Zeitung Heute : Wanderpreise für die Firmensammlung

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Von Henry Steinhau

An Selbstbewusstsein mangelt es Apple jedenfalls nicht: Auf 52 mal 33 Meter Werbefläche, angebracht am historischen Gasspeicher Schöneberg, zeigt das vergleichsweise kleine kalifornische Computerunternehmen seit rund vier Wochen rekordverdächtige Größe. Die unübersehbare Werbeplane lenkt den Blick der S-Bahn- und Autofahrer auf eines der aktuellen Apple-Produkte, den „iMac“.

Dessen außergewöhnliches „Schreibtischlampen-Design“ – aus einer weißen, Fußball-großen Halbkugel ragt ein stählerner Schwenkarm, an dem ein Flachbildschirm befestigt ist – dürfte also mittlerweile einer breiten Masse bekannt sein. Nur, wer kauft dieses schmucke Gerät dann auch? Etwas zu teuer, dazu ein eigenes, vom Windows-Standard abweichendes Betriebssystem – das schreckt nach wie vor viele potenzielle Kunden vom Kauf eines Apple ab. Der Marktanteil dümpelt weltweit seit einigen Jahren bei fünf Prozent dahin. Immerhin, das Unternehmen ist profitabel, ganz im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern mit weitaus größeren Marktanteilen.

„Ob Apple je einen Massenmarkt bedienen wird oder je konnte, halte ich für fraglich“, sagt Volker Riebartsch. Er beobachtet Apple seit rund 15 Jahren als Fachjournalist der Zeitschrift „Macup“ und startete vor kurzem als Herausgeber und Chefredakteur das neue Magazin „Mac Professional“. Aus seiner Sicht besetzt Apple ganz gezielt bestimmte Marktnischen, und zwar bei der professionellen Medienproduktion – Print, Video, Musik – im Bildungsbereich sowie bei Selbständigen, Freiberuflern und kleinen Betrieben.

Mit dem jüngsten Kauf von Technologien für die Bearbeitung von digitalem Video stärkt Apple seine ohnehin schon gute Stellung in den Video-Studios. Mehr noch: Nach dem jüngsten Kauf der Musiksoftware- Firma Emagic (siehe Kasten), die bei bestimmten Produktkategorien Marktführer ist, sind die Kalifornier sogar mutig genug, die Weiterentwicklung der Emagic-Windows-Varianten einzustellen. „Darüber hinaus muss Apple nun auch die vertikalen Lösungen, die es für Ärzte, Architekten, Handwerker und so weiter zu Hauf gibt, auch offensiv bewerben und promoten“, sagt Riebartsch und weist auf die gerade gestartete und groß angelegte Werbekampagne hin. Darin lässt Apple „reale Menschen“ zu Wort kommen, die in Filmen und Anzeigen – sichtlich erleichtert – ihren Wechsel von Windows-PCs zu Macintosh begründen. Dies allerdings vorerst nur in den USA.

Der Fokus von Apple auf jene Nutzer, die als Freiberufler, Selbständige und Kleinstbetriebler Arbeit und Freizeit miteinander verschmelzen, findet in der Losung vom „PC als Digital Hub“ (englisch für: Mittelpunkt, Nabel) seine Entsprechung. Was darunter konkret zu verstehen ist, zeigte Apple mit dem „iPod“, einem Zigarettenschachtel-großen MP3-Player mit einer fünf bzw. zehn Gigabyte Speicherplatz bietenden Festplatte für mehrere hundert Stunden Musikgenuss. Mit mehr als 125 000 verkauften Geräten nach nur drei Monaten wurde der „iPod“ zu einem der meistverkauften MP3-Player überhaupt. Und das, obwohl er offiziell nur via Mac-Software zu steuern ist. Immerhin sind inzwischen auch Windows-Versionen im Internet zu finden.

Seine Abrundung findet das „iPod“-Konzept quasi erst in der zugehörigen, „iTunes“ genannten Software: Ein universelles und leistungsfähiges Programm zum Abspielen und Verwalten von Musikdateien unterschiedlichen Formats, aber eben auch zum Bespielen des „iPod“ sowie zum direkten Brennen von (Audio-)CDs. Und äquivalent dazu legte Apple mit „iPhoto“ ein flexibles und einfach zu handhabendes Foto-Verwaltungs- und Bearbeitungsprogramm und mit „iMovie“ und „iDVD“ entsprechende Software für den Videobereich vor. Die Geräte hierfür überlässt man anderen, konzentriert sich auf die Schnittstellen, wie schnelle FireWire- oder flexible Drahtlos-Verbindungen via „AirPort“, der Apple-Variante eines leistungsfähigen Funknetzwerkes. Der Macintosh soll somit, als Symbiose von Computertechnik mit Unterhaltungs- und Hauselektronik, mehr und mehr zur Schalt- und Waltzentrale des „Digital Lifestyle“ werden, und wird genau damit „eine Steigerung des Marktanteils“ erreichen, so Apple-Deutschland-Chef Frank Steinhoff.

So plausibel die Doppelstrategie aus Medienproduktions-Spezialist und Digital Lifestyle-Innovator auch klingen mag, als vergleichsweise kleines Unternehmen muss Apple dafür einen riskanten Spagat hinlegen, und der ist nicht immer einfach. Als Apple kürzlich die Bilanzen für das dritte Geschäftsquartal 2002 vorlegte und statt 1,6 Milliarden nur 1,45 Milliarden US-Dollar Umsatz sowie statt 11 bis 13 nur 8 bis 10 Cent Gewinnausschüttung je Aktie verkündete, sahen viele die Gründe im gedämpften Verkauf der überarbeitungsbedürftigen High- End-Rechner, den Apple mit Zahlen bestätigte. Einen ebenfalls unerwartet schlechten Verkauf der Schwenkarm-iMacs dementierte das Unternehmen hingegen.

Der Strategie-gerechten Produktkritik entsprechend müssten zur heute in New York eröffneten Messe MacWorld eigentlich neue, schnelle „G5“-Prozessoren und ein Schwenkarm-iMac mit 17-Zoll-Monitor kommen, doch das gilt als unwahrscheinliche Spekulation. Viel eher wird die Präsentation von optimierter Hard- und Software erwartet. Auf der anderen Seite des Apple-Spagats muss das jüngst mit dem Wanderpreis des Designzentrums Nordrhein-Westfalen ausgezeichnete Designteam Apples immer wieder Glanzstücke wie den „iMac“ oder den, ebenfalls ausgezeichneten „iPod“ hinlegen, um den Anhängern des Digital Lifestyle neuen Zucker zu geben. Doch mehr als einen „iPod“ mit 20 Gigabyte-Festplatte soll ihnen, so die Kaffeesatzleser der Apple-Szene, in diesen Tagen auch nicht geboten werden. Doch für Überraschungen ist Apple mindestens ebenso bekannt, wie für sein ungebrochenes Selbstbewusstsein.

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