Zeitung Heute : Wann hört das Zittern endlich auf?

Wolfgang Mleczkowski leidet unter Parkinson. Aber der FDP-Politiker hat eine Hoffnung: Er will sich Stammzellen implantieren lassen

Lorenz Maroldt

Er wird nichts spüren, wenn sich die Nadel in sein Gehirn drückt. Er hört auch nicht den Bohrer, der seine Schädeldecke durchstößt. Der Computer fixiert einen neuen Punkt irgendwo drinnen, ein Metallarm führt fest die Spritze. Nichts zittert, hier geht es um Mikrometer. Jetzt! Ein Finger drückt den Kolben herunter und presst einen farblosen Tropfen heraus. Das ist es. Im Kopf von Wolfgang Mleczkowski, der eingespannt ist in einen Rahmen, schwirren eine Million neuer Zellen herum. Bald wird er aus der Narkose erwachen. Kein neuer Mensch; doch ein anderer? Und alles wird gut?

So könnte es sein. So muss es sein!, sagt er. Hoffentlich; hoffentlich bald. Vor ein paar Wochen rief er an, überraschend, geheimnisvoll, und lud zu sich ein, mit seltsam brüchiger Stimme. Ein Professor aus Leipzig werde auch dabei sein und der Vorsitzende seiner Fraktion. Denn er ist ja Mitglied des Parlaments von Berlin, und das mache die Sache noch außergewöhnlicher, als sie ohnehin ist.

Die Geschichte, die Mleczkowski erzählt, beginnt im Dezember 2000. Da ist er 57 Jahre alt. Günter Rexrodt, Landesvorsitzender der FDP, hat zur Weihnachtsfeier ins russische Restaurant Samowar geladen. Schwere Holztische, an den Wänden Portraits des Zaren, auf der Karte Spezialitäten: Poroschki, Pelmenis, Warenikys, Blinchikys, und, na klar, Kaviar, Wodka. Das Schloss Charlottenburg nebenan strahlt. An diesem Abend beginnt bei Wolfgang Mleczkowski das Zittern.

Eine halbe Weltreise entfernt experimentiert zur selben Zeit Johannes Schwarz mit Zellkulturen. Seit zwei Jahren lebt der vierzig Jahre alte Neurologe in den Vereinigten Staaten, forscht am California Institute of Technology in Pasadena. In gut sechs Monaten, im Sommer 2001, will er nach Deutschland zurückkehren – mit einem Forschungsergebnis, das vieles verändern soll.

Er macht sein Leiden zum Politikum

Wolfgang Mleczkowski, gerade eben noch in Vorweihnachtsstimmung, schaut auf seine linke Hand. Er bekommt die Gabel nicht ruhig, er fühlt sich nicht wohl. Andere am Tisch sehen es auch. Ein paar Tage später wird er Rexrodt anrufen, von einem leichten Schlaganfall sprechen. Eine Fehldiagnose. Auf den Bildern der Computertomographie ist das, was ihm fehlt, nicht zu erkennen.

Johannes Schwarz bereitet seinen Umzug vor. Er plant, eine Firma zu gründen. Erst einmal aber tritt er seine neue Stelle in Leipzig an; er wird Vizedirektor der Neurologischen Klinik. Er hat sich spezialisiert auf eine Krankheit, bei der aus Gründen, die noch niemand kennt, im Gehirn bestimmte Zellen absterben. Wen das trifft, dem mangelt es fortan an einem wichtigen Stoff: Dopamin.

Die ersten Symptome seiner Krankheit hatte Mleczkowski glatt ignoriert. Schulterschmerzen, dann im Winterurlaub bei der Massage ein leichtes Beben im Körper. Als wären manche Stellen im Körper gelähmt. Ein paar Monate später weiß er, woran er leidet, doch er behält es für sich. Nur Freunden und wenigen Kollegen sagt er Bescheid. Nächtelang sucht er im Internet nach Informationen, stößt auf das „Pipeline-Projekt“, ein Forum von Betroffenen und Spezialisten. Hier trifft Mleczkowski auf Johannes Schwarz.

Frühjahr 2002. In Leipzig gründet Schwarz mit seiner Frau die Firma Neuroprogen. Sie züchten Zellen. In Berlin beginnt man, sich über Mleczkowski zu wundern. Er fällt immer öfter aus, fehlt beim Begräbnis der Parteigröße Hermann Oxfort. Aber in Urlaub fährt er, wird tadelnd bemerkt. Schwarz präsentiert in der Fachzeitschrift Psychoneuro seine Ergebnisse, spricht von einer Herausforderung. Mleczkowski fällt auf Sardinien zitternd von der Liege, beim Diktieren verliert er immer öfter den Faden – Sekundenschlaf. Medikamente würden helfen; er nimmt sie nicht wegen der Nebenwirkungen.

Und jetzt sitzt er in seiner Wohnung, Fasanenstraße, gleich neben dem Kurfürstendamm. Neben ihm der Professor aus Leipzig, vor sich auf dem Glastisch ein kaltes Büfett. Er übergibt ein Papier, eine Erklärung: „Es gibt nur noch wenige Reste von Privatsphäre und Individualität, die nicht auf dem öffentlichen Markt gehandelt werden. Dazu gehören auch Krankheiten. Ich gehe trotzdem an die Öffentlichkeit, weil die öffentliche Meinung so tut, als wären chronische Krankheiten unheilbar. Am wissenschaftlichen Fortschritt wird gemäkelt und der Kranke ist der Loser. Es wird ein Fatalismus gepflegt, der von mir nicht geteilt wird. Im Januar 2001 wurde bei mir Morbus Parkinson diagnostiziert.“

Parkinson, Schüttellähmung: Zweihunderttausend Kranke soll es in Deutschland geben, weltweit ein paar Millionen. Oft werden Symptome zu spät erkannt, falsch gedeutet. Unter Parkinson leiden der Papst, der Schauspieler Michael J. Fox, auch Muhammad Ali und Arafat. Viele Kranke sterben an mittelbaren Folgen.

Bisher bekamen Parkinsonkranke vor allem Medikamente, die den Mangel an Dopamin ausgleichen sollten. Das wirkt bei vielen und lindert die schlimmsten Symptome – aber nicht für immer. Die Krankheit ist so nicht zu heilen; die Zellen, die den Stoff Dopamin produzieren, sterben weiter. Immer schwieriger wird die Dosierung, manche Patienten halluzinieren, es wird ihnen übel, ihre Bewegungen werden unkontrollierbar.

Seit Jahren suchen Neurologen nach Alternativen. Die Stimulation des Mittelhirns ist eine davon – eine sehr unangenehme. Operiert wird bei vollem Bewusstsein, um den Erfolg kontrollieren zu können. Die Ärzte setzen dem Patienten eine Art Schrittmacher ein, der mit elektronischen Impulsen überaktive Regionen im Hirn ausgleicht. Es muss oft nachjustiert werden. Eine Prozedur.

Viel Hoffnung setzen Patienten und Neurologen seit einiger Zeit auf die Zelltherapie, trotz Risiken und Rückschlägen. Bei einer Parkinsonstudie in Denver spritzten Ärzte mehreren Patienten fetale Zellen ins Gehirn, Gewebe, das abgetriebenen Embryonen entnommen wurde. Ein Jahr nach dem Eingriff litten einige Patienten unter Nachwirkungen. Der Neurologe Paul Green beschrieb das fürs Fachblatt New England Journal of Medicine so: „Sie kauen ständig, und ihre Finger bewegen sich auf und ab. Sie drehen und winden sich, zucken mit dem Kopf und werfen ihre Arme umher. Ein richtiger Albtraum, und wir können ihn nicht einfach abstellen.“

Greene forderte, vorerst nicht mehr an Menschen zu forschen. Doch viele Kollegen ließ das unbeeindruckt. Sie experimentierten weiter: mit embryonalen Stammzellen, aus denen sich alle möglichen Organe züchten lassen – was ethisch umstritten ist wegen der zwangsläufigen Tötung des zwei bis drei Wochen alten Embryos; mit adulten Stammzellen, also bereits spezialisierten, deren Funktion schon bestimmt ist; mit Zellmaterial von gestorbenen Frühgeborenen, mit Zellgewebe aus Nabelschnurblut, mit Nervenzellen der Patienten selbst. Manche Studien verliefen erfolgreich, vielen Patienten ging es bald besser. Doch es gab auch neue Probleme: Böse Entzündungen und Abstoßungsreaktionen – die Menschen nahmen das neue, fremde Gewebe nicht an.

Professor Schwarz ist noch nicht ganz soweit mit den Menschen. Die Tierversuche hat er hinter sich, dreißig Mäusen und Ratten spritzte er Zellen aus seinem Labor ins Gehirn. Aber er meint, auf andere Weise schon weiter zu sein als alle Kollegen. Er will eine Methode entwickelt haben, mit der er aus dem Mittelhirngewebe abgetriebener Feten besondere Stammzellen züchten kann: haltbar, verfügbar, vervielfältigbar, ohne Immunprobleme anwendbar und das bei geringerer Tumorgefahr, im Prinzip ähnlich der Organspende eines Toten. Neurale Stammzellen, um solche handelt es sich, ließen sich bisher schwer vermehren und alterten schnell. Das wäre jetzt anders.

Zellforschung hat was von Alchemie. Es geht bei der Züchtung von Zellen um das beste Rezept, um den richtigen Mix von Zutaten, Luft und Zeit. Es geht um Patente. Und um Ethik, Moral, Gesetz.

Wolfgang Mleczkowski sagt, er möchte der erste deutsche Parlamentarier sein, „der sich einer Operation unterzieht, die den entstandenen Defekt in der substancia nigra (dem grauen Kern) des Gehirns repariert.“ Eine politisierte Privatangelegenheit also, gewissermaßen. Die frühere Bundestagsabgeordnete Margot von Renesse, Parkinsonpatientin auch sie, hatte als Mitglied der parlamentarischen Ethik-Kommission für einen Kompromiss gestimmt: Ja zu weitgehender Forschung, Nein zum „Verbrauch“ von Embryonen. „Die deutsche Bürokratie“, sagt Mleczkowski, „sollte mit neuen wissenschaftlichen Heilungsmethoden nicht ebenso verfahren wie mit der Erteilung von Baugenehmigungen.“ Sein Fraktionsvorsitzender Martin Lindner auf dem Sessel ihm gegenüber hört, liest – und schweigt. Menschlich ein klarer Fall. Hier greift einer nach jeder Chance, seine Krankheit zurückzudrängen, vielleicht sogar zu besiegen. Aber politisch? Doch dann sagt Lindner: „Ich finde es prima, dass Sie hier kämpfen. Sie haben den Rückhalt der Fraktion.“

Ethik, Moral, Gesetz – und auch Mut: Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Wolfgang Mleczkowski den Vorstoß in eigener Sache wagt. „Mleczkowski ist sehr selbstbewusst und sicher in seinem Auftreten, wobei aber auch immer wieder Arroganz und Überheblichkeit als Charaktereigenschaften auftreten. Auf Kritik reagiert er sehr heftig und duldet in der Regel keinen Widerspruch. Er ist nicht ausgeprägt kontaktfreudig und schließt sich vorwiegend kleinen Gruppen an, wo er dann versucht, den Ton anzugeben.“

„Geistig sehr rege“, befand die Stasi

Zu dieser Einschätzung Mleczkowskis kam 1980 Oberstleutnant Kreul von der Hauptabteilung VII des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Und das war nicht einfach so dahingesagt. Mehr als sechshundert Seiten haben Mielkes Leute über ihren früheren Bürger zusammengetragen. Für sie war er, spätestens seit seiner Ausreise in den Westen 1975, ein Feind. Mleczkowski, einst Kreissekretär der Ost-Liberalen, fiel unangenehm auf im Osten. Er schrieb einen kritischen Artikel im „Morgen“ über den Einmarsch der Sowjets in Prag, betonte sein evangelisches Weltbild, galt als renitent, auch an der Humboldt-Uni, stellte 1972 sein erstes Übersiedlungsgesuch, hielt Kontakt in den Westen, als Komparse am Deutschen Theater stiftete er andere zum Widerspruch an. Die Stasi ließ ihn nicht aus den Augen; auch später nicht, als er im Westen für Menschenrechtsgruppen gegen die DDR Kampagnen betrieb.

Die exakte Beobachtung nahm nach dem Ausreiseantrag bizarre Züge an, die mindestens soviel über das neurotische System wie über Mleczkowski verraten. So notierte der Unterleutnant der Volkspolizei Parduhn,Revier 83, am 16. Oktober 1975: „Wenn der M. seine Wohnung aufsucht oder sein Besuch kommt, führen sie immer Taschen voller Ess- bzw. Trinkwaren bei sich. Diese Waren werden in Westreklamebeuteln getragen. Wenn der M. Flaschen zum Müllkasten bringt, handelt es sich nur um Schnapsflaschen von westlichen Firmen.“ Fünf Tage später durfte Mleczkowski raus.

Mleczkowskis Aktenkarriere hat auch weniger komische Seiten; er war nicht nur Feind. Als „KP Block“ berichtete er 1967 regelmäßig über seine Treffen mit zwei Bürgern aus dem Westen, die auf ihre IM-Tauglichkeit geprüft werden sollten. Und am 30. Juli 1968 unterschrieb Mleczkowski seine Verpflichtung als „IM Peter Haack“. Der berichtende Unterleutnant Müller hielt seinen Mann für „sehr intelligent und geistig rege“. Aber viel Freude an ihm hatte die Stasi nicht. Am 22. März 1969 wurde Mleczkowski entpflichtet, aus heutiger Sicht durchaus ehrenhaft. „Er bringt es nicht fertig, Informationen, insbesondere belastende, über Personen zu geben“, heißt es im Abschlussbericht. Unterschrieben habe er nur, weil er sich einen Vorteil versprach. Dafür geleistet habe er nichts.

Oberstleutnant Kreul fasste zusammen: „Mleczkowski versteht es, sich selbst gesteckte Ziele mit Konsequenz zu verwirklichen. Er wird mit seinen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten mit relativer Sicherheit in der BRD Karriere machen.“ So kam es, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Doch Gerüchte, Skepsis und mancher Verdacht begleiten ihn weiter. Der eine hält ihn für einen Ost-Agenten, andere für einen vom BND. Wo immer er hinkommt, gibt es viel Krach: in seinen Menschenrechtsgruppen, in seinen Firmen, in seiner Partei, wo er Nationalliberale um sich schart. Mehrfach stand er vor Gericht; vom Vorwurf, sexuelle Handlungen an Minderjährigen durch einen Parteifreund in seiner Wohnung geduldet zu haben, sprach ihn das Landgericht frei. Und so weiter. Dann kam das Zittern.

Leipzig, im Universitätsbüro von Professor Johannes Schwarz. Das hölzerne Stehpult in der Ecke trägt ein verzittertes Autogramm von Muhammad Ali. Im vergangenen Jahr war Ali hier in der Nähe, in Riesa, wo ein Film über ihn, den größten Boxer aller Zeiten, den Parkinsonpatienten, vorgestellt wurde. Eine Glasplatte schützt den Schriftzug. Schwarz erklärt geduldig seine Methode: Es werden keine Embryonen vernichtet, die Nervenzellen stammen aus dem Mittelhirn abgetriebener Feten. Eine Firma aus den USA schickt einmal im Monat das Gewebe herüber, hier wird es angedickt mit einer Lösung aus Eiweißen, Kalzium und einigem mehr. Und dann, der Trick, wird die Sauerstoffzufuhr gekappt, nur bis zu drei Prozent sind o.k. Im Inkubator wächst die Kultur, die Zellen altern nicht mehr, Nachschub ist überflüssig. Noch muss in Leipzig die Ethik-Kommission über das Verfahren beraten. Es wird Auflagen geben, sagt Schwarz, und Kritik aus der Fachwelt. Er setzt auf die Studie mit Menschen, Mleczkowski könnte unter den Ersten sein. Der reagiere gut auf Medikamente, das erhöhe die Chancen, dass die Spritze wirkt.

Noch einmal zurück in Mleczkowskis Wohnung. Der Zimmerspringbrunnen plätschert, die Palmen stehen auf Säulen, der Glastisch wird gehalten von einer schwarzen, nackten Frauenskulptur. Ein ethisches Problem sieht Mleczkowski nicht, „wenn die Kritiker zugleich für Abtreibung sind“ und wenn nicht Feten nur zu diesem Zweck „produziert“ würden. Es sei Zeit für den Sprung in eine neue Epoche. Der Hoffnungsträger sei heute hier.

Schwarz sitzt in Mleczkowskis Sofa und dämpft die Hoffnung etwas. „Es ist ein riskanter Schritt“, betont er; Mleczkowski kontert: „Das ganze Leben ist ein Risiko.“ Schwarz sagt: „Es ist immer möglich, dass irgendetwas passiert.“ Mleczkowski: „Ich bin ein harter Hund. Ich tanze noch mit meinen Krücken auf den Gräbern der andern. Ich will so alt werden wie meine Mutter, und die ist 91.“ Schwarz: „Es ist nur ein Zwischenschritt.“ Mleczkowski, jetzt lächelnd: „Sie sind jünger, ich habe weniger Zeit.“ Und dabei schaut er auf seine zitternden Arme und Beine.

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