Zeitung Heute : Wal sein im Liquidrom

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Norbert Thomma

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Wal ist dem Menschen das liebste Tier. Für kein Tier wird häufiger demonstriert. Finger weg vom Wal! Da riskieren wir sogar äußerste diplomatische Verwicklungen mit den Japanern. Nicht einmal Joschka Fischer kann diese Händel besänftigen. Und Joschka Fischer wird von den Deutschen noch mehr geliebt als jeder Pottwal.

Wale sind Säugetiere. Säugetiere haben normalerweise pelzige Ohren wie Kaninchen. Auch Wale hatten mal puschelige Öhrchen, ehe sie ins Wasser gingen. Im Wasser stört die Körperbehaarung, und die Evolution hat sie deshalb abrasiert. Schade eigentlich. Viele Menschen halten sich Pitbulls, obwohl sie Blauwale toller finden. Gerne würden sie einen Finnwal an der Leine durch die Sonnenallee führen, aber das ist ein bisschen umständlich. So kam der Pitbull nach Neukölln.

Wale gelten als fabelhaft (Moby Dick) und sanftmütig. Weltweit fahren Menschen für teuer Geld aufs Meer und versuchen, Wale zu beobachten. Irgendwann zeigt jemand mit dem Finger auf eine Fontäne „Da!Da!“ und alle sind glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Wer die Wale auf diese Art in Erinnerung behalten will, darf jetzt nicht weiterlesen! Denn der Mythos vom lieben Wal wird leider zertrümmert.

Ja, manche Wale sind brutal wie Kill Bill von Tarantino. Glattwale zum Beispiel verfolgen Weibchen in Gruppen und nötigen sie zum Sex, teilweise mit roher Gewalt. Auch Buckelwale sind gewaltbereit. Und damit sind wir schon beim schlechten politischen Kabarett. Das schlechte politische Kabarett würde daraus einen Abend mit dem Titel machen: „Gewal(t)bereit.“ Kabarettisten sind ganz verrückt nach Titeln mit eingeklammerten Buchstaben. Sie finden das irre doppelbödig (und natürlich heißt das lustige Kabarett in Rostock „ROhrSTOCK“).

Immer häufiger wollen Menschen selbst Wale sein. Dafür wurde in Berlin das Liquidrom gebaut. Ganz früher hätte man dazu Sauna gesagt, in der Zeit zwischen ganz früher und Liquidrom hieß so etwas Fun-Bad. Das Liquidrom ist ein Fun-Bad der Spiritualität. Die Architektur hängt zwischen Albert Speer und japanischer Kargheit. In einem runden Becken unter einer Kuppel werden Menschen zu Walen. Sie liegen auf dem Rücken im warmen Salzwasser, die Ohren untergetaucht, und lauschen der Musik. Bisweilen sind auch Walgesänge zu hören. Das ist entspaaaaanend (kein Witz!).

Wale geben Töne von sich, um zu kommunizieren und sich zu orientieren. Unter Wasser ist es dunkel und das Prinzip des Echolots sorgt dafür, dass sich die Wale nicht die Nase anstoßen. Die Menschen, die im Liquidrom Wale sind, müssen schweigen. Volle Konzentration der Unterwassermusik! Als ich ein Wal war, klang die Musik nach Kaufhausfahrstuhl: langweilig. Bestimmt nur ein Ausrutscher. Würde es einem Wal im Liquidrom gefallen? Vermutlich. Denn die Menschen halten sich an das Schweigegebot. Zu viel Schallmischmasch bringt Wale nämlich aus der Fassung. Sie verlieren die Orientierung und liegen auf einmal am Strand von Sankt Peter-Ording herum.

Liquidrom, Möckernstraße 10 (Kreuzberg), Tel. 74737171, zwei Stunden kosten 15 Euro.

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