Zeitung Heute : Walter-Arndt-Vorlesung: Späte Wiederkehr eines Biologen

Michael Sparr

Am 26. Juni 2001 will der berühmte Biologe Ernst Mayr nach Berlin kommen, um im Sauriersaal des Museums für Naturkunde die Walter-Arndt-Vorlesung zu halten. Der 97-jährige Verfasser des Standardwerkes "Das ist Biologie" gedenkt damit eines herausragenden Freundes und Wissenschaftlers, der von den Nazis hingerichtet worden war. "Eigentlich hält Ernst Mayr keine Vorlesungen mehr", sagte Stefan Richter von der Gesellschaft Naturforschender Freunde, die zu der öffentlichen Veranstaltung einlädt. "Trotz seines hohen Alters hat er sich jedoch bereit erklärt." Der mittlerweile längst emeritierte Biologe lebt und forscht seit 1931 in den Vereinigten Staaten. In diesem Jahr liegt seine Promotion 75 Jahre zurück: Dieses als Kronjuwelen-Jubiläum bezeichnete, äußerst seltene Ereignis würdigt die Universität mit einem Festakt.

Wie auch für den Zoologen und Mediziner Walter Arndt begann seine Karriere im Berlin der 20-er Jahre: Beide trafen sich am Zoologischen Museum, dem Vorläufer des Naturkundemuseums. Arndt arbeitete dort als Kustos, Mayr als als wissenschaftlicher Assistent. Arndt machte Mayr den Vorschlag, die im Museum befindlichen Zeitschriften in ein Verzeichnis zu bringen. Die Zusammenarbeit währte nur kurz, denn bald darauf trennten sich ihre Wege wieder. Ihre weiteren Lebensläufe lesen sich wie ein Schnellkurs über dieses stürmische und widersprüchliche Jahrhundert.

Brotlose Zunft Zoologie

Walter Arndt wurde 1891 in Landeshut am Fuße des Riesengebirges geboren. Schon früh entwickelte er eine Leidenschaft für Teiche und Tümpel. Nach dem Abitur begann er in Breslau mit dem Studium der Humanmedizin. Damals galt die Zoologie als "brotlose Zunft", dennoch besuchte der junge Mann zoologische Vorlesungen. 1914 erhielt er seine ärztliche Zulassung und ging als freiwilliger Arzt an ein Frontlazarett. Schon im ersten Kriegsjahr geriet er in russische Gefangenschaft, wurde 1917 ausgetauscht und in den Wirren der Oktoberrevolution als Mitarbeiter der Kriegsgefangenenfürsorge erneut verhaftet. Die Sowjets schickten ihn zum Einsenbahnbau nach Sibirien, wo er als Arzt das Leid der dort eingesetzten Kriegsgefangenen hautnah miterlebte. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1919 promovierte Arndt zum Doktor der Medizin und beendete sein Zoologie-Studium. 1921 holte ihn sein ehemaliger Professor Willy Kükenthal ans Zoologische Museum nach Berlin.

Ernst Mayr wurde 1904 in Kempten im Allgäu geboren, lebte aber später in Sachsen. Als Halbwüchsiger entwickelte er seine Passion für Vögel und verbrachte unzählige Tage auf Beobachtungspirsch in der Umgebung von Dresden. Dabei begegnete er dem berühmten Berliner Ornithologen Erwin Stresemann, der ihn fortan unter seine Fittiche nahm. 1923 begann er in Greifswald ein Medizin-Studium, wechselte aber nach dem Physikum ans Zoologische Museum in Berlin. Dort promovierte er 1926 und erhielt die besagte Assistentenstelle.

Durch die Vermittlung von Stresemann nahm Mayr 1928 und 1930 für den vermögenden Vogelsammler Lord Rothschild an einer Sammelexpedition nach Neuguinea und auf die Solomon-Inseln teil. Die dort gewonnen Kenntnisse über die Biogeographie der Region wurden Grundlage seiner theoretischen Arbeit. 1931 nahm er das Angebot an, ans American Museum in New York, dem größten naturwissenschaftlichen Museum der Welt, zu wechseln. Er blieb in den Vereinigten Staaten und wurde zu einem der Begründer der Synthetischen Theorie der Evolution, welche Darwins Theorie mit den Erkenntnissen der modernen Genetik verbindet. Einer von Mayrs wesentlichen Beiträgen war das Konzept der "Biologischen Art". Es besagt, dass Arten nicht morphologisch von einander getrennt sind, sondern durch Barrieren in der Fortpflanzung. Dazu veröffentlichte er 1942 sein bahnbrechendes Werk "Systematics and the Origin of Species."

Denunziert und hingerichtet

Auch Walter Arndt unternahm Forschungsreisen, so nach Bulgarien und Neapel. Rund 260 Veröffentlichungen in einem breiten Spektrum zoologischer Themen umfassten sein Lebenswerk. 1943 fuhr der ausgebombte Forscher in seine Heimat nach Landeshut. Dort traf er eine Jugendfreundin seiner Schwester. Ihr offenbarte Arndt seine Ansicht, das Ende des Krieges sei nah. Daraufhin denunzierte ihn die Frau bei den Nazis. Zunächst ohne Folgen. Zwei Monate später äußerte Arndt in Berlin gegenüber dem Zoologen Wolfgang Stichl seine Überzeugung, dass es nun nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die Schuldigen bestraft würden. Auch Stichl denunzierte Arndt, dieses Mal bei der Geheimen Staatspolizei. Im Januar 1944 wurde Arndt im Museum verhaftet. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn am 11. Mai wegen "Defätismus" zum Tode. Auf das Angebot Arndts, als Freiwilliger an die Ostfront zu gehen, ging der Vorsitzende Richter Roland Freisler nicht ein. Am 26. Mai 1944 wurde Walter Arndt im berüchtigten Zuchthaus in Brandenburg mit dem Fallbeil hingerichtet.

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