Zeitung Heute : Wartehalle, Haltestelle, Schlafstatt

Der Tagesspiegel

Von Kartrin Klette

Charlottenburg. Warten, schlafen, gucken – das ist die einzige Beschäftigung von Milen, Zhivko und Ilijan, alle 26. Die Drei warten in der Wartehalle des Zentralen Omnibusbahnhofs Berlin (ZOB) am Funkturm auf den Bus nach Varna, Bulgarien. Sie kommen aus Dänemark und warten seit Montag. Heute ist Mittwoch, der nächste Bus fährt erst am Freitag, um 8 Uhr.

„Es ist langweilig, anstrengend – einfach furchtbar. Du kannst nichts machen“, sagt Zhivko. Sie sind drei von 1,7 Millionen Fahrgästen, die pro Jahr den ZOB nutzen. „Etwa 50 000 Busse kommen in einem Jahr am ZOB an oder fahren von dort ab“, so Hans-Otto Kühl, der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft. Bei besonderen Ereignissen, zum Beispiel der Grünen Woche, sind weitere 2000 Busse in den zehn Tagen im Einsatz. Weitere Spitzenzeiten sind Feiertage, Ferien, Freitag- und Sonntagabende. Und an jedem Tag die frühen Morgen- und Abendstunden.

Die drei Bulgaren reisen mit dem Bus, weil es am billigsten ist. Doch schlechtes Wetter und Staus können die Ankunft eines Busses zusätzlich verzögern. Manchmal werden die Anschlussbusse verpasst, weil deren Fahrer nicht warten. „Mit dem Flugzeug würden wir zwei Stunden brauchen“, sagt Ilijan, „mit dem Bus brauchen wir zwei Tage.“ Die Nächte verbringen die jungen Männer in der Wartehalle. Ihr Geld reicht gerade für das Busticket, eine Übernachtung im Hotel oder ein Essen im Restaurant ist nicht drin. Eine Süßigkeit vom Kiosk oder für Pommes von der Bude müssen reichen. Schon die 150 Euro pro Person für die Fahrt von Dänemark nach Hause sind viel für sie: „ein Monatsgehalt in Bulgarien“, wie Milen sagt.

Ein knappes Dutzend weiterer Menschen verbringt die Nacht ebenfalls in der Wartehalle. Darunter seien auch Leute, die einfach keine Wohnung haben, vermuten die drei Bulgaren. Einen Schlafsack haben sie nicht, die Plastiksitze und die Jacke müssen reichen. Zwar läuft auch in der Nacht die Heizung der Halle, „aber morgens um 5 Uhr wird es sehr kalt“, sagt Zhivko.

Am Nachmittag ist es in der Wartehalle ruhig. Wenige Menschen sitzen auf den orangefarbenen Plastiksitzen. Die fünf Verkehrsinseln mit den 37 Haltestellen wirken verlassen. Manchmal wird per Durchsage die Ankunft oder Abfahrt eines Busses ausgerufen. Die Busse fahren innerhalb ganz Europas. Für 129 Euro kann man eine Hin-und Rückfahrtkarte zum Disneyland bei Paris buchen. „Die Fahrten nach Amsterdam, Wien oder London sind vor allem bei jungen Leuten beliebt“, sagt Geschäftsführer Kühl. „Die Älteren fahren eher zu den Ostseebädern.“ Auch die Linien ins Baltikum, an die Atlantikküste oder nach Bosnien und Kroatien sind gut ausgebucht. Die entferntesten Ziele vom ZOB aus sind St. Petersburg und Moskau im Osten und Portugal im Westen. „Für dieses Jahr rechne ich mit einem Anstieg auf 55 000 Busfahrten“, sagt Kühl. Vor allem die Strecken nach Osteuropa und viele Großveranstaltungen wurden gebucht.

Doch trotz der steigenden Zahlen ist Kühl nicht wirklich zufrieden. „Dass wir noch Blechschilder haben, auf denen die Fahrziele stehen, ist schon sehr nostalgisch“, sagt Kühl. „Da wären wir flexibler, würden wir sie noch altmodischer mit Kreide auf eine Tafel schreiben.“ Geplant ist deshalb ein elektronisches Anzeigesystem sowie eine bessere gastronomische Betreuung und die Modernisierung der Toiletten.

Vielleicht gehört dazu auch die Anschaffung eines neuen Kaffeeautomaten. Dieser „Kaffee“ sei bestenfalls nach Kaffee schmeckendes warmes Wasser, klagt Milen. Wann der Busbahnhof modernisiert sein wird, sei noch nicht klar, sagt Kühl. Doch immerhin: „Wir segeln hart am Wind.“

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