Zeitung Heute : Warten auf Helmut Kohl - zwei Stunden für zwei Fragen

Tina Heidborn

"Ist er da?" Egbert Lehmann wirft einen skeptischen Blick auf das weiße Mehrfamilienhaus. Es ist Donnerstag, 20 Minuten nach Sieben, die ersten Sonnenstrahlen fallen in die ruhige Wohnstraße, Wilmersdorf, Caspar-Theyß-Straße. Der ARD-Kameramann ist zum ersten Mal hier, "vor Ort". Sein Kollege von N 24 weiß, wie es hier läuft. "Wenn die S-Tonnen aufschlagen, passiert was", sagt er, dann summt er weiter. Die S-Tonnen, das sind die beiden schweren dunklen S-Klasse-Mercedes. Wenn sie kommen, kommt auch Helmut Kohl aus seinem Haus. Wegen Helmut Kohl ist Egbert Lehmann hier und Michael Grund, der Tonmann, und auch ARD-Redakteur Werner Sonne. Und der fortwährend summende Kameramann von N 24 mit Tonmann und Redakteur und die drei anderen Kamerateams von Privatsendern und zwei Fotografen. Alle sind gekommen, den Altkanzler auf den zehn Metern von der Haustür zu filmen, bevor er in eine der "S-Tonnen" steigt; um Fragen zu brüllen, auf Statements zu hoffen. Niemand weiß, ob Kohl rauskommt. Und wann.

"60 Prozent des Fernseh-Journalismus sind Herumlungern und Warten", sagt Werner Sonne. Herumstehen in der Kälte, mit Kollegen witzeln, Vermutungen drüber anstellen, ob Kohl nicht gerade anderswo Fasching feiert. Der AP-Fotograf erzählt von seiner längsten Wacht, 1975. 36 Stunden brauchte er, bis er ein Exklusivfoto in dem Entführungsfall des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz hatte. Drei Stunden nach seinem "Schuss" hatten alle Konkurrenten ihr eigenes Foto, ohne halsbrecherisch über eine Mauer zu klettern. "Pech", sagt der Fotograf, 20 Jahre her. Ein Polizeiwagen fährt zum zweiten Mal vor das Haus Nummer 20, checkt die Lage. Alles ruhig. Irgendwann kommt die Straßenreinigung vorbei, einer der Kehrer hat ein Käppi des Privatsenders Sat 1 auf dem Kopf. Ein schönes Motiv, die Kameramänner filmen ein bisschen. Werner Sonne geht zwischendurch schnell Kaffee für sein Team holen, in der Bäckerei um die Ecke. "Ich wage es", sagt er und zu Egbert Lehmann: "Wenn er kommt, schön die richtigen Fragen stellen". Dabei funktioniert die Berichterstattung bei öffentlich-rechtlichen Sendern anders als bei einigen privaten, nämlich strikt getrennt: der Redakteur fragt, das Team filmt. In diesen Bimbes-Zeiten schickt die ARD manchmal aber auch nur das Team vor das Kohls Haus. ARD und ZDF haben einen Pool gebildet, sind wechselweise auf Bilderfang. Seit Wochen lauern Fernsehteams Kohl vor seinem Haus auf. Am Donnerstag morgen ist der Pulk mal wieder größer, weil am Vortag bekannt wurde, dass Kohl angeblich privat Spenden sammelt zur Wiedergutmachung. Die TV-Stationen brauchen Bilder von Kohl, wenn sie dies melden.

Egbert Lehmann muss nicht die richtigen Fragen stellen. Werner Sonne ist längst zurück, da wissen die Journalisten immer noch nicht, ob Kohl überhaupt zu Hause ist. Martin Grald, der junge Redakteur von RTL, versucht sich mit Hennig Hertel, seinem noch jüngeren Kollegen von N 24, abzusprechen. Welche Frage man Kohl zuerst zubrüllen solle. Und dass man sich gegenseitig nicht das Bild versauen wolle. "Vergiss es", sagt der summende N 24-Kameramann. "Irgendeiner prescht immer vor".

Kameraleute beklagen sich über plötzlich auftauchende Fotografen, Fotografen über Tonmänner, freie über festangestellte Teams, öffentlich-rechtliche über private. Drängeln - das tun immer die anderen, erzählen alle. Unumstritten ist, dass das Gedrängel immer größer wird. "Bei der Merz-Wahl waren allein ARD und ZDF jeweils mit vier Teams da", sagt Lehmann. Mehr als vierzig Fernsehteams plus Fotografen, plus Radio, plus Print. Zu viele. "Ein Teufelskreis. Weil es immer mehr werden, schickt man noch ein mehr Team raus, um überhaupt noch Bilder zu kriegen", sagt Lehmann. In Extremfällen kommen nicht nur Kameras zum Einsatz, sondern auch Fäuste. Beim Einsatz, nicht beim Warten.

Unvermittelt unterbricht der N 24-Kameramann sein Summen für ein halblautes "Oh-oh!". Die S-Tonnen sind da. Aus der Meute wartender Journalisten werden in Sekunden wieder einzelne Teams, vier Männer und eine Frau schultern ihre Kameras, alle stürzen an das Tor vor Nummer 20. Ein Halbkreis, aus dem Mikrofonangeln ragen, Kabel hängen in der Luft, Journalisten dicht gedrängt, dazwischen eine Klappleiter, die ein Team mitgebracht hat. Und wieder Warten. Es ist 8 Uhr 35. Die ARD steht tatsächlich in der ersten Reihe. "Nur das hilft. Ganz vorne sein", hat Werner Sonne vorher gesagt. Und natürlich wenn man sich kennt. "Jetzt ist Disziplin gefragt", ruft der N 24-Kameramann aus dem Mittelfeld heraus. Er summt nicht mehr. Keine Witzchen mehr. ARD-Lehmann steht ganz links, immer wenn er sich wendet, muss Sonne den Kopf einziehen.

Wieder warten. Dann Schritte, gleich darauf das Quietschen eines Fahrrads. Haus Nummer 20 ist ein Mehrfamilienhaus. Vom Hof kommt eine Mutter mit Kind im Fahrradkorb, ein vielleicht Achtjähriger radelt voran, schiebt sich durch die Menge, die Platz macht. Die Frau guckt schräg in die Journalistenmenge. Als die Männer sie grüßen, grüßt sie dann doch zurück. Die Rentnerin mit Hut und Hund, die wenig später hinter den Fotografen vorbeiläuft, ist weniger freundlich. "Unglaublich, hier kommt man gar nicht durch". Dabei ist der Bürgersteig ziemlich frei, die Journalisten kleben Platz schonend am Tor.

Ein Ruck geht durch die Menge. Allgemeine Aufregung, Köpfe fliegen herum. Doch kein Kohl nirgends. Eine Politesse zieht die Straße entlang. Kamerateams parken grundsätzlich möglichst nah am Einsatzort. "Bitte, mein Auto nicht. Ich tue es auch nie wieder", ruft einer übertrieben verzweifelt. Hier traut sich jetzt keiner weg. Warten in Höchstform. Die Politesse kennt kein Pardon.

Zwanzig vor Neun: Kohl kommt. In Begleitung zweier Fahrer, erwartet von mindestens 15 Menschen vor dem Tor. Er verlangsamt den Schritt nicht, als alles brüllt. Werner Sonne, gut mittig platziert, hält sein Mikro vor, geht mit, rammt dabei die Klappleiter, die gar keinen Raum zum Umfallen hat. Bleibt dran und fragt, zu welchem Zweck Kohl privat die Spenden sammle. "Zu einem guten Zweck", sagt Kohl. Mit welchem Ergebnis? "Mit einem sehr guten." Die nächste Frage, die einer der Redakteure herausschreit, hört Kohl schon nicht mehr. Autotür zu, die S-Tonnen fahren ab. "Wir sehen uns in der Redaktion", sagt Werner Sonne zu seinem Team. Der Kameramann von N 24 summt wieder. Ein guter Tag. Kohl war da, er hat etwas gesagt, und die ganze Warterei hat nur knapp zwei Stunden gedauert.

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