Zeitung Heute : Warte, bis es dunkel wird

Bagdader Begegnungen – die Händler und ein Schutzschild

Asne Seierstad[Bagdad]

Der Tag beginnt nicht mit Bomben. Der Tag beginnt mit den Muezzinen, die zum Freitagsgebet rufen. Die ganze Bagdader Morgensinfonie erklingt – Lasterfahrer, die dauernd hupen, Busse, die lärmend vorwärts kriechen und Leute auf quietschenden Fahrrädern. Ein gewöhnlicher Wochentag in Bagdad – voll Sonne und Leben. Auf den Märkten wimmelt es vor Volk, nur eines deutet auf Bomben hin: das Angebot.

Ein Händler bietet drei Sachen feil: Batterien, Taschenlampen und Kerzen. Ein anderer Propangaskocher. Noch einer verkauft Leuchten der Marke „Bazooka – Deine Waffe gegen die Dunkelheit“. Normalerweise werde er davon zwei im Monat los, sagt er, jetzt seien es 120 in drei Tagen gewesen. Die Leute haben Angst davor, dass demnächst die Elektrizitätswerke getroffen werden.

Damit das nicht passiert, ist ein junger Mann nach Bagdad gekommen, ein Finne. Er steht ein paar Kilometer entfernt von den Lampenhändlern, an einem Baum, auf einem Grünstreifen. Er heißt Teijo Virolainen. Zusammen mit zwei anderen hat er sich hier, an einer Bagdader Hauptstraße, festgekettet. „No to war“, steht auf dem Plakat, das er in seinen Händen hält. Er ist 22 Jahre alt und ein menschlicher Schutzschild.

Schützt er also einen Baum? Gewissermaßen symbolisch? Nein, jetzt ist es hell, und seine Nächte, die Bombennächte, verbringt Virolainen, der daheim in Finnland an einer Technischen Hochschule studiert, in einem Kraftwerk im Süden der Stadt. Er will das nicht so verstanden wissen, dass er glaubt, sein Westler-Leben werde für wertvoller gehalten als das eines Irakers, dass ausgerechnet wegen ihm und seinen Begleitern das Kraftwerk stehen bleibt. „Nein, wir versuchen, der Welt bewusst zu machen, dass der Krieg nicht nötig ist“, sagt er. Und er erzählt von der ersten Bombe, die er gehört hat in seinem Leben. Dass sie ihn am Donnerstagmorgen geweckt hat. „Ich bin dann an den Fluss gegangen, um besser sehen zu können. Ich wollte die Bomben fallen sehen.“

Bald wird es dämmern und Virolainen wird wieder zum Kraftwerk fahren – in eine weitere Nacht auf dem Feldbett. Er wird wieder aufstehen und den Qualm sehen, wie er hunderte Meter hoch über der Innenstadt steht, er wird das Abwehrfeuer anschauen, wie es schnurgerade in den Himmel steigt und oben dann kurz aufblitzt, und er wird sie hören, die Bomben, lauter und öfter denn je.

Am Markt, bei den Lampenhändlern, ist eine Feuerwache. „Am Donnerstag haben wir das Planungsministerium gelöscht“, erzählte ein Brandmeister dort am Morgen. So große Flammen hatte er noch nie gesehen. Mehr kann er nicht sagen, bevor wir weggescheucht werden. Sein Chef gibt uns ein Zeichen, und wir entfernen uns.

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