Zeitung Heute : Walt Disney hat doch nicht Recht

Der Tagesspiegel

Von Henry Gee

Meine vierjährige Tochter und ich, wir beide lieben Dinosaurier. Sie mag auch die Disney-Fassung der Abenteuer des Helden, eines Dinosauriers namens Aladar, der von Lemuren-Affen auf einer abgelegenen Insel aufgezogen wird – bis eines Tages der Einschlag eines gigantischen Meteoriten ihr Leben dramatisch verändert. Ich liebe das Stück wegen der ausgezeichneten Effekte und weil die Disney-Animatoren voll entwickelte Primaten zeigen. Die Affen hätten demnach bereits existiert, lange bevor die Dinosaurier ausgelöscht wurden. Dies macht in bildlicher Form die erheiternden kontroversen Standpunkte deutlich, bei der sich viele Paläontologen verzweifelt an den Kopf greifen.

Aber die wirklich interessante Tatsache besteht darin, dass die Verbindung zwischen außerirdischen Interventionen und Katastrophen auf unserer Erde bereits sehr stark in die Popkultur integriert ist. Das Thema eignet sich sogar als Szenerie für einen Kinderfilm.

Es wird nachvollziehbar, wenn man es für eine überall akzeptierte Tatsache hält, dass die Auslöschung der Dinosaurier – und noch einiges mehr – am Ende der Kreidezeit vor etwa 65 Millionen Jahren durch den Einschlag eines riesigen außerirdischen Klumpens verursacht wurde. Das geschah sicherlich lange bevor Bruce Willis aufbrach, um solches Unheil abzuwenden (vergleiche auch „Armageddon", einem anderen Katastrophenfilm mit Meteoriten-Beteiligung).

Aber in jüngster Zeit vertritt eine kleine Gruppe von Experten eine andere Meinung. Demnach soll die Häufigkeit der vernichtenden Einschläge im „Phanerozoikum", das sind die letzten 543 Millionen Jahre der Erdgeschichte, gar nicht so dramatisch gewesen sein, wie es solche Weltuntergangsszenarien vermuten lassen. Freilich haben solche Neinsager keinen solchen Einfluss auf den Markt und das Denken wie Disney.

Diese Woche („Nature", Band 416, Seite 420) kommen die Wissenschaftler Shanan Peters und Michael Foote von der Universität von Chicago eindeutig auf das Hauptproblem zu sprechen: unsere Wahrnehmung der Katastrophenfälle hängt von der Zahl der Gesteine ab, die auf Fossilien untersucht werden können. Viele Paläontologen ziehen es dagegen vor, diese unbequeme Tatsache zu ignorieren.

Das Problem bei der Sache: Manche Gesteine, die aus der einen erdgeschichtlichen Periode stammen, können häufiger vorkommen als jene aus anderen Zeiten. Und genau das muss man beachten, wenn man auf die Suche nach Resten früheren Lebens geht – oder das Bereits-Ausgestorben-Sein von Tierarten belegen will.

Das Phanerozoikum wird in zehn größere Intervalle geteilt, von denen jedes wieder in kleinere Abschnitte unterteilt ist. Nach Angaben der US-amerikanischen Geologischen Aufsichtsbehörde lassen sich die sedimentären Gebirgsfelsen und die dazugehörige Umgebung in 77 zeitliche Abschnitte einteilen, mit einer durchschnittlichen Dauer von rund 7,1 Millionen Jahren.

Wenn man nun beispielsweise nach Fossilien in der Periode A sucht, die vor der Periode B liegt, kann es leicht sein, dass man viel weniger Fossilien aus dem Zeitraum B findet als aus der Periode A. Der einfache Schluss daraus lautet: Während des Übergangs von A nach B sind viele Tiere ausgestorben. Vielleicht war das durch ein plötzliches Ereignis globalen Ausmaßes verursacht, das zur massenhaften Vernichtung führte.

Bevor man solche Schlüsse zieht, sollte man jedoch wahrnehmen, dass sich auf der Oberfläche der Vereinigten Staaten, also dort, wo Paläontologen gemeinhin Fossilien sammeln und untersuchen können, nur sehr wenige Felsen aus der B-Periode bildeten. Der überwiegende Teil der für die Forscher erreichbaren Formationen kam hingegen in der A-Periode zustande. Und schon sieht das Ergebnis der Knochenzählerei, besser: die Gewichtung danach, ganz anders aus.

Der Unterschied zwischen den „Auslöschungsraten" beider Zeitalter kann sogar ganz verschwinden. Peters und Foote haben eine derartige Buchhaltung für die Vereinigten Staaten angestellt. Sie verglichen die Gebiete, in denen sich Felsen herausgebildet haben, mit den großen Datenmengen, die im Bericht über Fossilien wirbelloser Seetiere (und das sind die am reichlichsten vorhandenen Überreste früheren Lebens) enthalten sind. Die meisten Daten stammen von dem Paläontologen Jack Sepkoski.

Wer sich je nach Örtlichkeit am vorliegenden Gestein orientiert, das in den einzelnen Phasen des Phanerozoikums entstanden ist, kann sogar viele Einzelheiten vorhersagen, die sich in der „Liste der Arten-Auslöschung" wiederfinden. Da kann ein direkter Zusammenhang zwischen der Auslöschung der Arten, der Menge ihrer heute erkennbaren Überreste und der Entstehung der Geländeoberfläche bestehen.

So lebten die meisten der von Sepkoski katalogisierten Wirbellosen in seichten Seen - die schnell verschwanden, sobald der Meeresspiegel auch nur geringfügig sank. Nur folgte in solchen Gebieten eher eine Phase der Erosion, es bildete sich also gar kein Sediment heraus, in denen man üblicherweise viele Fossilien findet. Daher könnte die oft festgestellte Schwankungsbreite der Auslöschungshäufigkeit gar nicht wirklich sein – eine Erklärung, die Peters und Foote bevorzugen.

Sie räumen ein, dass einige große Schnitte in die Fauna tatsächlich zu groß sind, als dass sie nicht stattgefunden haben könnten (die Auslöschung am Ende der Kreidezeit gehört zweifellos dazu). Aber die Ergebnisse ihrer Untersuchungen stellen die Annahmen und die Zeitangaben für die anderen Massensterben schon ein wenig in Zweifel. Und damit sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Auslöschungen hauptsächlich durch plötzlich aus dem All eingetroffene Unglücksfälle entstanden seien.

Bruce Willis kann sich ausruhen . . .

Autoren des internationalen Wissenschaftsmagazins „Nature“ schreiben regelmäßig für den Tagesspiegel. Aus dem Englischen von Paul Janositz.

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