Zeitung Heute : Wann kommen sie uns holen?

„Aktion Ungeziefer“ nannte es die Stasi: Vor 30 Jahren verschwand das Dorf Stresow. Es lag an der falschen Stelle – an der Grenze

Simone Schmollack

Die Lastwagen kamen so leise, dass selbst die Menschen, die an der Straße wohnten, sie nicht hörten. Es sollte unbemerkt geschehen. Wagentüren wurden geöffnet, Soldaten sprangen auf das Kopfsteinpflaster, die Ladeflächen spuckten weitere Männer aus. Ohne zu klopfen, drangen sie in mehrere Häuser ein und erteilten den im Schlaf überraschten Bewohnern knappe Anweisungen. Aufstehen, sofort, Taschen packen, rauf auf die Wagen. Erlaubt ist nur Handgepäck: ein wenig Wäsche, etwas zu essen. Dalli und ohne zu reden. Die Soldaten führten einen Befehl aus, und wahrscheinlich waren auch sie unruhig: Solange keine der Frauen hysterisch schreit und die Kinder zu müde sind, um zu greinen, solange verläuft alles nach Plan. Der Plan hieß „Aktion Ungeziefer“ und sah vor, das Dorf Stresow, 45 Kilometer nordwestlich von Magdeburg, zu entvölkern.

„Die nahmen keine Rücksicht, auf nichts und niemanden, auch später nicht, als nach und nach der Rest von uns zwangsumgesiedelt wurde.“ Ursula Urban sitzt in ihrem Wohnzimmer und schiebt nervös ihre Finger ineinander. Die Erinnerungen kriechen in ihr hoch. Sie ist 79 Jahre alt und wurde in Stresow geboren. Dort hatten ihre Eltern einen Hof, sie lernte Ackerbau und Viehzucht. In Stresow hat sie ihren Mann kennen gelernt, ihre drei Kinder geboren, dort wollte sie eigentlich sterben. Es kam anders.

In der Nacht zum 30.Mai 1952 erlebte Stresow den Anfang vom Ende. Innerhalb einer Stunde wurde knapp die Hälfte der nicht mal 100 Einwohner aus dem Dorf getrieben. Die anderen Frauen, Männer und Kinder wurden in den folgenden Jahren umgesiedelt, meist in die umliegenden Dörfer der Altmark. Vier Familien flüchteten in den Westen.

In der Mainacht 1952 war Ursula Urban nicht zu Hause. Sie war mit einer der beiden Töchter ins Krankenhaus nach Stendal gefahren. Als sie am Nachmittag zurückkam, liefen ihr aufgeregte Dorfbewohner entgegen: „Sind alle weg.“ Zunächst begriff Ursula Urban nicht, was sie meinten, doch dann lief ihr ein Schauer über den Rücken. „Da war klar: Die nächsten Jahre werden bitter.“ Es wurden gut 20 Jahre.

Die „Aktion Ungeziefer“ war von langer Hand vorbereitet. Die Stresower waren nicht allein betroffen. Politisch unliebsame Personen, Staatenlose, Ausländer und Kriminelle aus Grenzorten, insgesamt 178 Frauen und Männer, wurden in einen Zug gekarrt und ins thüringische Kölleda gebracht. Sie mussten alles zurücklassen: Grundstücke, Häuser, Vieh. In den nächsten Tagen versorgte Ursula Urban die Kühe und Schweine der Familien, die in der Nacht weggebracht worden waren. Bis erneut Unbekannte kamen, die Tiere wegprügelten und Häuser und Ställe abrissen.

Der Plan für die „Aktion Ungeziefer“ stammte vom Staatssicherheitsministerium der DDR. Die Gemeinde sollte liquidiert werden, weil sie an der falschen Stelle lag: am Scheidepunkt zwischen Ost und West, wenige hundert Meter von der Elbe entfernt, die nördlich von Stresow, zwischen Altmark im Osten und Wendland im Westen, die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten markierte.

„Wir lebten immer in Angst“, sagt Ursula Urban. Wann kommen die uns holen? Wenn sie Schüsse hörte, sagt sie, wusste sie nicht, war das nun eine Übung oder wurde jemand an der Grenze getötet? Niemand durfte sie besuchen. Bis zur Abenddämmerung mussten sie und ihre Kinder auf dem Hof sein. Kamen sie später, war die Straße abgesperrt. Als die ältere Tochter heiratete und Stresow verließ, brauchte sie fortan einen Passierschein, um ihre Mutter zu besuchen. „Die Posten kannten uns paar übrig Gebliebene, auch unsere nächsten Verwandten. Aber sie ließen niemanden durch.“

Manchmal veranstaltete Schnackenburg, die Nachbargemeinde im Westen, ein Schützenfest. Die Musikkapelle marschierte immer extra an die Grenze, damit die im Osten etwas von der Musik hatten. „Wir nahmen unsere Stühle“, erzählt Ursula Urban, „stellten sie in den Hof und hörten zu.“

„Ich wusste, es wäre besser gewesen, freiwillig wegzugehen, ein sicheres und schönes Leben zu führen“, sagt sie dann. „Aber es war doch meine Heimat.“ Die Jahrzehnte an der Grenze haben sie geprägt. Noch heute kann sie nachts oft nicht schlafen, weil die Erinnerungen so wach sind wie sie. Oder sie schreckt von einem Knall hoch. An ihrem Schlafzimmer donnern Züge entlang. Sie lebt jetzt in Seehausen, direkt am Bahnhof, 30 Kilometer von Stresow entfernt.

Ursula Urban hielt lange aus. Und wurde geduldet. Bis zum Winter 1973, da kam der Befehl, in die Gemeinde Aulosen umzusiedeln. Vor diesem Moment hatte sie sich all die Jahre gefürchtet, aber sie wusste, irgendwann würde er kommen. Sie schluckt, als sie davon erzählt. „Es gab keinen Umzugswagen, wir mussten alles allein machen.“ Mit einem Trecker rollten Ursula Urban und ihr Bruder, der ihr zur Hand ging, über einen Feldweg von Stresow nach Aulosen. Als sie ins Dorf zurückkamen, um für die nächste Fuhre aufzuladen, hatten fremde Männer die Scheune und das Wohnhaus aufgebrochen und trugen gerade eine Elektroheizung davon. Drei Tage später, als Ursula Urban Holz und Kohlen aus dem Schuppen bergen wollte, wurde sie nicht mehr vorgelassen. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, warum: An der Stelle, wo ihr Haus gestanden hatte, klaffte ein tiefes Loch.

„Mit einer allein stehenden Frau können sie es ja machen, dachten die sich bestimmt. Ich konnte mich nicht wehren“, sagt Ursula Urban. Ihr Mann starb 1966 an einem Gehirntumor. Da war er 38 Jahre alt. Damals arbeitete Ursula Urban in der LPG und verdiente 150 Mark. Nach dem Tod ihres Mannes erhielt sie 100 Mark Halbwaisenrente für ihre Kinder. 1968 ging auch noch ihr Sohn Klaus weg. Er hielt es in Stresow nicht mehr aus. Unmittelbar hinter seinem Elternhaus kämpfte er sich durch die Grenzabsperrungen.

Der letzte Tag des Dorfs Stresow war der 30. Juni 1974. Ursula Urban erinnert sich noch genau. Sie war gerade dabei, mit einem feuchten Lappen über die verklebten Tische der Gaststätte „Zur Eiche“ in Aulosen zu wischen, die sie seit ihrer Umsiedlung führte, da schrillte das Telefon. Eine Stimme sagte: „Jetzt ist es vorbei, jetzt gibt es Stresow nicht mehr.“ Ursula Urban schwieg, sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte.

Auch Hans Borchardt hat mit angesehen, wie Stresow abgerissen wurde. Allerdings vom Westen aus. Er war Bürgermeister der Gemeinde Gartow. „Wir wussten“, sagt er heute, „was dort passierte. Aber mit welcher Brachialität und Brutalität, das haben wir erst nach der Wende erfahren.“

Die Geschichte des verschwundenen Dorfes hat Borchardt, den Hobbyhistoriker, so sehr gefesselt, dass er an der Stelle, an der einst das Dorf Stresow stand, einen Gedenkstein errichten ließ. Das war 1997, und zur Einweihungsfeier war auch Ursula Urban eingeladen. Sie ist eine der wenigen noch lebende Zeitzeugen. „Zu diesem Zeitpunkt war ich über 20 Jahre nicht mehr dort“, sagt sie. „Irgendwann holt einen die Geschichte wieder ein.“ Seitdem fährt sie einmal im Jahr hin.

Um die Deiche entlang der Elbe hochwasserfest zu machen, waren mehrere Tausend Kubikmeter Sand nötig. Deshalb wurde neben dem Gedenkstein ein großes Loch gebaggert. Im Sommer baden darin Kinder. Sie kommen aus Ost und West. Den Stein nehmen sie nicht wahr. Von Stresow haben sie noch nie etwas gehört.

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