Zeitung Heute : Wanderkarten: Gute Wegweiser sind in Deutschland Mangelware

Walter Schmidt

"Nur sehr wenige Menschen können hochwertige Wanderkarten überhaupt erkennen. Deshalb wird oft irgend etwas einfach aus dem Kartenregal gekauft, Hauptsache, es steht Wanderkarte drauf." Kein freundliches Urteil, das Franz Pietruska fällt. Doch weil er Vorsitzender des Verbandes der Kartografischen Verlage und Institute ist und obendrein selbst Wanderkarten herstellt, verdient seine These näheres Hinsehen - zumal er sie nicht allein vertritt.

"Wir haben in Deutschland quasi keinen funktionierenden Markt für Wanderkarten, denn die Verlage brauchen auf die Kunden keine Rücksicht zu nehmen", sagt der Natursoziologe und Wander-Experte Rainer Brämer von der Universität Marburg. "Karten werden nur über den Umschlag und den Preis verkauft." Billig müsse die Wegehilfe sein und vorn ein hübsches Foto haben - mehr verlange das Publikum nicht. Wie sollte es auch: "Nur ein Fünftel der Wanderer kann Karten lesen", urteilt Brämer. Warum trotzdem jährlich fünf bis zehn Millionen Karten verkauft werden, hat er zu erforschen versucht.

"Wanderkarten werden oft nicht am Zielpublikum getestet", beklagt der Kartenkenner. Auch Nutzeranalysen unterblieben. Er selbst hat deshalb Tausende von Wanderern nach ihrem Umgang mit Karten befragt - mit pikanten Ergebnissen: Fast alle Wanderer erwarten Wegweiser und markierte Wege, 60 bis 70 Prozent wollen zusätzlich Wanderkarten. "Die Leute achten erst auf Wegweiser und Markierung und nutzen die Karten nur zusätzlich", sagt Brämer. "Etwa 80 Prozent gucken vorher mal drauf, um zu sehen, durch welchen Wald und welchen Ort der Weg führt." Viele Wanderer kauften die Karte nur, "um sich sicher zu fühlen", wüssten aber noch nicht einmal, dass Norden auf der Karte oben ist.

Weil das Publikum gute von schlechten Karten kaum unterscheiden könne, sei "viel Mist" in Umlauf, mit dem "viel Reibach" gemacht werde. "Die Karten vieler privater Verlage sind von den amtlichen Karten abgekupfert. Straßen und Wege sind völlig überdimensioniert, weil sich die Karten auch an Autofahrer absetzen lassen sollen." In kommerziellen Karten fehlen laut Brämer zudem "oft die Höhenlinien und Nebenwege, obwohl Wanderer diese gern laufen."

Doch auch an den offiziellen Wanderkarten der Landesvermessungsämter hat der Marburger Wissenschaftler einiges auszusetzen. "Amtliche Karten sind nicht für Wanderer gemacht, sondern von Vermessungsingenieuren für Vermessungsingenieure", bemängelt er. Bei einer Befragung von 5500 Wanderern im Rothaargebirge ermittelte Brämer, dass drei Viertel von ihnen Gras- und Erdwege bevorzugen. "Und genau diese Wege sind schlecht kartiert."

Die Wanderwege-Infos kommen von Wandervereinen, also nicht aus amtlichen Quellen - das ist auf den Karten zwar meist vermerkt, stört den Wanderforscher aber dennoch. Für die Ämter sei es natürlich billiger, so vorzugehen. "Die Wegewarte haben oft keine Ausbildung, weil viele Vereine froh sind, überhaupt welche zu haben", sagt Brämer. Er kenne "viele Wegewarte, die keine Karten lesen können". So schlichen sich eine Menge Fehler ein. Sein Fazit: "Deutschlands Karten sind schlechter als ihr Ruf."

Möglicherweise bleiben etliche Kartierungsfehler aus simplem Grunde unentdeckt: "Otto Normalverbraucher übersieht die Hälfte der Informationen in Wanderkarten", sagt Franz Pietruska. Deshalb dächten manche Verlage: "Warum sollen wir die Eier legende Wollmilchsau herstellen? Wir verkaufen lieber, was die breite Masse braucht." In Gegenden, "wo man im Jahr nur 1200 Karten verkauft", verließen sich die Verlage ohnehin nur auf die Angaben der örtlichen Touristiker, "und damit hat es sich".

Nach Ansicht des Verbandsvorsitzenden würden die Karten wohl schon besser, wenn ein "zwanzig Jahre altes Dilemma" endlich beseitigt würde. "Der Wanderkarten-Markt wird durch die Verlagstätigkeit der Landesvermessungsämter erheblich gestört", sagt Pietruska. "Die Ämter produzierten ihre Tourismus-Karten auf Kosten der Steuerzahler und verkaufen sie zu Spottpreisen."

Das ist auch Rolf Böhm ein Dorn im Auge. Er leitet einen kleinen Kartenverlag im sächsischen Bad Schandau und ist alle Wege auf seinen 16 Wanderkarten selbst abgegangen - eine Mühe, die er bei guten Karten für "absolut erforderlich" hält, die sich aber nur wenige machen. Auf seinen ausgesprochen schönen, handgemalten Wegeübersichten verzeichnet der Kartograf allerlei Details - von der Höhle über den Forstgrenzstein bis hin zu Felsstiegen und Wegekreuzen. Er findet Wanderkarten zu billig gemessen an dem Aufwand, den eine gute Karte erzwinge. "Die amtlichen Karten in Deutschland müssten endlich mal doppelt so teuer werden", wünscht sich Böhm.

Für seine Karten nimmt er sieben bis zehn Mark; hin zu höheren Preisen könne er nicht den ersten Schritt machen, schon gar nicht in Ostdeutschland, "das wäre Selbstmord". Die Anfertigung einer amtlichen topografischen Karte koste in Sachsen umgelegt auf das Einzelstück etwa 150 Mark, "aber weil das keiner bezahlen würde, subventioniert das Landesvermessungsamt die Karten auf 9,80 Mark runter" - mit Steuergeldern, versteht sich. Ganz anders in der Schweiz: "Dort gibt es die besten Karten", schwärmt Böhm, aber die amtlichen Karten dort kosteten auch 50 Franken, also etwa 60 Mark. "Der Markt regelt das Qualitätsproblem in Deutschland nicht", sagt der Kartograf.

Das freilich sieht Kompass anders. Der eigenen Angaben nach in Deutschland und in Europa "mit Abstand führende und verkaufsstärkste Verlag für Wanderkarten mit einem Marktanteil von 35 Prozent" hält 400 Wanderkarten lieferbar. "Man sollte die Käufer nicht unterschätzen", warnt Petra Keplinger, eine Sprecherin des Innsbrucker Unternehmens aus der marktbeherrschenden Mair-Gruppe. An Hand von jährlich über 2000 Kundenzuschriften könne Kompass feststellen, "dass ein erheblicher Teil der Nutzer sehr wohl mit Karten umgehen kann und auch beim Schriftverkehr Fachausdrücke wie Schummerung oder Felszeichnung verwendet".

Kritiker Rainer Brämer will die Karten jetzt selbst verbessern. Für den Rothaarsteig, einen neuen Fernwanderweg nach dem Vorbild des Rennsteiges im Thüringer Wald, entwickelt Brämer Karten mit einem "ebenso einfachen wie sicheren" Leitsystem. Der Clou des Neuversuchs dürften spezielle Wanderkarten für zwei Gruppen sein, die sich völlig anders im Gelände orientieren: Da gibt es einmal die Wegefolgen-Wanderer, die sich nach einem Blick auf die Karte mehrere Abzweige hintereinander einprägen können. Damit tun sich Landmarken-Wanderer schwer. Zu ihnen gehören nach Erkenntnissen der Geschlechterforschung vor allem Frauen: Sie orientieren sich lieber an einer wuchtigen Linde, einem Aussichtsturm oder Sendemast. Für den Rothaarsteig soll es deshalb eigens Landmarken-Karten mit solch markanten Details geben. Zusätzlich sind im Abstand von 500 Metern Meilensteine geplant, die in Brämers Wanderkarten verzeichnet werden.

Das alles wäre einen Versuch wert. Gefährdet wird das Projekt nur noch von einer Forderung des Landesvermessungsamtes in Bonn, das laut Brämer bis zu 60 000 Mark an Lizenzgebühren für alle benötigten Karten haben möchte, die der Wissenschaftler benutzen muss - und das, "obwohl unser Verlag alles auf den amtlichen Karten nachzeichnen will". Sollten solche Forderungen einreißen, wäre das nach Brämers Ansicht das Aus für viele Privatverlage. Die könnten nicht länger mithalten, wenn Behörden erst mit Steuergeldern Daten erheben und sie dann auch noch Gewinn bringend an die Konkurrenz verkaufen.

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