Zeitung Heute : Wann kommt die Schulrevolution?

Der Tagesspiegel

Von Anja Kühne

Die Eltern wollen, dass die Mängel im deutschen Schulwesen beseitigt werden, und zwar sofort. Das sagte Renate Hendricks vom Bundeselternrat im Bildungsausschuss des Bundestages. Dort trafen am Mittwoch Kenner der Bildungsszene zusammen, um den Politikern Rat nach dem schwachen Abschneiden deutscher Schulen in der internationalen Pisa-Studie zu geben. Sie konnten den Eltern jedoch keine Hoffnungen darauf machen, dass ihre Kinder noch in den Genuss eines besseren Unterrichts kommen werden. Mindestens zehn bis fünfzehn Jahre dauert es, bis Schulreformen greifen, so die Erfahrung aus anderen Ländern.

Vielleicht passiert aber selbst bis dahin „wesentlich nichts“, wie Jürgen Oelkers vom Pädagogischen Institut der Universität Zürich befürchtet. Die Verantwortlichen seien mit der Lage noch so zufrieden, dass sie keinen echten Drang zur Veränderung verspürten: „Das deutsche System ist nicht auf Entwicklung angelegt, sondern auf Verwaltung.“ Oelkers fordert deshalb, dass die Entscheidungsträger in Zukunft auf den Rat eines internationalen Expertengremiums hören müssen. Nach Oelkers muss ein „Kerngeschäft“ für alle Schultypen formuliert und die Umsetzung kontrolliert werden: Die „starke Bürokratie sorgt für eine international beispiellose Regelungsdichte, die wenig effektiv ist“.

Ist die deutsche Schule wirklich so schlecht, wie sie in der Pisa-Studie dasteht? Zweifel wies Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, zurück: „Es ist die beste Stichprobe bislang.“ Für deutsche Schüler ungewohnte Aufgaben seien durch speziell auf deutsche Verhältnisse zugeschnittene Zusatztests kompensiert worden, „mit exakt den gleichen Ergebnissen“. Auch frage Pisa keineswegs nur Wissen ab, das in Paukschulen gelehrt werde. Die Studie habe sehr wohl auf „Problemlösekompetenzen“ gezielt. Andere Studien bestätigten ferner: „Es ist nicht gleichgültig, was in der Schule gelernt wird.“ Die alles entscheidene Fähigkeit sei aber das Lesen. Baumert trat Befürchtungen entgegen, das Lernen akademischer Fächer könne den Raum für Kreativität, für Sport oder Musik, im Schulalltag einschränken: „Schulen die fachlich gut sind, entwickeln auch immer ein blühendes soziales und kreatives Leben.“

Freiheit für die Schulen

Die Experten im Bildungsausschuss waren sich einig, dass die einzelnen Schulen mehr Freiheit brauchen. „Die Lehrer wissen besser als Beamte, wie man erzieht“, sagte Riitta Piri vom Zentralamt für Unterrichtswesen in Finnland, das bei der Studie Spitzenplätze belegt hatte.

Mehrere Pädagogen und Forscher im Bildungsausschuss kritisierten, dass die Schulen die Eltern nicht als Partner in der Erziehung der Schüler begreifen, sondern oft sogar als Störfaktor: „Die Lehrer haben Angst vor den Eltern“, sagte Renate Hendricks vom Bundeselternrat. In anderen Ländern ist das Verhältnis besser.

Hans R. Leu vom Deutschen Jugendinstitut in München berichtete, dass in Neuseeland die Erzieher mit den Eltern Bildungsbiographien der Kinder schreiben. Dazu bringen die Eltern auch Fotos von zu Hause mit. Sie besprechen die Entwicklung des Kindes mit den Lehrern und verabreden Lernziele und Fördermaßnahmen. Auch das könnte eine Möglichkeit sein, den Kindern die vielen Misserfolgserlebnisse zu ersparen, unter denen ihre Lernbereitschaft in Deutschland leidet. Dass so viele deutsche Lehrer vom Burn–out-Syndrom betroffen sind, führte Eva-Maria Stange von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft darauf zurück, dass viele überwiegend frontal unterrichten. Das sei anstrengend und belastend. In Schweden würde dagegen „offen“ in kleinen Gruppen unterrichtet, die Lehrer könnten sich hier individuell den Problemen einzelner widmen und schnell ihre eigenen Erfolge sehen. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/Main berichtete aus Japan. Dort profitierten die Pädagogen davon, dass sie gemeinsam mit ihren Kollegen Modellstunden entwickeln und im Anschluss umsetzen.

Wenn die Lehrer in Zukunft zur Weiterbildung gezwungen werden sollen, wird dies nur etwas bringen, wenn sie auch Gelegenheit haben, dass Gelernte in ihrer Schule auszuprobieren. Die Weiterbildung müsse deswegen in der Schule stattfinden und ganze Fachgruppen ins Auge fassen, schlug Wolfgang Tietze von der Freien Universität Berlin vor. Die Schule könnte auch zunehmend auf Lehrer auf Zeit zurückgreifen, die ihre Kompetenzen nur für bestimmte Projekte einbringen, darunter Berufspraktiker.

Die Bildungsforscher forderten, der Kindergarten müsse sich von einer Betreuungs- zu einer Bildungseinrichtung entwickeln, das Niveau der Erzieherausbildung solle auf Fachhochschulniveau gehoben werden wie in anderen Ländern. Nach Ansicht von Manfred Spitzer, dem Ärztlichen Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, kann es dann aber trotzdem nicht darum gehen, schon Dreijährigen das Lesen und Schreiben beizubringen: „Die Frustration wäre viel zu groß.“ Entsprechend sei Englisch ab der ersten Klasse „nicht für alle ein Segen“. Auch was aus Computer oder Fernseher komme, nähmen Kinder lange nur als „Klangsoße“ wahr, weil ihre Gehirne noch gar nicht für solche Anforderungen gerüstet seien.

Streetworker sind gefragt

Der deutsche Durchschnitt in der Pisa-Studie hebt sich nur leicht, rechnet man die ausländischen Kinder aus der Statistik heraus. Trotzdem kommen gerade viele „Risikojugendliche“ aus Migrantenfamilien. Gotthilf Hiller von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg glaubt nicht, dass die Schule alleine deren Probleme lösen kann. Streetworker müssten die Lehrer unterstützen. „Gebildete und erfolgreiche Erwachsene“ sollten einzelnen Jugendlichen ehrenamtlich als Mentoren, als Vertrauenspersonen zur Verfügung stehen, mit ihnen Pläne entwickeln, ihnen „Ermutigung und Beistand bieten“ und helfen, Enttäuschungen zu verwinden.

Lassen sich die Reformen nun leichter in der Gesamtschule umsetzen? In der Pisa-Studie schnitt die deutsche Gesamtschule ebenfalls unterdurchschnittlich ab, wie Andreas Schleicher vom Pisa-Sekretariat der OECD sagte. Und grundsätzlich ist es auch gegliederten Schulsystemen möglich, Erfolg zu haben, wie das Beispiel der Schweiz zeigt. Generell gebe es aber drei Merkmale von erfolgreichen Ländern wie Finnland, Japan, Kanada oder Korea: Die einzelnen Bildungswege sind gut verzahnt, und der Wechsel ist leicht möglich. Vor allem aber versucht man im Ausland nicht, die Schüler gleichzumachen wie in Deutschland, wo möglichst alle im gleichen Alter zur gleichen Zeit das Gleiche lernen. Denn das führt nur bei einer kleinen Gruppe in der Mitte zum Erfolg, so Sybille Volkholz von der Heinrich-Böll-Stiftung. Menschen seien nun einmal unterschiedlich. „Die Schule muss sich an der Differenz von Kindern orientieren.“

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