Zeitung Heute : Wales: Visionen unter Glas - Fosters Gewächshaus

Sigrid Merkl

Wie ein riesiges Ufo schiebt sich das Great Glasshouse nordwestlich von Cardiff zwischen die Thäler: Ein durchsichtiger Fremdkörper, der sich nahtlos in die walisische Hügelwelt einfügt. Im National Botanic Garden of Wales, der seit 24. Mai für Besucher geöffnet ist, hat Sir Norman Foster eines der größten Gewächshäuser der Welt geschaffen. Während sich Foster bei seinen Entwürfen zum Berliner Reichstag letztlich für eine Kuppel entschied, die weit über das historische Gebäude hinausragt und sich spielerisch exponiert, wählte er für Wales eine niedrige Variante. Das linsenförmige, auf frei tragenden Stützbögen ruhende Glashaus duckt sich tief in die Landschaft, umgeben von einer hellgrünen Grasnarbe als Fassung.

Charles Stirton, Direktor des Botanischen Gartens, unterstreicht den symbolischen Charakter: "Dieses Gebäude wird mit seiner ungewöhnlichen Ausstrahlung über Jahrhunderte hinweg im Herzen von Carmarthenshire sitzen. Das sagt auch etwas über unsere Pläne aus." Nicht zuletzt erwartet man sich für Wales, das vor eineinhalb Jahren per Volksabstimmung zu regionalpolitischer Autonomie gelangte, Impulse für den Tourismus. 170 000 Besucher soll der Garten pro Jahr anlocken. Das gesamte Projekt kostet rund 43 Millionen Pfund, eine Summe, die sich im Vergleich zu den 787 Millionen Pfund, die laut Daily Express der Londoner Millennium Dome verschlingt, eher bescheiden ausnimmt.

Im Inneren des Glashauses eröffnet eine weite Gartenlandschaft neue Dimensionen. Vor allem die Sogwirkung des in die Tiefe führenden trockenen Flussbettes bereichert den visuellen Gesamteindruck. An seinem Ende öffnet sich eine Schlucht, in der ein Wasserfall über fünf Meter hohe Mauern plätschert. Überwältigt bleiben die meisten Besucher erst einmal am Eingang stehen. Was die Auswahl der Pflanzen betrifft, müssen sich vor allem die Briten umstellen, denn schließlich sind ihre Sehgewohnheiten vom üppig wuchernden Grün auf der Insel geprägt. Im Glashaus aber erwartet sie eine karge, der mediterranen Flora gewidmete Felslandschaft. "Es gibt hier auch steinige, rauhe Flächen, die zu sehen sind, aber das hängt eben mit der natürlichen Umgebung der Pflanzen zusammen", erklärt Pressesprecherin Oenone Lindsay.

Den Lichtverhältnissen am Mittelmeer entsprechend hat die in Amerika geborene Landschaftsarchitektin Kathryn Gustafson helles Gestein als Ausgangsmaterial für die Gestaltung des Innenraums verwendet, so dass der Foster-Bau selbst bei Regenwetter von Licht durchflutet erscheint. Seine volle Wirkung entfaltet er allerdings nur an sonnigen Tagen, wenn sich die Verstrebungen der Dachkonstruktion als Schatten auf dem aus Deutschland importierten Sandstein abzeichnen. Gekrönt von einer Art Grasbüschel ragen die wabenähnlichen Stämme australischer Grass Trees (Xanthorrhoea) aus dem Kies. Schwarz verkohlt, wie es scheint. Tatsächlich wurden die zum Teil schon 200 Jahre alten Bäume angezündet, um Buschfeuer zu simulieren, denen sie in freier Wildbahn häufig ausgesetzt sind.

Optimales Klima

Das Team des National Botanic Garden of Wales will den Besuchern keine geschönte Gartenlandschaft vorführen, sondern die natürlichen Lebensumstände der Pflanzen möglichst genau rekonstruieren. Für die Flora mediterraner Klimaregionen habe man sich aus Gründen des Artenschutzes entschieden, so Wolfgang Bopp, der 31 Jahre alte deutsche Chefgärtner. "Weltweit gibt es nur ganz wenige endemische mediterrane Gebiete und diese stehen sehr unter Druck. Zwischen Santiago de Chile und Concepción beispielsweise leben 50 Prozent aller Chilenen." Genau dort aber befinden sich auch die Lebensräume seltenster Pflanzen.

Weltweit umfassen die mediterranen Gebiete nur zwei Prozent der Landmasse, sie beheimaten jedoch 20 Prozent aller Pflanzenarten. Im Glashaus sind neben Exoten aus Australien, Chile, Südafrika und Kalifornien auch Pflanzen aus den eigentlichen Mittelmeerländern vertreten, darunter Kräuter wie Rosmarin, Thymian und wilder Lavendel. Einige jahrhundertealte Olivenbäume wurden von Juan Carlos Benavides Yanguas gestiftet, ehemals Bürgermeister im andalusischen Almuñécar. Er ließ sie auf seinen eigenen Ländereien ausgraben. Trotz der ungewohnten Aufmachung stößt der National Botanic Garden of Wales auf große Resonanz. An Tagen der Offenen Tür in den Jahren 1998 und 1999 wurde er bereits von mehr als 40 000 Menschen besucht.

Der Garten kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, denn bereits um 1793 ließ sich der Schotte William Paxton (1744-1824) auf dem damaligen Gutsbesitz Middleton Hall nieder. Als Verwalter der Münze und - wie es vornehm heißt - als Agent hatte er es in Bengalen zu großem Reichtum gebracht. Hinter vorgehaltener Hand wird geflüstert, er sei in Geldwäschegeschäfte verwickelt gewesen. Mit einiger Bosheit lässt sich darin vielleicht der Grund für seine Passion erahnen. Er liebte das Wasser, und zwar in jeglicher Form: als See, als Bach, als Kaskade. Auf Middleton Hall ließ er den Architekten Samuel Pepys Cockerell ein großzügiges Herrenhaus im neoklassizistischen Stil errichten, das 1931 bis auf die Grundmauern abbrannte. Der trutzige Turm jedoch, ebenfalls ein Bauwerk Cockerells, steht noch. Wer das Great Glasshouse durch den Osteingang verlässt, wird unversehens von atemberaubenden Ausblicken auf die walisische Hügellandschaft gefangen genommen. Über gebauschten Baumkronen im Tal und von Schafen gesprenkelten Weiden am Hang thront ein wenig schief, aber dennoch eindrucksvoll der Paxton Tower auf einem nahen Hügel. Der Bauherr hatte ihn ursprünglich seinem Freund, dem englischen Admiral Lord Nelson gewidmet, aber der Volksmund taufte den Turm kurzerhand um.

Paxtons eigentliches Vermächtnis harrte über Jahrzehnte hinweg der Wiederentdeckung, bis schließlich Mitte der 80er Jahre der walisische Künstler William Wilkins das Potenzial der Gegend zu erahnen begann. "Das ursprünglich auf acht Millionen Pfund veranschlagte Projekt entwickelte sich sehr schnell in Dimensionen von bis zu 50 Millionen", sagt er heute. Durch die großzügige Unterstützung der Millennium Commission gelang die Realisierung viel schneller als erwartet.

Nicht weniger als sieben Seen hatte Paxton zu Lebzeiten anlegen lassen. Tief im Wald versteckt rauscht im Norden des Botanischen Gartens ein künstlich angelegter Wasserfall in die Tiefe. Wie ein durchsichtiger Vorhang ergießt er sich in das felsige Bachbett. So gesehen erscheint die Kaskade im Zentrum des neuen Glashauses als Hommage an den wasserfreundlichen Gründer der einstigen Parkanlage. Der Kult um das Wasser diente nicht zuletzt dem körperlichen Wohlbefinden, denn Paxton ließ beheizbare Badehäuser einrichten.

Vier der verlandeten Seen wurden inzwischen von Bäumen, Gesträuch und Wurzelwerk befreit. Sie sind nun wieder zu einem schillernden Band verknüpft, das sich um die südöstliche Hälfte des Gartens legt. Die Seenkette beginnt bereits nahe dem Eingangspavillon, Fosters erstem Gebäude ganz aus Holz. Es bildet eine konkave Entsprechung zum Great Glasshouse und stimmt auf die ökologische Ausrichtung des Gartens ein. Charles Stirton bringt es auf den Punkt: "Unsere Vorgänger in Großbritannien haben ihre Botanischen Gärten in Zeiten kolonialer Expansion und scheinbar unerschöpflicher Resourcen gestaltet. Wie anders ist dagegen die Situation, die wir vorfinden."

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