Zeitung Heute : Warten auf ein Licht im Fenster

Sie stehen auf dem Petersplatz, schauen hinauf zum Zimmer des Papstes – und hoffen verzweifelt, sie könnten ihn noch einmal sehen

Paul kreiner[Rom] Thomas Roser[Warschau]

„Gelassen und bei Bewusstsein.“ Joaquín Navarro-Valls wiederholt es am Freitagmittag immer wieder. „Sehr gelassen und bei vollem Bewusstsein“, der Sprecher des Vatikan steigert sich, als müsse er etwas beschwören – im Zweifel sich selbst: „Extrem gelassen“ erlebe Johannes Paul II. die letzten Stunden. „Sereno“, sagt Navarro-Valls. Das Wort kann sogar „heiter“ bedeuten. Und als ein Journalist den Sprecher das Papstes nach seinen persönlichen Gefühlen fragt, da steigen dem Spanier, der als hartgesotten bekannt ist, die Tränen in die Augen. „Ist doch nicht wichtig, wie es in mir aussieht“, sagt er und schaut zu Boden. Dann fügt er hinzu, ohne Angst offenbar, seinem offiziellen Statement zu widersprechen: „Ich habe nie so ein Bild von diesem Papst gesehen. In 26 Jahren nicht.“ Danach verlässt er den Saal. Er will nicht vor der Weltpresse weinen.

Die letzten Stunden des Papstes – sie beginnen am Donnerstag, kurz vor Mitternacht. In Windeseile verbreitet sich die Mitteilung des Vatikan von 22Uhr 50, dass sich der Zustand Johannes Pauls II. stark verschlechtert habe, dass der fast 85-Jährige an einer Harnwegsinfektion und hohem Fieber leide. Vor den Absperrgittern am Petersplatz – er ist, wie an jedem Abend, um 23 Uhr geschlossen worden – bauen Fernsehteams aus aller Welt auf. Zuerst sind nur wenige Gläubige da, und weil kaum „Stimmung“ einzufangen ist, zündet ein Fotograf zwei Kerzen an, um sie anschließend von allen Seiten abzulichten. Doch als die Uhr des Petersdoms Mitternacht schlägt, strömen die Menschen. Zwei Mädchen halten sich an den Händen und murmeln auf Spanisch den Rosenkranz; Reisegruppen aus Polen und Deutschland sammeln sich vor den Gittern zu langen, langen Schweigeminuten.

An die 1000 mögen es schließlich sein, die da fragend zu den dunklen Fenstern des Papstpalastes hochschauen. Nur seitlich leuchtet ganz klein ein einziges, schwaches Licht: die Krankenstation neben dem Arbeitszimmer des Papstes. Und hell erleuchtet ist außer der Fassade des Petersdoms nur das Markenzeichen von Johannes Paul II.: das große Marienmosaik, das er hoch über dem Petersplatz hat anbringen und mit seinem Wappen versehen lassen. „Totus Tuus“ steht unter der Madonna mit dem Kind: „ganz dein“.

Die Nachrichten überschlagen sich. Das Fieber, heißt es, werde immer höher. Nein, ruft ein anderer Fernsehmann in sein Mikrofon, die Antibiotika wirken, das Fieber sinkt. Das Gerücht macht die Runde, Johannes Paul II. sei bereits mit den kirchlichen Sterbesakramenten versehen worden. Doch im italienischen Radio beschwört ein Reporter: „Wir Journalisten hoffen alle, dass dieser Papst, der uns schon so oft in Staunen versetzt hat, uns auch diesmal wieder überraschen wird.“

Das mit den Sterbesakramenten bestätigt Navarro-Valls am nächsten Morgen. Kurz vor sieben tritt er bereits vor die Mikrofone. Und was er sonst noch sagt, deutet an, dass es zu Ende geht. Einen „septischen Schock mit Herz-Kreislauf-Zusammenbruch“ habe Johannes Paul II. erlitten. Die Antibiotika-Stoßtherapie hat also nicht genützt. Der Körper des Papstes ist vergiftet, und nach langer Krankheit, nach dem Verlust von 19 Kilo Gewicht allein in den zurückliegenden Wochen, hat selbst Johannes Paul II. keine Widerstandskräfte mehr.

„Es wurde der Wunsch des Papstes respektiert, nicht wieder ins Krankenhaus eingeliefert zu werden“, sagt Navarro-Valls und bestätigt damit, was alle Beobachter in den letzten Tagen vermutet haben: Der Papst wolle zu Hause sterben, im obersten Stock des Apostolischen Palasts, hinter jenem nunmehr geschlossenen Fenster, von dem er sich in mehr als 26 Jahren Amtszeit jede Woche mindestens einmal den Gläubigen gezeigt hat. „Es würde mich nicht wundern“, sagt ein italienischer Journalist auf dem Petersplatz, „wenn sie das Fenster in seiner letzten Stunde noch einmal aufmachen würden. Irgendwie gehört das dazu. Und die Leute warten drauf.“

Die Leute: Auf dem Petersplatz herrscht an diesem Freitagmorgen der ganz normale touristische Betrieb. Lange Schlangen an den Metalldetektoren vor dem Petersdom; das Posieren für die typischen Erinnerungsfotos – „ich vor der Kuppel“. Reisegruppen queren den ovalen Platz; die üblichen schwarzen Aktentäschchen in der Hand, schreiten tiefschwarz gewandete Priester zu ihren Arbeitsplätzen in den vatikanischen Büros, in Kardinal Ratzingers Glaubenskongregation zum Beispiel, außerhalb der Kolonnaden. Einzig die Blickrichtung jener Touristen, die auf dem Platz stehen bleiben, an die Brunnen oder die Steinwürfel um den Obelisken gelehnt, die unterscheidet sich von normalen Tagen. Sie schauen zum Fenster des Papstes empor – und bekommen keine Antwort.

Geschäftsleute in feinem Anzug oder Nonnen mit Habit und Schleier, rosenkranzbetende Gruppen oder einzelne Gläubige, die immer wieder das Kreuzzeichen schlagen, sehr stille Jugendliche, der Rabbiner von Rom mit einer jüdischen Gebetsgruppe, alte Damen mit Hund – die da stehen bleiben, es sind recht verschiedene Leute. Sie genießen, man glaubt es kaum, auf diesem riesigen Platz eine einzigartige Intimität: Journalisten, Fernsehteams vor allem, sind hinter die Absperrgitter verbannt.

Im Radio überschlagen sich wieder einmal die Nachrichten: „Der Papst ist ins Koma gefallen.“ Der Vatikan dementiert entsprechende Meldungen als, wörtlich, „Blödsinn“. Die Via della Conciliazione, die von Mussolini in die alten Stadtviertel geschlagene Prachtstraße, ist für Autos gesperrt. Und immer mehr Menschen, gruppen- oder gar prozessionsweise, bewegen sich auf ihr in Richtung Petersdom. Kardinal Camillo Ruini, der Statthalter des Papstes als Bischof von Rom, sei am Totenbett, meldet das Radio: „Ruini kommt es zu, der Öffentlichkeit den Tod des Papstes bekannt zu geben.“

Man erfährt, dass die Kardinäle der Weltkirche – derzeit 183, darunter 117 Papstwähler – nach Rom einbestellt sind; die Spitzen der vatikanischen Kurie treffen, einer nach dem anderen, bei Johannes Paul II. ein: Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano, Glaubenswächter Joseph Ratzinger, dazu der Außen- und der Innenminister des Vatikan. Die Messe habe Johannes Paul II. am Morgen noch mitgefeiert, heißt es. Dann habe er sich die 14 Stationen des Kreuzwegs und „Teile der Heiligen Schrift“ vorlesen lassen. Kardinal Ruini setzt für den Abend eine große Messe in der Laterankirche an.

Alle sind da, die ganze italienische Politik, die Laterankirche ist übervoll. In seiner Predigt sagt Ruini, Johannes Paul II. „sieht und berührt Gott“ bereits. Und je schlechter die Nachrichten werden, umso mehr Menschen versammeln sich auf dem Petersplatz. Die Nieren hätten versagt, melden die Agenturen, alle Organe seien abgestorben. Gehirnströme seien nicht mehr nachweisbar, heißt es kurz vor 21 Uhr. Genau für diese Stunde hat Kardinal Ruini den Totenrosenkranz auf dem Petersplatz angesetzt. Und wieder beginnt für die Gläubigen eine lange Nacht. Eine Nacht der Trauer.

* * *

Mit bedrückten Gesichtern eilen Polens Gläubige Freitagmorgen in die Messen. Die Nachrichten aus Rom haben inzwischen längst auch diejenigen erreicht, die nicht die ganze Nacht vor den Fernsehschirmen auf die neuesten Bulletins aus dem Vatikan geharrt hatten. „Alarm im Vatikan“ schreckt die Zeitung „Zycie Warzawy“ ihre Leser auf. „Heiliger Vater, wir beten für dich“, versichert die „Rzeczpospolita“. Fast schon wie ein Abschied wirkt das Papst-Zitat, das auf dem Titelblatt der Boulevardzeitung „Fakt“ prangt: „Der Geist erlischt nicht.“

Bereits in den frühen Morgenstunden haben die TV-Moderatoren der ununterbrochen laufenden Nachrichtensendungen eilig ihre modische Frühjahrskleidung gegen dunkle Anzüge und schwarze Krawatte getauscht. Wie auf zahllosen Bittgottesdiensten im ganzen Land drängen sich Hunderte von betenden Menschen in der Marienkirche von Krakau, wo der Papst einst studiert, als Priester gearbeitet und 14 Jahre als Erzbischof gelebt hat. „Wir beten um seine Gesundheit – und Kraft in seinem Leiden“, sagt Probst Fidelius. Frühjahrsblumen liegen unter dem Fenster der früheren Amtsstube von Karol Wojtyla.

In Wadowice, seinem nahen Geburtsort, haben vor allem ältere Frauen die Nacht in der örtlichen Basilika gewacht. Das Leiden des Papstes sei auch ihr Leiden, sagt die 73-jährige Czeslawa Tyrypon: „Doch ich bete darum, dass Johannes Paul noch lange unser Schiff lotsen wird.“

Selbst in den Stunden des nahenden Abschieds von ihrem Papst fällt vielen Polen die Erkenntnis von dessen Sterblichkeit schwer. „Heiliger Vater, bleib bei uns – wenigstens noch ein bisschen“, bittet verzweifelt Mariusz, einer von Tausenden bestürzten Internet-Surfern auf den polnischen Websites. Nach Jesus habe es nur wenige Menschen wie den Papst gegeben, schreibt traurig ein Gzegorz. Sie habe nie geglaubt, dass der Papst einmal sterben könne, sagt Agniezska. „Wir wissen alle, dass jedes Leben einmal endet“, mahnt hingegen ein Maczyk aus Gleiwitz: „Erlaubt dem Papst, sich in Frieden ausruh en.“

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