Zeitung Heute : WALSER IN WEIMAR

von GERRIT BARTELS

Herr Walser, der dieser Tage veröffentlichte Goethe-Roman „Ein liebender Mann“ ist inzwischen schon Ihr vierter Roman, der von der Liebe eines viel älteren Menschen zu einem jüngeren handelt. Das Thema scheint fast eine Obsession von Ihnen geworden zu sein.

Obsession ist zu viel gesagt. Der alte Goethe und die 19-jährige Ulrike von Levetzow sind mir gewissermaßen noch einmal in die Quere gekommen. Ich hatte das Material schon länger vorbereitet, mich nach und nach sehr in die Geschichte hineingefühlt und dann entdeckt, dass diese Liebeskonstellation die jetzt wirklich ideale ist.

Aber muss es immer die Liebe zwischen einem sehr alten Mann und einer sehr jungen Frau sein. Hat das nicht auch was Lüsternes?

Vielleicht hat beim Schreiben des Romans auch eine Rolle gespielt, dass ich zuletzt bisweilen sehr unsanft behandelt worden bin. Da wurde mir im Zusammenhang mit meinem letzten Roman „Angstblüte“ vorgeworfen, dieser sei – wortwörtlich – biologisch, ästhetisch und moralisch unmöglich. Im Übrigen ist es im Roman „Lebenslauf der Liebe“ umgekehrt, in diesem liebt eine ältere Frau einen jungen Mann.

Was ist das Faszinierende an einer Liebe mit so einem großen Altersunterschied?

Keine Liebe ist rein. Jede Liebe hat ihre eigenen Motive, die sie nicht immer zugeben will. Bei einem so großen Altersunterschied wie zwischen Goethe und Ulrike ist man sich auf Seiten des Älteren nie sicher. Der Altersunterschied zeigt das Risiko jeder Liebe am idealsten. Dazu kam: Ich hatte da diesen liebenden Mann, Goethe, von dem die „Marienbader Elegie“ stammt, dieses gewaltige Liebesgedicht, eines der größten, das wir haben. Und das ist gerichtet an ein Mädchen, von dem wir so wenig wissen. Da wurde ich neugierig, auch süchtig, und ich habe dann ja auch eine weibliche Figur geschaffen aus der Liebe von Goethe, eine Figur, die seiner Liebe würdig gewesen sein muss.

Ihre eigene Geschichte und Begeisterung für Goethe ist eine sehr wechselvolle gewesen. Lange Zeit konnten Sie mit Goethe nur wenig anfangen. Wann schlug Ihre Abneigung in Goethe-Zustimmung um?

Borniert, wie ich damals war, in den sechziger- und siebziger Jahren, nahm ich Goethe übel, dass er Hölderlin, Kleist und Jean Paul überhaupt nicht erkannt hatte und auch, dass er auf der falschen Seite der Französischen Revolution war, er mit dieser gar nichts anzufangen wusste. Richtig verehren gelernt habe ich ihn, als ich meinen Aufsatz über „Goethes Anziehungskraft“ schrieb. Da war ich zu der Einsicht gekommen, dass Goethe mehr Lösungen anzubieten hatte, als es Konflikte gab. Er musste für die Lösungen, die er schon hatte, erst die Konflikte suchen. Das Komische heute ist, dass ich es auch als sehr politisch empfinde, wie ich Goethe heute darzustellen in der Lage bin.

Wie muss man das verstehen? Ist „Ein liebender Mann“ gar ein politischer Liebesroman?

Das vielleicht nicht. Aber so wie ich Goethe beschrieben habe, hat das auch die Bundesrepublik Deutschland in mir bewirkt – alles, was ich gesehen, erlebt und erfahren habe, als politisch interessierter Schriftsteller, als Intellektueller. Vor dreißig Jahren wäre mir das nicht möglich gewesen: Dass ich mich so einer politischen Stimmung überlasse, dieser antirevolutionären, ja reaktionären von Goethe, seinen Handküssen, und dass er immer wieder von sich glaubt „Rokoko“ zu sein. Dass ich das alles mit voller Liebe erzähle, dass das alles so hinfließt, resultiert nur aus den Erfahrungen der letzten zwanzig, dreißig Jahre, aus all den Kämpfen, Anfeindungen und Überzeugungen. Dieser ganze Zirkus, zwei Grad links, zwei Grad rechts, das soll euer Zirkus sein, der spielt auf diesem Liebesernsthaftigkeitsniveau keine Rolle. Es hat mir wohlgetan, dass ich das in Goethe so ausbaden konnte, das war die Zulieferung der Bundesrepublik, die Unwichtigkeit dieses ganzen Gezerres der vergangenen Jahrzehnte.

Haben Sie auch Sekundärliteratur gelesen, Dagmar von Gersdorffs Buch über „Goethes späte Liebe“ etwa? Oder „Lotte in Weimar“? Zuweilen wirkt „Ein liebender Mann“ wie ein Anti-Mann-Roman. Sie erzählen so beschwingt, als wollten Sie „die ins Unbelangbare gebastelte Goethe-Figur" von Thomas Mann, wie Sie das einmal gesagt haben, wieder für jedermann habhaft machen.

Nein, das hat für mich alles keine Rolle gespielt. Ich habe nur die Primärtexte von Goethe gelesen. Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, „Lotte in Weimar“ wiederzulesen und für meinen Goethe daran maßzunehmen. Ich habe zwar Angst gehabt, als ich hier nach Weimar kam: Da begegnest du wieder diesem Lotte-Gespenst. Aber meine Lotte, also Ulrike, hat mit der Thomas-Mann-Lotte nichts zu tun. Und mein liebender Goethe ist ein leidender Goethe. Anders als bei Mann ist der gar nicht ironisch, gar nicht souverän, gar nicht erhaben. Ich wollte ausdrücken, dass es nicht wahr ist, dass Goethe alles schreibend bewältigt. Wenn die anderen leiden, leiden, leiden, dann schreibt er und wird damit fertig: Das stimmt einfach nicht. Der großen Kulturkulisse zuliebe hat er dieses Theater gemacht, dieses Entsagungstheater: Nur ist er keine Sekunde über Ulrike hinweggekommen. Mit einem Schmerz kann man nicht so einfach fertig werden.

Bei Goethe bekommt man während der Lektüre den Eindruck, er sei eine reine Walser-Figur geworden, er könnte auch Zürn oder Halm heißen, so wie andere Ihrer Romanfiguren.

Ich bin froh, dass Sie das sagen. Es würde mir nicht im Traum einfallen, Goethe zu imitieren. Das Innerste kann man nicht imitieren. Da verliert man die Zuverlässigkeit. Bei der Figur der Ulrike hatte ich allerdings immer eine Person vor Augen: Romy Schneider, die ältere Romy, die dann in Frankreich ihre meisten Filme gedreht hat. Ich muss immer an jemand denken, auch wenn ich mich selbst darstelle. Zu mir selbst fällt mir direkt nichts ein. Ich würde deshalb auch nie eine Autobiografie verfassen.

Sie haben einmal geschrieben, Sprache komme allein von dem, was wehtut, was einem fehlt, aus Mangel. Bei Goethe ist das in Ihrem Roman offensichtlich, der schreibt nicht nur die Marienbader Elegie, sondern der beginnt bei Ihnen auch mit einem Roman und schreibt zahlreiche Briefe an Ulrike, die er in Wirklichkeit nicht geschrieben hat. Worin besteht Ihr Mangel?

Ganz klar: Wenn etwas fehlt, schreibst du. Wenn mir Liebe fehlt, schreibe ich einen Liebesroman. So ist es.

Ist es so?

Wenn die Welt so sein würde, wie ich sie mir wünsche, wenn ich immer alles hätte, was ich mir wünsche, dann würde ich nicht schreiben. Ich habe auch mal gesagt: Etwas so schön sagen, wie es nicht ist. Das ist es. Auch dieser Schmerz, dieses Leid von Goethe muss man so schön sagen, wie es nicht ist. Das ist mein Beruf, wenn Sie so wollen auch meine Beschränktheit.

Goethe hat bei Ihnen auch einige Momente des Glücks, nicht nur weil er liebt, sondern auch wenn er schreibt.

Solange er schreibt, geht es ihm gut. Erst nach dem Schreiben wird es wieder problematisch für ihn. Einmal macht er bei mir ein harmloses Gedicht über sich und Ulrike, und da freut er sich, als es fertig ist, da ist er glücklich, da ist er, ich zitiere,

„... hingegeben einem Gefühl, das noch keine Wörter kannte, ihn aber beim Wörterfinden unmissverständlich leitete“

Ich empfinde das genau so. Ich habe noch nie über das Schreiben so geschrieben wie an dieser Stelle. Goethe ist da vollkommen glücklich, und als ich diese Sätze schrieb, war ich es auch.

Weshalb Sie diesen Roman auch sehr schnell geschrieben haben?

In acht Wochen. Diese Liebe, dieses Leiden von Goethe war so in mir drin, das lief wie am Schnürchen. Bis dato hatte ich das nur beim „Fliehenden Pferd“ und bei „Ein springender Brunnen“ gehabt, da war ich auch nicht Herr des Verfahrens. Bei „Ein springender Brunnen“ war es die Liebe zu meinem Vater und meiner Mutter, die hatten so viel Unglück. Und da habe ich mich nach über zwanzig Jahren dann hingesetzt und habe geschrieben: So lange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird.

Der erste Satz von „Ein springender Brunnen“.

Genau. Das ist der Ton für diese Art von Schreibverfahren. So war es auch hier: Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Man muss den Ton haben, den ersten Satz, und dann läuft es. Das ist so etwas Schönes, das kann man nicht beschreiben.

Nun ist Ihr Roman ganz überraschend auch in der „FAZ“ vorabgedruckt worden, trotz der Reibereien, die Sie vorher mit dieser Zeitung wegen Ihres Romans „Tod eines Kritikers“ hatten. Wie kam es dazu?

Mein Verleger hat mich angerufen und gesagt, dass Frank Schirrmacher nach der Lektüre begeistert gewesen sei. Dann hat er mich gefragt, ob ich mir auch einen Vorabdruck in der „FAZ“ vorstellen könnte, und ich habe geantwortet: Selbstverständlich.

Und das war überhaupt kein Problem für Sie?

Nein, sollte es das sein?

Nach all den Vorfällen vor und nach der Veröffentlichung von „Tod eines Kritikers“, den Antisemitismusvorwürfen von Frank Schirrmacher?

Gut, ich habe mir dann schon überlegt, ob mein „selbstverständlich“, das ich da so leichtfertig gegeben hatte, haltbar ist. Ich fand das dann richtig, denn ich habe mir gesagt: Da gibt es Herrn Schirrmacher und da gibt es mich. Und dann gibt es da die Institution „FAZ“ und da gibt es einen Roman. Und dieser Roman will in die „FAZ“. Ich kann nicht die „FAZ“ allein mit Herrn Schirrmacher identifizieren. Ich habe mein Gedächnis, ich weiß, was vorher alles passiert ist. Aber mein Roman will in die Zeitung.

Will er das wirklich, hat ein Walser-Roman denn so eine Art von Werbung noch nötig?

Ja, der Roman will in diese Zeitung. Ich kann das nicht anders sagen. Ein Kritiker, der einmal einem Buch gegenüber ungerecht gewesen ist, muss das nicht revidieren. Wenn er jetzt einem Buch gegenüber so gerecht wird, wie er damals ungerecht war, finde ich das in Ordnung. Nach all den Scherereien, die ich gehabt habe: Wenn heute einer über mich schreibt, der einmal sehr finster über mich geschrieben hat, dann muss er eben viel heller schreiben als damals, und dann kann ich wieder mit ihm leben. Das Beharren auf einer Negation, auf einer gegenseitig persönlichen Negation, hat für mich überhaupt keine moralische Qualität. Ich könnte schon längst nicht mehr leben in diesem Land, wenn ich in so einer Form nachtragend wäre. Man muss einer Institution, einem Kritiker auch zugestehen, sich entwickeln zu können.

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