Zeitung Heute : Wann ist es Antisemitismus?

Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert.

Monika Schwarz-Friesel
Umstritten. An der Mauer, die Israelis und Palästinenser trennt, scheiden sich die Geister, auch in Deutschland. Doch allzu oft gleitet die Kritik daran in antisemitische Sprachgebrauchsmuster ab. Foto: p-a/dpa
Umstritten. An der Mauer, die Israelis und Palästinenser trennt, scheiden sich die Geister, auch in Deutschland. Doch allzu oft...Foto: picture alliance / dpa

Die kontrovers geführten Debatten um die anti-israelischen Texte von Günter Grass und Jacob Augstein haben gezeigt, wie schwierig der Umgang mit dem Phänomen des aktuellen Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft ist. Es gehört mittlerweile zu den festen Diskursritualen, dass bei nahezu jeder öffentlich kommunizierten Israelfeindschaft aufs Neue die Frage gestellt wird, wann es sich denn nun bei einer sprachlichen Äußerung tatsächlich um Antisemitismus und nicht um „legitime Kritik“ an israelischer Politik handele. Aus Sicht der interdisziplinären Antisemitismusforschung verwundert dies. Denn es ist keineswegs schwierig anzugeben, ob eine Äußerung antisemitisch ist. Die textorientierte Wissenschaft jedenfalls gibt präzise Klassifikationskriterien, die solche Debatten überflüssig machen sollten.

Man muss sich zunächst vor Augen führen, was genau Antisemitismus ist und wie er sich artikuliert. Antisemitismus basiert maßgeblich auf Stereotypen, das heißt Phantasiekonstrukten, die Juden als Kollektiv auf eine bestimmte Weise charakterisieren und ihnen unabänderliche Eigenschaften zusprechen. Zum Beispiel sollen sie „geld- und machtgierig, rachsüchtig, hinterlistig, blutrünstig und arrogant“ sein. Antisemitismus ist ein mentales Stereotypenmodell, das seit Jahrhunderten tradiert, aber den aktuellen Gegebenheiten angepasst und entsprechend modifiziert wird, ohne dass sich die grundlegende Semantik verändert, der zufolge Juden prinzipiell negativ als „die Anderen“ gesehen werden.

Über die Sprache werden antisemitische Stereotype ständig reproduziert. Auch die Erfahrung des Holocaust und seine intensive Aufarbeitung haben diese Tradition nicht gebrochen. Floskeln vom „jüdischen Wucher“ oder „der jüdischen Hast“, die oft unreflektiert und nicht immer mit diskriminierender Absicht benutzt werden, belegen bis heute den Einfluss judeophober Sprachgebrauchsmuster. Auch nicht-intentional produzierte Antisemitismen erhalten stereotypes Gedankengut im kollektiven Bewusstsein.

Als Verbal-Antisemitismus gelten alle Äußerungen, mittels derer Juden als Juden entwertet und diffamiert werden, mit denen judenfeindliche Stereotype ausgedrückt und Ressentiments transportiert werden. Bei allen sprachlichen Differenzen lassen sich einige grundlegende Eigenschaften von Verbal-Antisemitismus benennen: De-Realisierung (das heißt falsche Darstellung) sowie kollektive Abgrenzung (Juden als die Anderen), Fixierung (Festlegung durch Stereotype) und Entwertung (kollektive Negativbewertung). Die als typisch antisemitisch geltenden Beschimpfungen wie Wucherjuden, die Holocaustleugnungen und die kollektiven Stereotypzuschreibungen wie in „Alle Juden sind rachsüchtig“ sind nur ein sehr kleiner Teil der Verbal-Antisemitismen.

Seit 1945 ist ein expliziter Antisemitismus tabuisiert und wird sanktioniert. Daher haben Antisemiten andere Kommunikationsformen entwickelt. Das Wort Jude(n) muss keineswegs in einer Äußerung vorkommen, um diese als antisemitisch zu klassifizieren. Über Anspielungen, Paraphrasen, rhetorische Fragen oder die Verknüpfung von Argumenten kann man judenfeindliche Inhalte implizit ausdrücken. Diese subtileren Formen werden von vielen Menschen oft gar nicht als Antisemitismus wahrgenommen. Dazu gehört auch die Umwegreferenz: Auf Israel wird Bezug genommen, tatsächlich aber sind alle Juden gemeint, eine Strategie, die mittlerweile auch im öffentlichen Kommunikationsraum anzutreffen ist.

Das belegen beispielsweise unsere Analysen von 14 000 Briefen und E-Mails, die an die israelische Botschaft in Berlin und an den Zentralrat der Juden in Deutschland geschickt wurden. Der darin enthaltene Anti-Israelismus zeigt sich oft als feindselige Einstellung, die sich verbal durch Dämonisierung, Delegitimierung und Negativ-Bewertung des jüdischen Staates zu erkennen gibt. Typisch sind NS-Vergleiche („KZ-Politik“ in Bezug auf Militäraktionen), brachiale Pejorativlexik („Verbrecher-/Apartheidsstaat“) sowie de-realisierende Hyperbeln („die größte Gefahr für den Weltfrieden“). Dies sind allesamt Sprachformen, die kein seriöser Kritiker benutzt. Dieser Anti-Israelismus ist klar antisemitisch, wenn bei der Referenz auf Israel auch tradierte judeophobe Stereotype („Sie folgen dem Gesetz der Rache“, „zweitausend Jahre alte Tradition“ etc.) ihren Ausdruck finden.

Bemerkenswert ist, dass die untersuchten Schriftstücke nur selten von offensichtlichen Extremisten stammen, sondern meist aus der Mitte der Gesellschaft. Zu den Absendern gehören Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte.

Die Briefe, aber auch öffentliche Äußerungen in den Medien zeigen, dass der Antisemitismus im 21. Jahrhundert sein Gesicht gewandelt hat. Er tritt vor allem als Anti-Israelismus in Erscheinung. Auf diesem Weg findet die uralte Konzeptualisierung des kollektiven Juden ihren modernen Ausdruck, hier zeigt sich der Antisemitismus als Chamäleon: Die Oberfläche passt sich den aktuellen Gegebenheiten an, die semantische Ausgrenzung und Entwertung von Juden bleibt. Monika Schwarz-Friesel

Die Autorin ist Professorin für Allgemeine Linguistik an der TU Berlin und leitet dort die Forschergruppe „Aktueller Antisemitismus in Deutschland“. Sie ist Ko-Autorin des im Januar 2013 erschienenen Buches „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ (mit J. Reinharz; de Gruyter: Europäisch-jüdische Studien 7).

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