Zeitung Heute : Wann grüße ich Kollegen?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Seit kurzem arbeite ich in einer großen Behörde mit langen Fluren, wo mir ständig unbekannte Mitarbeiter begegnen. Soll man diese grüßen, was zum Dauergrüßen führt oder ignorieren, was mir unhöflich vorkommt? Alles was ich ausprobiere, vom deutlichen Gruß über unverbindliches Gemurmel, Nicken, Anlächeln oder Wegschauen, kommt mir unbefriedigend vor.

Da sprechen Sie ein sehr deutsches Problem an. Es gibt sicher nicht viele Länder, in denen man beispielsweise auf einem einsamen Waldweg grußlos an einem Fremden vorbeigehen würde, weil man sich halt nicht grüßt, wenn man sich nicht offiziell kennt. Ihr Instinkt ist aber genau richtig, und ich denke mal, die Globalisierung wird am Ende auch dieses Problem bei uns richten. Mit den von Ihnen ausprobierten Grußvarianten würden Sie sich vermutlich wohler fühlen, wenn sie immer erwidert würden. Die irritierten, manchmal fast tadelnden Blicke, die man hierzulande für einen freundlichen Gruß ernten kann, kenne ich auch. Das ist entmutigend, manchmal kommt man sich geradezu blöde vor, wenn man lächelnd und nickend durch die Gänge läuft und sich dabei wie ein Exot fühlen muss. Es wächst aber die Zahl derer, die es als unhöflich oder deprimierend empfinden, wenn jemand stieren Blicks an ihnen vorbeigeht.

So, wie die Menschen sich immer stärker um besseres Aussehen bemühen, werden sie auch nach immer angenehmerem Auftreten streben. Es baut Spannungen ab, wenn man auch Fremde grüßt. Es bringt mehr Freundlichkeit in die Welt. Es signalisiert mehr Möglichkeiten. Wenn Sie innerhalb von wenigen Minuten demselben Kollegen wiederholt begegnen, müssen Sie nicht jedes Mal ein donnerndes „Guten Morgen, Herr Sowieso“ durch die Gegend schmettern. Beim zweiten Mal reicht ein kurzes Nicken oder ein Lächeln oder sogar ein Augenzwinkern.

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