm die Luft abschnürte. Weiter hieß es: Die Beckers hätten Magnus die Kette umgebunden und trotz Mahnungen der Kitamitarbeiter nicht abgenommen.

„Das stimmt nicht“, sagt Doren Becker. Sie schüttelt den Kopf. Wie nach dem Tod des dreijährigen Fabian in einer Zehlendorfer Kita 2002, der sich selbst stranguliert hatte, als die Anorakkordel sich in der Rutsche verfing, oder nach dem Tod von Justin, zwei, in Reinickendorf, der ebenso starb, gab es auch nach Magnus’ Tod heftige öffentliche Diskussionen über die Sicherheit von Spielplätzen und auch über die mangelnde Aufmerksamkeit des Kitapersonals. Aber diese Darstellung – Magnus, der sterben musste, weil die Eltern so verbohrt waren –, die war nun in der Welt, auch wenn die Beckers zunächst wenig davon mitbekamen.

Sie haben damals die Klinik kaum verlassen. Die erste Aufnahme von Magnus’ Gehirn war ermutigend. Doch die Ärzte dämpften die Hoffnungen der Eltern, die nicht hören wollten, dass der Sauerstoffmangel das Blut übersäuert hatte.

Sechs Tage nach dem Unfall wurden die Geräte heruntergefahren. Für die Eltern eine Qual: Sie wichen keine Sekunde vom Krankenbett, weil Magnus jeden Augenblick sterben konnte. Doch der Todeskampf dauerte. 60 Stunden.

Doren Becker schaut auf die Tischplatte. Sie schweigt. Und schluckt. Eben noch hat sie das Wort geführt: Jedes Detail des Falls hat sie im Kopf. Wichtige Seiten in den Schnellheftern hat sie mit roten Zetteln markiert. Mit der Erinnerung an die Zeit im Krankenhaus fehlen ihr nun die Worte. Ihr Mann springt ein. „Uns geht es um Aufklärung“, sagt er. „Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.“

Nach dem tödlichen Unfall wurden die Beckers krank: vor Trauer, vor Zweifeln und auch wegen der Anfeindungen. Nicht einmal zur Trauerfeier von Kita und Diakonie seien sie eingeladen worden, sagen sie. Zwei Monate dauerte es, bis er wieder zur Arbeit gehen konnte, sie brauchte neun Monate. „Ich hatte keine Kraft mehr und habe immer nur gedacht: Du hast dein Kind umgebracht“, sagt Doren Becker leise. Die Selbstvorwürfe wurden unerträglich, das Urteil, das sie letztlich über sich selbst fällte, hieß: Sie wollte nicht länger leben. Es hat gedauert, bis ihre Familie und die Therapiesitzungen zusammen mit anderen Eltern, die wie sie ein Kind verloren haben, sie überzeugten, das Urteil Richtern zu überlassen. Überzeugten, dass man sich dem Kummer nicht ergeben, sondern weiter nach der Wahrheit über Magnus’ Tod suchen müsse.

Diese Verwandlung wäre ohne den akribischen Sachbearbeiter einer Unfallkasse unmöglich gewesen. Der hatte das Weideniglu überprüft und zunächst festgestellt: Es gibt am Iglu keine Stelle, wo sich Magnus’ Kette hätte verfangen können. Vermutlich habe das Hanfseil, das die Weidenäste zusammenhält, das Kind gewürgt. Es ist auf Kinderhalshöhe gespannt. Seine Erkenntnisse gab er auch der Polizei zu Protokoll – die Darstellung der Kitamitarbeiter geriet ins Wanken.

„Da haben wir uns geschworen: Wir wollen es genau wissen“, sagt Doren Becker. Sie zieht einen Hefter hervor. Es ist ein Gutachten des Rechtsmedizinischen Instituts des Uniklinikums Münster, das die Beckers im September selbst in Auftrag gegeben haben. Doren Becker zeigt auf das Foto eines Unterarms mit kugelrunden roten Druckstellen: „So hätte der Hals aussehen müssen, wenn die Kette die Luft abgeschnürt hätte“, sagt sie. Rasch blättert sie weiter: „Eine Strangulation des Magnus mit dem Bernsteinkettchen ist praktisch auszuschließen“, steht da. Die Kette wäre vom Ast abgesprungen oder unter der Last des Körpers gerissen. Seit Januar schließt auch die Staatsanwaltschaft die Kette als Todesursache aus.

Staatsanwaltschaft und Kripo ermitteln nun gegen die Erzieherin von Magnus, weil sie ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt haben könnte. Es wäre fahrlässige Tötung. Doch die Frau verweigert die Aussage. Zwei andere Erzieherinnen, so steht es in den Ermittlungsakten, wissen nicht, wie Magnus den Vormittag verbracht hat. Markus Becker schaut auf und fragt: „Wie lange darf man ein Kind im Alter von 18 Monaten unbeaufsichtigt lassen?“ Die Antwort gibt er dann selbst: „Keine Minute!“ Eine andere Kitaangestellte sagt aus, der Junge habe nur wenige Minuten bewusstlos im Iglu gelegen. Doch es war nicht sie, die das Kind gefunden hatte, woher also will sie es wissen, fragen die Eltern. Auch die Notärztin widerspricht: Magnus sei länger leblos gewesen, sonst hätten ihn auch die Betreuer oder die Sanitäter wiederbeleben können. Dies sei aber erst ihr selbst mithilfe von Adrenalinspritzen und Stromimpulsen gelungen.

Diakonie-Chef Marcel Kankarowitsch bleibt dabei: „Es gibt keine Anhaltspunkte für Fehler unserer Mitarbeiterinnen.“ Und: Ein 18-monatiges Kind dürfe ruhig mehrere Minuten unbeaufsichtigt auf dem abgegrenzten Gelände spielen.

Allerdings dürfte die Kitaleitung bald mit weiteren unangenehmen Fragen der Ermittler konfrontiert werden. Denn die haben ein ergänzendes Gutachten in Auftrag gegeben, um die Frage zu klären, wie Magnus zu Tode kam. Auf die neue Spur brachten sie die von den Eltern angeheuerten Experten aus Münster. Ihnen zufolge ist am 26. Juni Folgendes passiert: Magnus kroch in das Iglu. Dort drückte er den Kopf zwischen zwei biegsamen Weidenäste durch und schaute hinaus wie durch ein Fenster. Dann schnellten die Äste zurück und drückten die Blutzufuhr der Halsschlagader ab. Magnus kämpfte, bis er das Bewusstsein verlor und sackte zusammen, mit der Gurgel auf dem Hanfseil. In diesem Würgegriff blieb er hängen.

Wäre dem so, dann müssten die Ermittler klären, warum das Iglu nicht von Experten auf gefährliche Stellen überprüft wurde. Unfallkassen empfehlen das dringend. Diakonie-Chef Kankarowitsch argumentiert, dass es „keine festen Vorschriften“ gebe, wie solche Iglus gebaut werden müssen. Doch es ist fraglich, ob die Ermittler diese Auffassung teilen. Auch wurden noch nicht alle Zeugen vernommen.

Doren Becker kann Magnus’ Spielzeug immer noch nicht aus dem Wohnzimmer räumen. Sein Tod lässt sie nicht los. „Wir können ihn nicht zurückholen“, sagt sie, „aber wir können nicht verstehen, dass niemand für seinen Tod verantwortlich sein soll.“ Für sie ist es nicht so, als sei ihr Sohn tot. Es ist, als sei er spurlos verschwunden. Die Aufklärung des Falles, sagt sie, wäre der erste Schritt heraus aus diesem rast- und ruheloses Dasein.

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