Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg : „Wir sind keine Wagenburg voller Corona-Leugner“

In der Pandemie haben Waldorfschulen ihren Ruf beschädigt. Julian Scholl, Chef des Berliner Waldorf-Verbands, über neue Aufgaben und ukrainische Kinder.

Ein ganz normaler Schultag. Aber nur fast: Die freie Johannes-Schule in Berlin-Schöneberg arbeitet nach dem Waldorf-Lehrplan.
Ein ganz normaler Schultag. Aber nur fast: Die freie Johannes-Schule in Berlin-Schöneberg arbeitet nach dem Waldorf-Lehrplan.Foto: Sven Darmer

Herr Scholl, seit Mai 2021 leiten Sie gemeinsam mit Janina Aufdermauer und Alessa Rhode die Geschäftsstelle der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg. Sie waren auch selbst Waldorfschüler. Muss man dieses Bildungsmodell erlebt haben, um seine Ideen zu vertreten?
Keineswegs. Meine Kollegin Janina Aufdermauer beispielsweise war nicht auf einer Waldorfschule und macht einen tollen Job. Ich habe das „Prinzip Waldorfschule“ übrigens erst verstanden, als ich selbst Elternteil wurde.

Was ist das Besondere daran?
Dass sowohl der klassische Stoff unterrichtet wird, also intellektuelle Arbeit im Fokus steht, aber zugleich auch Soziales und Handwerkliches gefördert werden – zum Beispiel durch Handarbeit, Werken, Gartenbau und eine Reihe von Praktika. Man lernt schließlich auch mit den Händen, nicht nur mit dem Kopf. Viele Eltern finden das sehr gut.

Sind Waldorfschulen immer noch gefragt?
Definitiv! Jedes Jahr gibt es zwei- bis dreimal so viele Anfragen, wie Schüler:innen aufgenommen werden können. Daran hat die Pandemie nichts geändert.

Was sind das für Familien, die ihre Kinder dort anmelden?
Die Elternschaft ist einerseits sehr breit gefächert, andererseits sind es Mütter und Väter, die ein Bewusstsein für die verschiedenen Schulsysteme und pädagogischen Konzepte haben.

Stichwort Pädagogik: Ihr Verband schreibt sich eine Erneuerung in diesem Bereich auf die Fahne. Wie sieht die aus?
Das ist eher als Weiterentwicklung zu verstehen. Die Waldorfpädagogik ist permanent im Wandel. Zum Beispiel bewegt sich einiges in Richtung Diversität und Genderthemen. Aber auch Medienpädagogik und interkulturelle Ansätze werden beraten. Zu diesen Schwerpunkten wird gerade intensiv gearbeitet, vor allem im Bereich der Lehrerbildung.

Was genau sind Ihre Aufgaben?
Meine Arbeitsbereiche sind der Kontakt in die Politik und Verwaltung sowie die Öffentlichkeitsarbeit.

Zuvor waren sie 20 Jahre lang Geschäftsführer der Kommunikationsagentur „Zum goldenen Hirschen“, zu deren Kunden Ferrero, Pepsi und die Bildzeitung gehören. Wie passt das zu Ihrer jetzigen Position?
Ich war Geschäftsführer in Berlin und Frankfurt und habe hauptsächlich institutionell gearbeitet – für Parteien, Ministerien, Behörden und Verbände. Ich selbst habe nie für Pepsi oder die Bildzeitung gearbeitet. Mein Thema war immer die komplexe Kommunikation. Nach 20 Jahren habe ich mich dann entschieden, etwas Neues zu starten.

Ein gewagter Schritt.
Ja, aber meine Biografie war auch vorher nicht geradlinig. Nach dem Abitur habe ich eine Schreinerlehre absolviert, dann war ich eine Weile in Italien, habe studiert und in Berlin große Ausstellungen kuratiert. Meine Arbeit für die Waldorfschulen ist inhaltlich spannend und vor allem: sinnstiftend. Ich kann viel von meinem Know-how einbringen, lerne aber auch Neues, etwa über juristische Fragen oder die Verbandsarbeit.

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Aktuell will sich die LAG um eine „stärkere Ausstrahlung“ der Waldorfbewegung in der Öffentlichkeit bemühen. Hat das mit der Kritik im Zusammenhang mit Corona und den wiederholten Rassismus-Vorwürfen zu tun?
Wenn Sie fragen, ob wir eine Kommunikationsoffensive starten: Nein, das tun wir nicht. Aber es ist uns grundsätzlich wichtig, über die gute Arbeit an unseren Schulen zu informieren. Als die Waldorfschulen 2019 ihr 100-jähriges Jubiläum feierten, war die Wahrnehmung positiver als heute. Umso wichtiger für uns zu zeigen, dass Waldorfpädagogik nicht „skurril“ ist, sondern dass die Menschen an den Schulen ganz normal sind. Es sind keine Wagenburgen voller Corona-Leugner. Wir sind auch ein Abbild der Gesellschaft.

Dennoch: Impfgegner:innen, falsche Maskenatteste, Corona-Ausbrüche. Haben Waldorfschulen nicht ein Imageproblem?
Die kritische Berichterstattung hat der öffentlichen Wahrnehmung geschadet, aber sie war zum Teil auch berechtigt. Im Umfeld von Waldorfschulen gibt es eben auch Menschen, die sich alternatives Wissen suchen. Das ist aus meiner Perspektive in Bezug auf Corona kompliziert und nicht in Ordnung. Die genannten Fälle gab es aber nicht in Berlin-Brandenburg. Die Eltern hier haben sich zumeist regelkonform verhalten.

Wie wurde auf konkrete Fälle reagiert?
Wer sich gesetzwidrig verhält, muss gehen. Man hat sich getrennt, von Lehrkräften und auch von Eltern. Waldorfschulen sind kein rechtsfreier Raum. Sie müssen sich an die staatlichen Vorgaben halten und das tun sie auch. Mit der ausklingenden Pandemie wird jetzt viel unternommen, um die Gemeinschaft wiederherzustellen.

Welche Rolle spielt das Thema Inklusion?
Alle Schulen bemühen sich darum. Es werden unterschiedliche Konzepte erprobt, von Teamteaching aus zwei Pädagog:innen, die ein Klassenzimmer beschulen, bis hin zu Förderlehrer:innen, die individuell unterstützen. Inklusionspädagogik ist ein großes Thema, für das die Hochschule in Mannheim einen eigenen Studiengang eingerichtet hat. Es braucht professionelles Personal – und dessen Finanzierung ist leider nur unzureichend gesichert.

Julian Scholl, 57, ist Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Berlin-Brandenburg und setzt sich für eine zeitgemäße Waldorfpädagogik ein.
Julian Scholl, 57, ist Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Berlin-Brandenburg und setzt sich...Foto: Sven Darmer

Nun kommen jeden Tag tausende Kinder aus der Ukraine nach Deutschland. In der Hauptstadt sind 250 Willkommensklassen für Geflüchtete geplant. Was tun die Berliner Waldorfschulen?
Nach der langen Erstarrung während der Pandemie zeigen die Eltern und Schüler:innen viel Selbstlosigkeit und großes Engagement. Was während Corona eingeschränkt war, entfaltet sich jetzt im Austausch und in Begegnungen. In Berlin-Brandenburg wurde in kürzester Zeit für mindestens 150 Kinder die Beschulung organisiert, die Hälfte der Waldorfschulen hat Willkommensklassen eingerichtet. 80 Prozent der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg bieten Russisch als zweite Fremdsprache an, was die Kommunikation und Integration erleichtert.

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Wie wird das Thema Krieg behandelt?
Sehr unterschiedlich. Kürzlich gab es ein Oberstufenforum zum Thema. An der Zoom-Konferenz haben bundesweit über 4 000 Schüler:innen teilgenommen. Auch an den Schulen wird der Krieg thematisiert. In der Klasse meines jüngeren Sohnes wurde dafür kürzlich der Unterricht umgewidmet und zwei Stunden über den Krieg in der Ukraine gesprochen.

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Herr Scholl, was wünschen Sie sich für die Zukunft der Waldorfschulen?
Für die Schulen wünsche ich mir, dass sie durch die aktuellen Aufgaben in der Krise wieder stärker zusammenwachsen: als eine Gemeinschaft, die Herausforderungen lösen.

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