Zeitung Heute : Walter Momper: Amt weg, Tasche weg, Auto weg

Brigitte Grunert

Leben ist immer lebensgefährlich", pflegte Walter Momper früher humorvoll mit Erich Kästner zu sagen. Robust war er immer im Austeilen und Einstecken, der vollblütige SPD-Politiker und ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin (West). Prominent ist er immer noch. Aber wenn so einer bloß noch als Pechvogel von sich reden macht, vergeht ihm der Humor. Zur Abwechselung gab Walter Momper gestern den Brubbelkopp. "Dazu sage ich nichts, ich bin nicht für Boulevardjournalismus", tat er am Handy aus Österreich kund. Nicht mal die SPD-Sprecherin durfte für ihn über das jüngste Missgeschick sprechen, das ihm und seiner Frau in Stettin passierte. Und das hat wirklich nichts mit Politik zu tun.

Es waren Winterferien, Mompers machten eine kleine Autoreise. Frau Momper, so berichtete die "BZ", kaufte ein, er wartete im roten Audi. Plötzlich sah er Frau Änne aus dem Geschäft stürzen, einem mutmaßlichen Handtaschendieb hinterher. Mit einem Satz war Momper aus dem Wagen und lief nach. Achherrje - am Ende war nicht nur die Handtasche weg, sondern auch das Auto geklaut. Er hatte vor Schreck den Zündschlüssel stecken lassen.

Schlimmer noch war der Schrecken, der den Mompers erst am 28. Dezember 2000 in die Glieder gefahren war. Als Walter Momper an jenem Nachmittag in der Dämmerung seine Haustür in der Fichtestraße 15 in Kreuzberg aufschloss, traf ein mysteriöser Schuss eben denselben roten Audi am Straßenrand und durchschlug das Seitenfenster. Nach den Ermittlungen der Polizei war es aber kein Attentat auf Momper. Immerhin hätte ihn auch der unpolitische Schuss böse treffen können.

In Glanzzeiten konnte Momper glatt auf seiner Glatze Locken drehen. Als junger Mann zog er Anfang der siebziger Jahre den Unmut der SPD-Rechten durch despektierliche Zwischenrufe von links unten auf Landesparteitagen in der alten Kongresshalle im Tiergarten auf sich. Er war längst Partei- und Fraktionschef, als ihm FDP-Kollege Walter Rasch im Dezember 1988 in einer Parlamentsdebatte zur Gaudi der CDU bescheinigte, man werde ihn wie den doofen Bruno am Nasenring durch die Stadt ziehen. Es war Wahlkampf und Momper Spitzenkandidat. Irrtum. Bei der Wahl am 29. Januar 1989 konnte Momper dem Regierenden Eberhard Diepgen das Amt abknöpfen. Das hat ihm die CDU bis heute nicht verziehen.

Die Mauer fiel; mit Walter Momper und seiner turbulenten rot-grünen Koalition ging es bergab. Und kaum war Eberhard Diepgen nach der Gesamtberliner Wahl vom 2. Dezember 1990 wieder da, bekam Momper immerfort auf den Hut - politisch mit Worten, von der "autonomen Szene", die sich als nachtragend erwies, mit tätlichen Angriffen. Wegen der Räumung besetzter Häuser im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain im November 1990 war Rot-Grün kurz vor der Wahl zerbrochen. Momper wurde zur Zielscheibe von linken Chaoten. Im August 1991 bekam er in Kreuzberg von Vermummten einen Schlag auf den Kopf; im Krankenhaus musste eine Platzwunde genäht werden. Im September 1994 wurde sein Auto auf der Straße angezündet und brannte aus. In einem "Bekennerschreiben" hieß es, Momper symbolisiere die "verlogene Moral einer Mehrheit der gehobenen Mittelschicht". Da hatte er schon seine eigene Projektentwicklungsfirma. "Reisechaoten" verfolgten ihn zu Lesungen aus seinem Buch über die Wende bis Halle, Plauen und Erfurt. Ein Zahn wurde ihm ausgeschlagen.

1999 wollte er es noch einmal als Spitzenkandidat wissen - und scheiterte kläglich mit seiner Partei. Unter Ach und Krach blieb die SPD unter dem Dach der Großen Koalition. Aber immer, wenn Momper darüber philosophierte, ob sich die PDS zum koalitionsfähigen Partner in spe wandeln könnte, schlugen die CDU und ein Teil der SPD zu. Kaum zog jetzt die Parteispendenaffäre um den CDU-Fraktionschef und alten Momper-Intimfeind Klaus Landowsky herauf, machte Landowsky die wahren SPD-Satansbraten aus: Momper natürlich, Parteichef und Senator Peter Strieder und Kanzler-Freund Klaus Uwe Benneter. Nein, Momper will nicht den doofen Bruno geben. Also kein Wort über das Pech von Stettin. Brummelnd schaltete er sein Handy ab.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!