Zeitung Heute : Wandschmuck als Markenname: das britische Lifestyle-Magazin "Wallpaper" macht seit vier Tagen Profit

Nina Fischer

Vor drei Jahren hatte fast jeder Tyler Brulé davon abgeraten, sein neues Lifestyle-Magazin auf das englische Wort für Tapete zu taufen: "Wallpaper". Heute jedoch ist "Wallpaper" nicht nur zu einer Marke, sondern zu einem Lebensgefühl geworden. Das mittlerweile fast 400 Seiten starke englischsprachige Hochglanz-Heft mit dem Untertitel "The stuff that surrounds you" (Die Dinge, die dich umgeben) ist fast rund um den Globus zu haben: Mit einer Auflage von 144 000 Heften erscheint es in über 40 Ländern zu Preisen zwischen 10 Mark 20 (Großbritannien) und 17 Mark (Deutschland).

Die Legende von "Wallpaper" liest sich wie eine Soap Opera. Nach einigen Jahren als Korrespondent bei Fernsehsendern wie BBC, ABC und Fox wechselte der Kanadier Tyler Brulé in den Printjournalismus. Er schrieb für "Vanity Fair", den "Guardian", die "Times", den "Stern", "Tempo" und andere Publikationen. Auf einer Recherche-Reise nach Afghanistan wurde Brulé von Rebellen beschossen. Schwer verletzt überlebte er, verbrachte mehrere Monate in Krankenhäusern und verlor schließlich das Gefühl in seinem linken Arm. "Damals habe ich festgestellt, dass man nur einmal lebt, und es gab einfach kein Magazin mit den Dingen, die mir plötzlich wichtig waren: Wohnen, Essen, Trinken und Reisen." Zusammen mit einem Bankkredit, fünf guten Freunden und dem österreichischen Verlag "Ahead Media" gründete der damals 27-jährige "Wallpaper" in London. Eine Zeitschrift für "junge, gebildete, urbane und globale" Menschen, die verpackt ist in einem minimalistischen, gradlinigen Design und bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Gefüllt ist das Magazin mit Artikeln zu Design, Architektur, Kunst, Technik, Unterhaltung und - Anzeigen. Obwohl der redaktionelle Teil etwas mehr als die Hälfte des Hefts ausmachen soll, wirkt der Anzeigenberg mächtig. "Die Anzeigen müssen allerdings zu unserem Design passen, sonst lehnen wir sie auch schon einmal ab", so Chefredakteur Brulé.

"Wallpaper" will anders sein. "Stars haben in unserem Blatt nichts verloren. Das können andere vielleicht auch besser", sagt die Redaktion. Diese Andersartigkeit von "Wallpaper" mag auch Time Warner gereizt haben - vor zwei Jahren kaufte der amerikanische Medienkonzern das Blatt nach der vierten Ausgabe für drei Millionen Mark. Ein gutes Geschäft, denn "seit etwa vier Tagen machen wir Profit", sagt Brulé.

Neue Pläne hat der Jungdynamiker schon in der Schublade. Nach einigen Versuchen mit einem deutschen Cover auf der englischen Version überlegt er nun, nicht nur die Frontseite des zehn Mal im Jahr erscheinenden Titels in deutscher Sprache zu gestalten, sondern auch im Inneren deutschsprachige Stücke unterzubringen. Sein größtes Potenzial jedoch ist noch ein Geheimnis: ein ganz neuer Titel, der an den Erfolg von "Wallpaper" anknüpfen soll, eine andere Nische füllen will und Ende März auf den Markt kommt.

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