Zeitung Heute : Wann endet der Terror?

Wir haben ihn – kurz und knapp kommentierte der oberste US-Verwalter die Festnahme des Ex-Diktators Saddam Hussein. Was das für den Frieden im Irak bedeutet, ist fraglich. Manche Experten befürchten, dass der Partisanenkrieg sich ausweiten könnte.

Frank Jansen

Kehrt endlich Ruhe ein? Nichts wünschen die Amerikaner sich sehnlicher, als dass mit der Festnahme Saddams auch die Terroranschläge im Irak enden würden. Ein frommer Wunsch, der sich nicht erfüllen wird, glauben deutsche Terror-Experten. Und sie sollten schon am Sonntag Recht bekommen: Wenige Stunden nach der Bekanntgabe der Festnahme explodierte im Zentrum der irakischen Hauptstadt eine Autobombe. Bei der Explosion vor einer Polizeiwache westlich von Bagdad kamen am Morgen mindestens 17 Menschen ums Leben. Auch in den USA und Europa bleibt ein Risiko, das aber durch den gefangenen Ex-Diktator immerhin nicht größer geworden ist, meinen Terrorfachleute wie Berndt Georg Thamm und Kai Hirschmann.

„Er war der Kopf des Regimes, aber nicht der große Feldmarschall des irakischen Widerstands“, sagt Publizist Thamm. „Über Saddam ist die Geschichte hinweggerollt“, sagt Hirschmann, der stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (Iftus) ist. Im Gegensatz zu Osama bin Laden, der eine religiöse Ideologie anbiete, „konnte sich Saddam Loyalität nur noch kaufen“. Thamm erwartet dass in den nächsten Wochen Saddam-treue Kämpfer wie zum Beispiel die Fedayin-Miliz mit „Märtyrereinsätzen“ auf die Festnahme reagieren. Racheaktionen in den USA und Europa hält er für wenig wahrscheinlich. Schon der Beginn des Krieges und der Sturz des Regimes im Frühjahr wären ein hinreichender Anlass für Attentate außerhalb des Irak gewesen, sagt er – die seien aber ausgeblieben.

Den Widerstand im Irak schätzt Thamm auf mehrere tausend Kämpfer. Zwei Drittel seien „Inländer jeder Couleur“, Fedayin, Baathisten, also Angehörige der ehemaligen Einheitspartei Saddams, sowie Ex-Militärs. Möglicherweise könnten sie sogar Sympathien in der Bevölkerung gewinnen, wenn Saddam vor Gericht kommt. „Ein Prozess wird wahrscheinlich als Demütigung durch die Ungläubigen erlebt“, sagt Thamm, zudem würden die Gräuel des Saddam-Regimes mit den Opfern der Militärschläge aufgerechnet.

Ein Drittel der irakischen Widerstandsszene rekrutiert sich aus Gotteskriegern anderer Nationalitäten und Mitgliedern von mit Al Qaida verbündeten Organisationen, die aber auf eigene Faust agieren. „Es interessiert sie überhaupt nicht, was mit Saddam geschieht“, ist Thamm überzeugt. Die Terroristen seien weder finanziell noch militärisch je von ihm abhängig gewesen.

Nach Ansicht von Hirschmann sind für die Anschläge im Irak fast ausschließlich Attentäter aus dem Umfeld der Al Qaida verantwortlich. Als Drahtzieher vermutet Hirschmann den aus Jordanien stammenden Palästinenser Abu Mussab al Zarkawi. Gegen ihn wird auch in Deutschland ermittelt. Generalbundesanwalt Kay Nehm hält Zarkawi für den Rädelsführer der im April 2002 ausgehobenen Al-Tawhid-Terrorzelle, die einen Anschlag auf das Jüdische Museum in Berlin geplant hatte.

Das Fazit der Experten: Die „Afghanisierung“ des Irakkonflikts schreite voran. Ein Partisanenkrieg droht, wie ihn die Rote Armee zur Zeit der sowjetischen Besetzung Afghanistans erleben und erleiden musste.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben