Zeitung Heute : Warten auf Heilung

Rainer Woratschka

Die Universitätskliniken klagen wegen der Streiks über akute Probleme bei der Patientenversorgung. Ist die Behandlung von Patienten tatsächlich gefährdet?

Der Hinweis fehlt bei kaum einem der vielen Streikaufrufe der vergangenen Monate: „Die Notversorgung ist nicht gefährdet.“ Nur leichtere oder planbare Operationen würden verschoben, versichern die Ärzteorganisationen. Und unterm Strich hätten alle Patienten ja etwas davon, wenn ihre Operateure ausgeruhter, besser bezahlt und infolgedessen auch weniger frustriert seien.

Die Werbung um Patientensympathie unterschlägt zweierlei. Erstens: Wenn planbare Eingriffe ständig verschoben werden, ergibt das einen Operationsstau. Das bedeutet Zusatzstress für diejenigen, die jetzt schon wegen chronischer Arbeitsüberlastung auf die Straße gehen – und somit ein erhöhtes Risiko für die Patienten.

Zweitens: Die Unterscheidung zwischen Notfall und aufschiebbarem Fall ist immer problematisch. Durch die Streiks steige die Zahl der Notfälle, warnt Rüdiger Strehl, Verbandschef der Universitätskliniken. Seine Rechnung: „Nach zehn Tagen wird der Schwerstkranke zum Notfall.“ Ins selbe Horn stößt die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Präsident Rudolf Kösters warnt vor „massiver Beeinträchtigung der Patientenversorgung“. Es sei unverantwortlich zu versuchen ,völlig überzogenen Gehaltsforderungen „auf dem Rücken der Patienten“ Nachdruck zu verleihen.

Auch diese Argumentation ignoriert jedoch Wesentliches: Die Ärzte streiken nicht nur für mehr Geld, sondern auch für bessere Arbeitsorganisation in den Kliniken. Es habe sich auch bei Patienten herumgesprochen, dass die Arbeitssituation für Klinikärzte auf der mittleren und unteren Hierarchieebene „fast unzumutbar“ geworden sei, sagt Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Wenn der Herr Professor auf Vortragsreise ist, werden auch Operationen verschoben. Da muss es auch möglich sein, dass Ärzte für Maßnahmen streiken dürfen, die in der Tendenz die Patientensicherheit verbessern könnten.“

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