Zeitung Heute : Wann ist er aus dem Gröbsten raus?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Zu den größten Lügen über das Kinderhaben gehört die, dass das Kind irgendwann aus dem Gröbsten raus ist. Wie oft ich das schon gehört habe: Bald ist er aus dem Gröbsten raus. Zum Beispiel als Noah mitten in den Drei-Monats-Koliken steckte (für Kinderlose und jene glücklichen Eltern, die davon verschont blieben: Das ist die Phase in den ersten drei Monaten, in denen das Kind schreit, weil es Bauchweh hat. In einem Buch habe ich gelesen, diese Koliken gebe es eigentlich gar nicht, sie seien im Grunde ein Hirngespinst der Eltern. Diejenigen, die das Hirngespinst erlebt haben, wissen, dass es jedenfalls ziemlich reale Folgen hat: absoluten Schlafverlust. Anderswo wird man so gefoltert). Als Noah also mit den Koliken kämpfte, tröstete die Nachbarin uns (und wohl auch sich selbst): Das ist bald vorbei, dann ist er… jaja, genau.

Als ich abgestillt hatte, als er die ersten Stunden bei seiner Tagesmutter verbrachte, als er sein erstes Wort sprach… immer sagte irgendjemand: Jetzt ist er aus dem Gröbsten raus. Und immer folgte darauf irgendeine neue, mindestens genauso grobe Phase. Als er keine Koliken mehr hatte, kamen die ersten Zähne. Als er auf Breikost umgestiegen war, sahen die Fliesen in der Küche aus wie ein Werk von Jackson Pollock.

Die Leute, die sagen, das Kind sei irgendwann „aus dem Gröbsten raus“, wollen uns glauben machen, dass die Nächte irgendwann wieder zum Schlafen da sind, die Kacheln weiß, wir Eltern die Menschen, die wir mal waren. Neulich dachte ich wieder mal: Jetzt ist es so weit. Der erste Abend mit Babysitter. Hat prima geklappt. Noah ist sofort eingeschlafen, Teddy im Arm, eigentlich alles wie immer. Wir waren bei einer Buchpremiere. Smalltalk, Häppchen, ein Glas Wein. Und die Uhr am Armgelenk; durch die Musik und das Stimmengewirr konnte ich sie ticken hören. Jedes „Tick“ ein Cent. Ich war um zehn zu Hause und gar nicht mal unzufrieden; ich war sowieso ziemlich müde. Nur das Mitleid unserer Freunde am nächsten Tag hat ein wenig gestört. Die Wahrheit ist: Die Vergangenheit ist vorbei. Würde uns nicht ständig jemand sagen, dass sie irgendwann zurückkehrt, fänden wir das wahrscheinlich gar nicht so schlimm.

Oder doch? Leserin Ute S. aus Neumünster schreibt mir: „Warten Sie mal erst einmal ab, was noch so kommt: Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei pubertierenden Kindern. Wenn Ihr Noah 13 ist, werden Sie sich nach den vergangenen 12 Jahren zurücksehnen.“ Frau S. berichtet von leeren Müslischalen in der Schreibtischschublade und von einem heimischen Heavy-Metal-kontra-HipHop-Wettbewerb. Beim Shopping, schreibt Frau S., geht ihr Sohn drei Schritte vor ihr, weil ihm ihre Gesellschaft peinlich ist. Mitkommen soll sie trotzdem; er braucht sie zum Bezahlen.

Wenn ich es mir genau überlege, ist mit dem Gröbsten wohl erst Schluss, wenn Noah ausgezogen ist. Wenn ich noch genauer überlege, denke ich, dass dann etwas viel Schlimmeres anfängt: Dann müssen wir lernen, ohne unser Kind zu leben. Denn inzwischen sind wir süchtig nach ihm, so wie wir mal süchtig nach Partys waren oder nach der Arbeit. (Und wie jede Art von Sucht zeichnet auch diese ihre aschgrauen Spuren in unsere Gesichter.) Als Teenager fragte ich mich: Wozu brauche ich Pickel und schlechte Laune, wenn ich doch nur erwachsen werden will? Könnte es sein, frage ich mich heute, dass die Natur Pubertätspickel und -launen bloß erfunden hat, um den Eltern den Trennungsschmerz zu nehmen?

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