Zeitung Heute : War es Mord?

1323 vor Christus stirbt Tutanchamun. 3200 Jahre später wird sein Grab entdeckt – eine archäologische Sensation. Doch schon bald fragen sich die Experten, woran der Pharao so jung gestorben ist.

Andreas Austilat

Wie alt konnte ein Ägypter vor 3300 Jahren werden? Stammte er aus dem einfachen Volk, lag seine Lebenserwartung bei etwa 20 bis 25 Jahren. Gehörte er der Oberschicht an, durfte er mit zehn Jahren mehr rechnen – rein statistisch wohlgemerkt. Hatte ein damaliger Ägypter erst einmal das Kleinkindalter mit all seinen Risiken heil überstanden, konnte er natürlich auch sehr viel älter werden. Ramses der Große wurde 76. Aber der Mann, um den es hier geht, wurde wahrscheinlich nicht einmal 18. Und das, obwohl er keineswegs aus dem einfachen Volk stammte. Im Gegenteil: Als man Tutanchamun entdeckte, da steckte er in einem Sarg aus Gold, 110,4 Kilo schwer. Allein der Materialwert liegt heute bei 1,3 Millionen Euro.

Der ägyptischen Altertumsverwaltung bedeutet der Schatz sehr viel mehr. Das 1922 von Howard Carter in einem Wüstental entdeckte Grab des Tutanchamun blieb eines der wenigen Pharaonengräber, das die Zeiten einigermaßen unversehrt überdauert hat. Nun ist das Gold des Königs auf Reisen – zum Wohle Ägyptens. Fünf Millionen Franken überwies das Baseler Antikenmuseum nach Kairo für die Tutanchamun-Ausstellung in diesem Sommer. Derzeit sind die Schätze des Pharaos in der Bundeskunsthalle in Bonn, danach werden sie wohl nach Amerika weiterreisen. Denn das Interesse des Publikums ist ungebrochen. In Basel kamen in sechs Monaten 620 000 Zuschauer.

Dieser Ansturm hatte fast schon MoMA-Dimensionen. Vielleicht, weil die Geschichte vom Schatz aus dem Wüstensand immer noch die Fantasie beflügelt. Vielleicht ist es aber auch das Gefühl, dass da ein Rätsel jenen Mann umgibt, der Jahrtausende im Dunkel ruhte: das Rätsel seines Todes.

Könnte er einer Intrige zum Opfer gefallen sein? Wenn ja, dann ist sein Drama älter als die Ilias, spielte es doch 1323 vor Christus, gut 100 Jahre bevor die Schlacht um Troja begonnen haben soll, wenn es sie denn gab. Aber so merkwürdig es klingt, die Geschichte um Treue und Verrat rückt den toten König nach Jahrtausenden auch ein Stück ins Leben zurück.

Der Verdacht, dass mit dem Tod Tutanchamuns etwas nicht stimmen könnte, beschäftigt Archäologen schon lange. Das Grab ist in seinen Ausmaßen eher bescheiden, wenngleich, keine Frage, üppig in der Ausstattung. Nicht nur Gold und kunstvolles Geschmeide umgaben den toten König. In der Grabkammer wurden reichlich Salbenkrüge deponiert, in alter Zeit von außerordentlichem Wert. Und mehr als 30 Weinkrüge bekam der junge König mit auf den Weg, darunter rare Tropfen, wie die Siegel verraten, auf denen altägyptische Winzer Herkunftsort und Jahr vermerkten. Der älteste Krug dürfte bereits 37 Jahre im königlichen Weinkeller gestanden haben.

Vielleicht musste das Zeug nach so vielen Jahren auch einfach nur weg. Dem Grab haftet etwas Improvisiertes an. Offenbar war es ursprünglich für jemand anderen gedacht, so wie auch ein Teil der Objekte für einen anderen angefertigt wurden. Dietrich Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, hält das Grab „fast für eine Art Notbestattung“, Grundriss und Größe seien nicht für eine königliche Persönlichkeit bestimmt, es fehlen die üblichen Reliefs, stattdessen wurde die Wanddekoration nur gemalt. Die vergoldeten Schreine schließlich, die den Sarg umgaben, wurde von den antiken Handwerkern als Bausatz angeliefert, inklusive Bauanleitung. Aber, dies belegen die alten Markierungen, die Teile wurden am Bestimmungsort falsch zusammengesetzt. Gepfuscht wurde offenbar auch bei der Einbalsamierung. Es sieht also so aus, als ob der Tod des Königs die Hinterbliebenen unvorbereitet traf und er in ziemlicher Eile beigesetzt wurde.

Die Frage liegt auf der Hand: Versuchte jemand, etwas zu vertuschen?

DER VERDACHT. Der König wurde schon als Kind auf den Thron gesetzt. So ganz genau weiß man es nicht, aber vieles spricht dafür, dass er der Sohn Echnatons und einer Konkubine war. Dieser Echnaton schuf sich einen Ruf, der über die Jahrtausende zweifelhaft blieb. Er brach mit den Göttern, denen sein Volk bis dato vertraute – weshalb ihn manche bis heute als ersten Revolutionär der Geschichte bewundern. Ein Gott sollte genügen, dieser eine Gott, Aton, die Sonne, wurde fortan nur noch abstrakt dargestellt, nicht wie die Konkurrenten in Fabelgestalt. Und Echnaton verließ die Hauptstadt mit ihren Eliten und ließ in der Wüste eine neue bauen: Achetaton, heute Tell el Amarna, ein vergessener Wüstenflecken. Weshalb es Ägyptologen gibt, die Echnaton nicht für einen Visionär halten, sondern für eine Art ersten Hippie, der seine Geschäfte vernachlässigte und stattdessen eine Landkommune gründete.

Niemand bricht ohne Grund mit allem, woran die Zeitgenossen glauben. Eine Epidemie könnte das Vertrauen in die alten Götter erschüttert und den Pharao in sein abgeschirmtes Wüstendomizil getrieben haben. In jedem Falle aber muss es Gewinner und Verlierer gegeben haben, Parteigänger der neuen Ordnung und jene, die sich an alte Zustände klammerten.

Nach einer kurzen, unübersichtlichen Übergangszeit folgte Tutanchaton auf den Thron und änderte seinen Namen. Aton wurde gestrichen. Zu Ehren des alten Gottes Amun wollte er fortan Tutanchamun heißen. Und er heiratete seine Halbschwester Anchesenamun, Tochter Echnatons und dessen Hauptfrau, der für ihre Schönheit gerühmten Nofretete.

All dies tut ein Achtjähriger nicht aus eigenem Antrieb. Er hatte zwei wichtige Berater: Eje, seinen Wesir, der schon dem Vater diente und General Haremhab. Tutanchamun sah, wie die alten Götter wiederkehrten, wuchs heran und lernte dazu. Doch bevor er die Geschäfte übernehmen konnte, starb der König. Zufall oder Absicht?

DIE ANKLAGE . Bob Brier ist amerikanischer Paläopathologe und Autor des Buches „Der Mordfall Tutanchamun“. Brier ist geeignet, in dieser Sache die Rolle eines Staatsanwalts einzunehmen. Sein Plädoyer würde sich etwa so anhören:

Das Opfer dürfte zu Lebzeiten knapp einen Meter 70 groß gewesen sein, schlank und wohlgewachsen – wenn man einmal von dem merkwürdig ausladenden Hinterkopf absieht. Die Autopsie nahm Douglas Derry, Anatomieprofessor an der Universität Kairo, bereits 1925 vor. Derry entfernte die Kniescheibe und untersuchte das Ende des Röhrenknochens des Oberschenkels. Bei jungen Menschen sind die Enden der Röhrenknochen, die Epiphysen, locker mit Knorpel verbunden, diese Fugen verknöchern mit zunehmendem Alter. Aus dem Zustand der Epihysenfugen schloss Derry auf ein Alter von wenigstens 17 und höchstens 19 Jahren. Als mögliche Todesursache nahm man zunächst Tuberkulose an.

Eine Röntgenuntersuchung der Mumie durch den Anatom R. G. Harrison von der Universität Liverpool beinahe 50 Jahre später ergab, dass sich Tutanchamuns Wirbelsäule in einwandfreiem Zustand befand. Tuberkulose hätte an den Wirbeln sichtbare Schäden angerichtet.

Die Röntgen-Untersuchung erbrachte noch einen weiteren Befund: Mitten im Schädel befindet sich ein Knochenfragment. Manch einer nahm an, dieses Fragment sei Indiz für eine Verletzung, doch offensichtlich ist es erst nach dem Tod des Pharaos ins Schädelinnere gelangt – entweder durch die raue Behandlung beim Einbalsamieren oder 3250 Jahre später beim Exhumieren.

Die Röntgenaufnahme zeigt noch etwas: eine Verdichtung des Knochens am unteren Hinterkopf, da, wo der Schädel in den Nacken übergeht. Diese Verdichtung könnte von einem Hämatoma subdurale herrühren, einer Verletzung wie sie etwa infolge eines Schlags auftritt. Eine Verletzung durch einen Sturz ist an dieser Stelle gänzlich ausgeschlossen. Wahrscheinlicher ist, dass das Opfer auf der Seite oder auf dem Bauch lag, also möglicherweise im Schlaf getroffen wurde.

Die Möglichkeit macht noch keinen Mord. Anders verhält es sich, wenn Motiv und Tat vorliegen. Zum nächsten Indiz, ein Briefwechsel der jungen Witwe Anchesenamun mit dem König der Hethiter, der anderen Großmacht der damaligen Zeit. Darin beklagt die Frau den Tod ihres Gatten und bittet den Hethiter, ihr einen seiner Söhne zum Mann zu geben. Denn: „Niemals aber werde ich einen meiner Diener nehmen und ihn zu meinem Gatten machen!... Ich habe Angst!“

Angst vor wem? Infrage kommen eigentlich nur zwei Kandidaten. Eje, der alte Wesir, und Haremhab, der General. Beide hatten allerhand zu verlieren, beide hätten sich durch eine Hochzeit mit der Witwe zum Pharao machen können.

Der Hethiter traute dem Frieden nicht, schickte einen Boten los, der brachte bei seiner Rückkehr im Frühjahr einen zweiten Brief mit. Das Datum passt zum Befund im Grab, denn dem verstorbenen Tutanchamun waren Kränze aus Kornblumen geflochten worden. Die blühen in Ägypten in März und April. Rechnet man 70 Tage für eine ordentliche Mumifizierung, dann wurde der König im Januar 1323 vor Christus erschlagen.

Der Hethiter schickte tatsächlich seinen Sohn als Heiratskandidaten. Bloß sollte dieser Ägypten nie lebend erreichen, er wurde mit seinem Gefolge an der Grenze ermordet. Währenddessen schwang sich ein anderer zum Herrscher auf: Eje, der inzwischen Mitte 50 gewesen sein dürfte. Er dokumentierte das unter Bruch aller Konventionen im Grab des Tutanchamun. Eine Wandmalerei zeigt ihn bei einer rituellen Handlung mit allen Insignien der Macht. So etwas gab es noch nie, dass sich der neue Pharao bereits im Grab des alten verewigen lässt. Hier hatte es jemand sehr eilig, seinen Anspruch durchzusetzen.

Und dann gibt es noch den Ring, der heute im Ägyptischen Museum in Berlin liegt. Ein Ring zu Ehren der Hochzeit Ejes mit Anchesenamun. Die mutmaßlich letzte Spur der jungen Frau. Als der Pharao Eje vier Jahre später starb, da war Ti die Frau an seiner Seite, Ejes langjährige Gemahlin. Anchesenamun überlebte Tutanchamun nur kurz. Offenbar liegt ein Doppelmord vor. Wie heißt es in ihrem Brief: „Niemals werde ich einen meiner Diener nehmen... Ich habe Angst.“

DIE VERTEIDIGUNG stützt sich auf Christine El Mahdy als Sachverständige. Die britische Ägyptologin ist Autorin des Buches „Tutanchamun. Leben und Sterben des jungen Pharao“. Die Beweisführung wird später durch den Berliner Ägyptologen Dietrich Wildung ergänzt.

Dem Autopsiebericht ist nicht viel hinzuzufügen, außer vielleicht, dass der zahnärztliche Befund ergeben hat, dass die Weisheitszähne des jungen Königs noch nicht durchgebrochen waren. Berücksichtigt man bezüglich des Zustands der Epiphysenfugen in den Röhrenknochen, dass die Entwicklungsstadien bei den Menschen Nordafrikas etwas früher liegen können als in Mitteleuropa, darf man von einem Sterbealter Tutanchamuns von 16 bis 17 Jahren ausgehen.

Offensichtlich wies der Schädel hinter dem linken Ohr eine dünne Stelle auf, die durch Druck auf den Knochen verursacht wurde, wahrscheinlich durch ein subdurales Hämatom, einen Bluterguss zwischen den Hirnhäuten.

Diese Verdünnung erfordert einen lang anhaltenden Druck. Wenn ein Attentäter dem König nun einen Schlag auf die Schädelbasis versetzt hätte, dann muss der diesen Hieb erst einmal überlebt haben. Das Hämatom braucht ja Zeit, Zeit, in der der König beträchtlich litt. Der Attentäter hätte also einmal zugeschlagen und dann, obwohl nicht erfolgreich, von seinem Vorhaben abgelassen. Was nicht sehr wahrscheinlich ist.

In diesem Zusammenhang sollte darauf hingewiesen werden, dass der Schädel Tutanchamuns rasiert war. Aus dem Edwin-Smith Papyrus, dem so genannten Chirurgie-Papyrus, weiß man, dass ägyptische Chirurgen ihre Patienten in zwei Kategorien einteilten. Handelte es sich um eine offene Wunde, dann lernte der angehende Arzt in diesem Papyrus, „das ist ein Leiden, gegen das ich kämpfen werde“. War die Haut unverletzt, kämpfte er nicht. Denkbar also, dass der schon länger schwerkranke König das Bewusstsein verlor. Die Ärzte schoren ihm den Kopf, um nach einer Wunde zu suchen. Vergebens, der König, erlangte nicht mehr das Bewusstsein und starb an einer natürlichen Todesursache, möglicherweise an einem Tumor.

Dazu passt ein Einwand des Direktors des Berliner Ägyptischen Museums, Dietrich Wildung: Im Bestand des Museums befindet sich ein Relief, das den König mit seiner Frau im Garten zeigt. Tutanchamun stützt sich auf einen Stock. Solche massiven Stöcke wurden auch als Grabbeigabe gefunden. Ein weiteres Bild zeigt den König beim Bogenschießen im Sitzen. „Das“, sagt Wildung, „ist eindeutig Versehrtensport.“ Seine Diagnose: „Der Pharao war krank.“

Nun zum Hauptverdächtigen. Der Ankläger hat übersehen, wer dieser Eje, der Wesir des Königs war. Kein minderer Diener, sondern als Bruder der Hauptgemahlin von Echnatons Vater ein Verwandter des Königshauses. Andere Quellen nennen ihn den Schwiegervater eines Königs, gut möglich also, dass Nofretete seine Tochter war.

Dieser Eje diente dem Königspaar sein Leben lang loyal. Nun soll er Tutanchamun und dessen Frau, seine Enkelin, beseitigen? Wenn man schon von einer Intrige ausgeht, dann dürfte der Verdacht wohl auf einen anderen fallen: Haremhab, den General. Ein konservativer Berufsoffizier aus einfachen Verhältnissen, der anders als Eje zu den revolutionären Zeiten unter Echnaton nicht hinaus in die neue Hauptstadt gezogen war. Dieser Haremhab ließ sich abbilden, wie er einem Fremden die Rechte ans Kinn schmettert, eine für Beamte eher unübliche Darstellung. Offenbar handelte es sich um einen vergleichsweise rauen Menschen, der keine Ausländer mochte.

Wenn sich Eje also nach dem Tod des Pharaos in aller Eile auf den Thron setzte, dann möglicherweise um die Reste der königlichen Familie zu schützen.

DAS URTEIL kann nur Freispruch für Eje lauten, schon aus Mangel an Beweisen. Wie Recht der Mann hatte, General Haremhab zu misstrauen, zeigen die Vorgänge nach Ejes Tod nur vier Jahre später. Haremhab ließ die Gräber Echnatons und Ejes zerstören und verfolgte unnachgiebig alle Relikte von Echnatons Revolution. Mehr noch: Er ließ alle Vorgänger bis einschließlich Echnaton aus den Königslisten streichen, diese Episode sollte getilgt werden. Nur Tutanchamuns Grab wurde verschont. Bob Brier wertet das als Zeichen, dass der General keinen Groll gegen den jungen König hegte. Vielleicht war das Grab aber auch so verborgen, dass niemand es entdeckte. Weil es noch einen loyalen Beamten gab: Maja, oberster Aufseher der Königsgräber. Von ihm ist eine kleine Statue als Abschiedsgeschenk an Tutanchamun überliefert. Und die Gewissheit, dass er das Grab schützte. Denn schon in alter Zeit drangen Einbrecher in das Grab vor. Doch sie wurden vertrieben, die Kammer wieder versiegelt.

Tutanchamuns Sarkophag blieb unberührt. 3300 Jahre lang. Bis die Archäologen kamen.

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