Zeitung Heute : Wann weicht die Angst?

Man merkt es daran, dass die Mäuse in Scharen die Deiche verlassen. Das Wasser steigt. Und neben dem Haus in der Prignitz fließt der Bach. Plötzlich ist man mittendrin und spürt, es ist die Hilflosigkeit, die schreckt. Das Tagebuch von einem, der auf die Flut wartet.

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Von Helmut Schümann

Montag, 19. August.

In der Früh, noch schnell vor der Heimfahrt nach Berlin, waren wir zur Stepenitz rübergelaufen. Ruhig floss das Flüsschen dahin, die Sonne war schon kräftig, wäre Zeit gewesen, hätte man baden können. Ein paar Zentimeter ragte die Stepenitz über ihr Bett hinaus, nur ein paar Zentimeter, am Ufer grasten Kühe, etwas weiter entfernt harkte eine alte Frau ihren Garten. Unser Junge sagte: „Um bis zum Haus zu kommen, müsste das Wasser vier, fünf Meter steigen und der Fluss 300, 400 Meter breit werden.“ Na ja, hatte man gedacht, vier, fünf Meter sind nicht viel, ein paar Tage zuvor hatte in Sachsen die Mulde diesen Pegelstand rasend schnell erreicht.

Am Abend zuvor hatten wir im Fernsehen „Sabine Christiansen“ gesehen und all die schrecklichen Bilder aus Grimma und die verzweifelten Menschen, denen das Wasser alles genommen hatte: die Existenz, die Hoffnung, die Lebensfreude. Jörg Kachelmann war in der Sendung, der Wettermann, zwei Klimaforscher diskutierten mit, Joschka Fischer und Angela Merkel. Und nach Merkels Beitrag hatte man noch gedacht, mein Gott, die Leute sitzen mit dem Arsch im Wasser, mindestens das, und sie behauptet da noch, die Umweltpolitik habe ihre Hausaufgaben gemacht. Was man so denkt, wenn man zuguckt, eine Meinung hat, aber nicht selbst betroffen ist. Und dann war plötzlich der Gedanke gekommen, dass bei uns die Stepenitz fließt, nur ein paar hundert Meter entfernt, und dass die Stepenitz das nahe Perleberg durchfließt, und nur ein paar Kilometer entfernt bei Wittenberge in die Elbe mündet – wenn sie reinfließen kann. Direkt durchs Grundstück geht auch noch der Schladbach, der die Stepenitz speist – wenn er reinfließen kann. Und dann war sie da, die Angst, nicht nur Zuschauer zu sein, sondern Teil zu sein der Katastrophe. Hatte Jutta, die Nachbarin aus Perleberg, nicht vor ein paar Tagen erzählt, dass der Ort in den vergangenen acht Jahren zweimal überflutet worden war? Damals, hatte sie gesagt, hätten die rückstauende Stepenitz und der rückstauende Schladbach auch den Keller unseres Haus unter Wasser gesetzt.

Unser Haus. Ein Bauernhaus. Wir haben es erst seit Juni, das heißt, eigentlich hat es noch die Bank, noch viele, viele Jahre. Es ist 160 Jahre alt, Lehmfachwerk, und es ist ziemlich heruntergekommen, weil in den vergangenen 20 Jahren niemand mehr darin gelebt hat. Viel Arbeit macht das Haus. Es ist ein Traum. Das Haus steht zurzeit als Skelett da, weil wir alle Steine aus dem Fachwerk rausgeschlagen haben, vorsichtig, damit man sie wieder einsetzen kann, jeden einzelnen der etwa 3000 alten Ziegelsteine hatten wir in der Hand. Ein Zimmermann hat das verzogene Fachwerk wieder gerichtet. In einem Nebengebäude haben wir jetzt zwei Zimmer so weit hergerichtet, dass man darin improvisiert wohnen kann. Und als wir das Wasser angeschlossen hatten und es aus dem Hahn floss, haben wir gefeiert. Wasser, haben wir damals gedacht, haben wir Wasser, haben wir den Grundstock.

Das Haus ist Luxus, ein Ferien- und Wochenenddomizil, und wenn die Flut es unter Wasser setzt, dann schwemmt sie unseren Einsatz weg, reißt auch viel Geld mit, aber nicht unsere Existenz und nicht unsere Arbeitsstellen. Im Vergleich zu dem Leid, das die Flut schon so vielen Menschen gebracht hat, waren wir am Morgen wohl einfach lächerlich hysterisch. Am Abend rief meine Frau an. Sie war draußen in der Prignitz geblieben. Der Maurer, der helfen wollte, die Steine wieder einzusetzen, hatte nicht kommen können. Er wohnt in Rühstädt, südlich von Wittenberge. Rühstädt, so hatte er erzählt, soll evakuiert und dann für Wittenberge geopfert werden. Im Dorf, in dem unser Haus steht, hatten am Nachmittag die Sirenen geschrillt, die Freiwilligen Feuerwehren wurden zusammengerufen. Die Behörden lösten Katastrophenalarm aus für Wittenberge und Umgebung. Am Abend war es schon schwieriger geworden, die Ängste zu relativieren. Wir haben jetzt Angst vor dem Wasser. Auch wenn man sagen kann, dass uns das vielleicht gar nicht zusteht.

Dienstag, 20. August.

Flut. Das war bislang so weit weg gewesen, das fand in China statt, manchmal in Italien, wenn der Berg nachgab. Aber das Hochwasser hat Wittenberge erreicht, Weisen ist überflutet, die Stepenitz ist angeschwollen. Von Wittenberge aus gesehen kommt danach Perleberg, danach das Dorf, in dem unser Haus steht. Jetzt muss sich die Stepenitz nur noch vier, fünf Kilometer zurückstauen und steigt dann auch bei uns ansteigen, vier, fünf Meter. Etwa drei Meter haben gereicht, um Weisen zu überspülen. In unserem Dorf wissen die Menschen nicht, was kommt. Manche, erzählt meine Frau am Telefon aus der Prignitz, lachen hier und sagen, uns passiert nichts, hier doch nicht. Andere decken sich mit Sandsäcken ein, beim Baumarkt in Perleberg ist der Preis innerhalb von 24 Stunden von einem Euro für einen leeren Sack auf 1,30 Euro gestiegen. Man zahlt, was soll man auch machen. Es hilft zwar nichts, wenn die Flut kommt, aber nichts machen, hilft auch nicht. Wahrscheinlich ist es die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, die schreckt, selbst wenn der Schrecken noch ein paar Kilometer entfernt ist. Perleberg hat jetzt ein Pumpwerk, mit dem die Stepenitz immer auf Maß gehalten wird. Und was macht dieses Pumpwerk? Pumpt es das Wasser in ein Überlaufbecken? Wie groß muss das sein bei diesen Wassermassen, die sich durch Deutschland wälzen? Und wenn es so einfach wäre, abpumpen, das Wasser wegschließen – aber wohin, wenn doch alles überflutet ist? Man weiß so wenig über die Flut.

Man selber war weit weg an diesem Tag. Um elf Uhr wollte Kachelmann, der Mann fürs Wetter, am Flughafen Hamburg abgeholt werden zum Interview. Kachelmann hat eine private Meteorologen-Station und will dem staatlich subventionierten Wetterdienst Konkurrenz machen. Er sagt, dieser Wetterdienst habe vor den schweren Unwettern, die zur Flut führten, viel zu spät gewarnt. Man habe wohl keine Panik auslösen wollen. Bis zum Dienstag waren zwölf Menschen in den Wassermassen gestorben, 15 weitere wurden noch vermisst. Als wir ihm die Sache mit dem Pumpwerk erzählten, lächelte Kachelmann nachsichtig. „Das ist aber jetzt eine andere Situation, das waren Regenfälle von in Deutschland bislang unbekanntem Ausmaß“, sagte er. Daran hat man denken müssen, als Kachelmann wegen eines anderen Termins eine Interviewpause einlegte und die Zeitungsleute in Hamburg an der Elbe saßen. Und daran, wie absurd die Situation in diesem Café an der Elbe ist, das Strandperle heißt. Die Elbe in Hamburg ahnte noch nicht, was für Massen sich im Oberlauf durch ihr Bett wälzten. Vor der Strandperle badeten ein paar Menschen im Strom. Da war die Flut wieder so weit weg, wie sie immer war. Kachelmann ist ja nicht unumstritten, der muss ja nicht immer Recht haben, der kennt die Möglichkeiten des Perleberger Pumpwerkes ja gar nicht.

Beim Anruf aus unserem Haus sprach meine Frau von widersprüchlichen Meldungen über die Gefahr. Der Maurer hatte sich noch einmal gemeldet, es werde jetzt brenzlig in Rühstädt, rund um die Uhr halte man Deichwache, zehn Zentimeter fehlten nur noch zur Deichkrone, zudem drohe der Deich von unten unterspült zu werden. Und der Scheitelpunkt der Flut habe Rühstädt noch nicht erreicht. Meine Frau selber war dem Radioaufruf gefolgt, war zum Segelflughafen Perleberg gefahren und hatte dort mitgeholfen, Sandsäcke zu füllen. Gerüchte kursierten über den Platz, einige Dörfer in der Umgebung von Wittenberge sollten geflutet werden zur Rettung der Stadt. Welche Dörfer? Rühstädt, Hinzdorf, Zwischendeich? Unser Dorf sicher nicht, das liegt nicht an der Elbe, aber es liegt im Rückstaugebiet. Darf man angesichts des Maurers, dem die Gaststätte wegzuschwimmen droht, angesichts der Bauern, denen die Felder schon verschlammt sind und die Viecher weggetrieben, angesichts der Menschen, die schon wieder am Anfang stehen, denken, wie viel Energie es kostet, wie viel Geld, das durchnässte Ferienhaus noch einmal herzurichten? Man denkt es trotz allem. Da war die Flut plötzlich wieder ganz nah.

Mittwoch, 21. August.

Für heute wird am Deich von Wittenberge der Scheitelpunkt der Flutwelle erwartet. Die Vorausberechnungen beruhigen, weil die Deichkrone über dem zu erwartenden Pegelstand liegt. Das sieht nach Entwarnung aus. Aber gleichzeitig drängen die Männer vom Technischen Hilfswerk am Segelflugplatz von Perleberg, dass statt der 25000 zu füllenden Sandsäcke an diesem Tag die drei- bis vierfache Menge rausmuss. Die Deiche weichen auf. Man kann das auch daran sehen und daran hören, heißt es, dass Ratten und Mäuse in Scharen und mit lautem Quieken die Deiche verlassen. Täuscht es, oder steigen immer mehr Bundeswehrhubschrauber in immer kürzeren Abständen mit Sandsackbündeln auf? Ein Wall droht zu brechen, dann würde Wittenberge von der Landseite aus überspült. Von dort, wo unser Haus liegt. Also weiter Sandsäcke füllen, was kann man sonst tun gegen Wasser, das strömt? Grit aus der Menschenkette, ansonsten Lehrerin für Biologie und Chemie, sagt, dass sie schon in Weisen mitgearbeitet hat, auch wenn es nichts geholfen hat, man muss weitermachen. Es wird hektischer an diesem Tag auf dem Abfüllplatz in Perleberg. Am Morgen waren Scientologen vorbeigekommen, im gelben T-Shirt mit Bekenneraufschrift, und boten Rückenmassagen an, am Nachmittag drehten sie die Shirts lieber um, damit sie niemanden provozieren. Streit kann man jetzt nicht brauchen, nicht einmal mit Scientologen. Entspannung war erst gegen Abend zu spüren, als die Nachricht kam, dass die Öffnung der Wehre bei Quitzöbel und die Flutung der Havel-Auen den Pegelstand der Elbe gesenkt haben, Wittenberge scheint gerettet zu sein, mit allen guten Folgen für die Stepenitz. Und für unser Haus. Wir hatten kurz an St. Florian gedacht: Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd’ andere an – aber den Gedanken lieber schnell verworfen. Im Radio kam die Nachricht, dass die Flut zwar weiter in den Norden zöge, die Prignitz aber weiterhin stark gefährdetes Gebiet sei. Da war unsere Anspannung wieder da.

Donnerstag, 22. August.

Deutschland freut sich, weil Deutschland sich hilft. Heute schien die Flut für uns Wochenendhäusler ein schadlos überstandenes Abenteuer zu sein. Ein Abenteuer, in dem man Menschen erlebt hat, wie jenes alte Ehepaar, das sich entschuldigte, weil es keine Säcke mehr schleppen könne, aber dafür palettenweise Joghurt anschleppte und Melonen. Die 100 Berliner Gymnasiasten, die zum Schippen in die Prignitz gekommen waren. Und wir hatten Anrufe bekommen von Freunden, denen irgendwann auffiel, dass unser Haus mitten in der Prignitz liegt, „wenn ihr Hilfe braucht“, hatten sie gesagt, „wir kommen“. Das stabilisiert zwar keine Deiche, aber weicht Ängste auf. Gegen Abend waren wir nochmal schnell zur Stepenitz rübergelaufen, ruhig floss das Flüsschen dahin, die Sonne war noch kräftig, vielleicht hätte man baden können, wenn einem das Wasser nicht doch noch etwas unheimlich gewesen wäre. Am Ufer grasten Kühe, etwas weiter entfernt werkelte die alte Frau wieder in ihrem Garten. Nur, dass unsere übliche Badestelle, der Platz, wo wir vor der Flut den besten Zugang ins Wasser hatten, nicht zu finden war, weil er unter Wasser lag.

Freitag, 23. August.

Am Nachmittag war plötzlich Alarm in Perleberg. THW und Bundeswehr brausten weg vom Sammelplatz mit schwerem Gerät und Booten. Die Polizei riegelte die B 189 wieder ab, die Stepenitz gibt noch keine Ruhe. Sie schwillt weiter an, ein erneuter Rückstau droht.

Sonnabend, 24. August.

Der Pegel der Elbe bei Wittenberge sinkt weiter. Aber auch die Evakuierung von 38 Orten um Wittenberge herum geht weiter. 14 Tage noch, heißt es, müssen die Dämme dem Wasserdruck standhalten. So lange kann die Stepenitz nicht reinfließen in die Elbe. Und der Schladbach nicht in die Stepenitz. Hoffentlich arbeiten die Pumpen. Es ist noch nicht vorbei. Auch wenn es nur ums Ferienhaus geht und uns das Bangen vielleicht gar nicht zusteht. Kachelmann hatte gesagt, dass wir verstehen müssten: Fluten sind ganz nah, auch in Deutschland, Fluten und andere Katastrophen. Nach der Flut ist also vor der Flut. Wir werden lernen müssen, mit der Bedrohung zu leben.

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