Zeitung Heute : Waren so breite Schultern

Vor einem Jahr stürzte der Pilot Oleg Grigorjew mit 50 Kindern über dem Bodensee ab

Elke Windisch[Ufa]

Er war so ein Typ, mit dem jede Frau durch dick und dünn gehen würde. Breite Schultern und im Gesicht ein gutmütiges Lachen. Ein Mann, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und alle Probleme auf der Fingerspitze tanzen lässt. Das Foto, von Tochter Dascha im Cockpit geknipst, kurz vor dem Start zum Badeurlaub nach Dubai im letzten Jahr, ist eines der wenigen, das es von Oleg Grigorjew gibt. Bei Schnappschüssen fürs Familienalbum drückte er immer selbst den Auslöser. Nun steht er gerahmt in der Schrankwand made in DDR neben Krimskrams, den er aus aller Herren Länder mitbrachte.

Für seine Ehefrau Lena Reliquien. Angucken ja, aber bitte, bitte nicht anfassen, signalisieren die schüchternen grauen Augen der schlanken Frau, die sich das Wort „Witwe“ schon beim ersten Telefonat verbat. Behutsam wie ein Altertumsforscher seine Schätze holt die 41-Jährige ein Buch mit schwarzem Kunstledereinband aus der Schublade. Olegs Flüge sind darin penibel festgehalten. Der letzte Eintrag, datiert auf den 1. Juli 2002, ist unvollendet: 22 Uhr 48, Moskau Domodedowo steht da. Zwei Stunden später kollidierte die TU-154 der Bashkirian Airlines BAL mit einem DHL-Frachtflugzeug über dem Bodensee. Das Buch überstand den Absturz leicht zerknautscht. Und auch die Schrift ist nur hie und da leicht verwischt.

Durch Wassertropfen. Lenas Augen kommen jeder Frage nach ihrer Herkunft zuvor. Die Aquarelle an der Wand scheinen ein unverfänglicheres Thema. Wahrscheinlich Mitbringsel vom Urlaub im Baltikum. Lena schüttelt den Kopf: „Kaliningrad. Seltsam, nicht wahr? Auf deutscher Erde kam er zur Welt, auf deutscher Erde kam er um.“ Kaliningrad, deutsche Erde? Ohne die „Einschränkung „früher“? Hat sie, eine Russin, Jahrgang 1962, das wirklich gesagt? Den flüchtigen Verdacht auf Provokation macht ihr grüblerischer Blick zunichte.

Beide waren 15, als sie sich kennen lernten. Liebe auf den ersten Blick, die auch Trennungen überstand. Oleg, der die Berufsschule mit Auszeichnung abschloss, bekam einen Studienplatz an der Hochschule für zivile Luftfahrt. Seit jeher war das sein Traum, sagt Lena. „Er begeisterte sich für alles, was mit Fliegerei und Raumfahrt zu tun hat. Deswegen war er nach dem Unglück einer der Ersten, der identifiziert wurde“. Denn er hatte Fotos von Jurij Gagarin und Valentina Tereschkowa dabei, er nahm sie auf allen Flügen mit. „Natürlich“, sagt Lena, „hat er auch Fotos von uns mit gehabt. Wenn die nicht mit ihm verbrannt sind, wird sie irgendjemand irgendwann finden.“

Mit 21 heirateten sie. Sohn Pawel, der ein Jahr später zur Welt kam, wurde noch in Kaliningrad geboren, Tochter Dascha schon in Ufa, wohin die Grigorjews gleich nach Olegs Studium versetzt wurden. Elf Jahre hausten sie in einem einzigen Zimmer. Dann kratzten sie alles Ersparte zusammen und kauften die ärmliche Parterre-Wohnung in der „Fliegersiedlung“: Ganze drei Häuser, gut 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Dafür aber mit Gemüsegarten und für die Grigorjews das Paradies auf Erden. Wenn Oleg nicht flog, arbeitete er am Haus, renovierte es mit der gleichen, für Russen etwas untypischen Akribie, mit der er auch sein schwarzes Buch führte. In der Küche begradigte er die Wände, weil sonst die Kacheln wieder abgefallen wären – für Lena Luxus schlechthin.

Im Frühjahr 2001 kauften sie einen geländegängigen Gebrauchtwagen für die Grillpartys mit Freunden an einem der klaren, stillen Seen. Kurz und heftig sind die Sommer hier, doch im Juni die Nächte noch um Mitternacht so hell, dass sie die Texte in Olegs Liederbuch lesen konnten. Es liegt jetzt unter seiner Gitarre im Wohnzimmer. Auf den letzten Seiten stehen Sätze in Urdu. „Damit ist Oleg in Pakistan groß rausgekommen“, sagt Lena.

Dass die Besatzung schlecht Englisch konnte und dadurch den Absturz verursacht habe, sei Unfug. „Oleg hörte am Akzent der Fluglotsen, ob die Maschine noch von Deutschland oder schon von der Schweiz betreut wurde. Wenn er uns die Unterschiede demonstrierte, haben Dascha und ich vor Lachen lang gelegen.“ Das letzte Mal am Samstag vor der Katastrophe. Oleg war gerade aus Barcelona zurück, die Strecke flog er sehr oft.

Eben diese Streckenkenntnis wird ihm zum Verhängnis, als er am Montag als Navigator für einen außerplanmäßigen Flug nach Barcelona eingeteilt wird. In Moskau sitzen 50 Kinder aus Baschkirien fest, die ihren Flieger verpasst hatten. Sonst gibt Lena Oleg stets das Geleit, aber heute kann sie nicht, denn im Garten müssen die Erdbeeren gepflückt werden. Nur als die Maschine gegen 19 Uhr mit donnernden Motoren über die Siedlung braust, streckt sie für einen Moment den gekrümmten Rücken, beschattet mit erdverkrusteten Fingern die Augen und sieht dem schwarzen Punkt nach, bis ihn der flammende Horizont im Westen verschluckt.

Als Lena am nächsten Morgen um halb acht aufsteht, ist Oleg nur noch ein verkohltes Bündel. Weil Lena Dascha nicht stören will, macht sie das Radio nicht an. Der Tag sieht nach viel Sonne aus, und Lena zieht eine helle Bluse zu dem geblümten, weit schwingenden Rock an.

Ruhe bewahren, befiehlt sie sich, als auf dem Flughafen Gerüchte Namen bekommen. Grigorjew, na und? Ein Name, so häufig wie Müller. Erst vor kurzem war ein Pilot mit gleichem Namen im Kongo verunglückt. Lenas größte Sorge ist daher nicht Oleg, sondern Dascha. Gott verhüte, dass sie den Fernseher anmacht, bevor Lena zu Hause ist.

Mit zitternden Händen sperrt Lena die Wohnungstür auf und schaltet den Fernseher ein. Es ist zehn Uhr, in Moskau acht, der Staatssender zeigt die erste Nachrichtensendung des Tages. Der Aufmacher: Trümmer eines Flugzeugwracks in der Totale. Dann die Naheinstellung: „Unsere Tuschka“, sagt Lena. „Ich hab sie gleich erkannt an den Kennzeichen.“ Aber Lena will nach dem ersten Schock positiv denken: Bei der Zwischenlandung in Moskau wurde die Mannschaft erneut auf Flugtauglichkeit untersucht. Was, wenn Oleg plötzlich Kopfschmerzen bekommen hat? Dann ist ein anderer für ihn eingesprungen! Ja, so könnte es gewesen sein! Nein, so muss es gewesen sein, sonst wäre schon jemand von der Fluggesellschaft hier und hätte mich benachrichtigt, denkt Lena, als es zaghaft klopft.

Sie ist geblieben, im grünen Grasland am Südhang des Ural hat sie mit ihrem Mann auch die Hoffnung auf das Häuschen an der Ostsee begraben, das sie bauen wollten, wenn Oleg die Fliegerei eines Tages an den Nagel hängt. Mit Grauen denkt Lena an den Restbetrag für die Wohnung hier, der noch abbezahlt werden muss. Dascha bekommt nur bis zur Volljährigkeit Rente – 50 Prozent von Olegs Gehalt. Pawel, der momentan seinen Armeedienst in Fernost ableistet, nichts. Der Staat, so die Begründung, sorge für ihn. Mit einem Sold von 30 Rubel monatlich – 85 Cent.

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