Zeitung Heute : Warten auf Leben oder Tod

Erst hört man Explosionen, aber dann kommen einige Geiseln frei – der zweite Tag des Terrors in Nordossetien

Elke Windisch[Moskau]

Jedes laute Wort irgendwo, jede Erklärung, jedes Gerücht versetzt die Menge in Bewegung. Am Nachmittag laufen plötzlich hunderte Menschen gleichzeitig los. „Jemand ist freigekommen!“, sagen sie. Sie jubeln nicht. Zu viele Kinder, ihre Eltern und ihre Lehrer, sind noch in der Schule.

Beslan ist eine Kleinstadt im Nordkaukasus, 30000 Einwohner, Verwaltung, Lenin-Statue, Kriegerdenkmal. Im Kino lief zuletzt der Vampirfilm „Van Helsing“. Jetzt, seit Mittwoch, stehen 2000 Menschen im Stadtzentrum, vor dem Kulturhaus, und sie warten auf irgendeine Nachricht. Sie weinen, reden oder schweigen. 200 Meter entfernt, aber allen Blicken entzogen, ist die Schule, in der Terroristen seit Mittwochmorgen über 350 Kinder, Eltern und Lehrer in ihrer Gewalt halten. Polizei und Soldaten mit Schützenpanzern riegeln den Zugang ab. Das ist es, was man auch im Fernsehen sieht.

Man sieht auch öfter Alexander Dsasochow durchs Bild laufen. Er ist der Präsident der Republik Nordossetien, er ist nervös und sein Gesicht ist aschgrau, er sieht übernächtigt aus. Ruslan Auschew ist auch da, der ehemalige Präsident der benachbarten Teilrepublik Inguschetien. Ihm, und wohl auch dem Moskauer Kinderarzt Leonid Roschal, der schon bei der Geiselnahme im Musical-Theater Nord-Ost vermittelte, gelingt am Donnerstagnachmittag dann auch jener erste Verhandlungserfolg mit den Terroristen, der die Menschen im Stadtzentrum zum Loslaufen gebracht hat. Kurz vor 17Uhr lassen die Geiselnehmer Frauen und Kinder frei, 26 sollen es sein. Von Soldaten der Anti-Terror-Einheiten eskortiert, teilweise sogar gestützt, bewegen sie sich unendlich langsam, schweigend und mit ausdruckslosen Gesichtern auf gepanzerte Limousinen mit getönten Scheiben zu, die sie nach Hause fahren.

Stunden nach dem Überfall hatten die Terroristen ein nahezu leeres Videoband verschickt, mit der einzigen Botschaft: „Wartet!“, sowie einer Mobiltelefonnummer. Doch was sie fordern – der Abzug aller russischen Truppen aus Tschetschenien und die Freilassung aller Rebellen, die im Juni nach Angriffen auf Polizeiwachen in Inguschetien mit mehr als 90 Toten verhaftet worden waren – übersteigt die Kompetenzen Dsasochows, Auschews und des Moskauer Kinderarztes bei weitem. Entscheiden kann darüber nur Russlands Präsident Wladimir Putin, und der lehnt am Donnerstag im Kreml beim Empfang für Jordaniens König Abdullah II. jeden Kontakt mit Terroristen wie Separatisten rundweg ab. Obwohl die Rettung der Geiseln seinen Worten nach absolute Priorität habe.

Die russischen Behörden hätten mit den Geiselnehmern in der Nacht zum Donnerstag drei Stunden lang telefoniert und ihnen vergeblich freien Abzug angeboten, berichten Beamte. Die „New York Times“, die nach eigenen Angaben Kontakt mit einem Sprecher der in der Schule verschanzten Geiselnehmer aufgenommen hatte, berichtet, das Kommando unterstehe dem tschetschenischen Kriegsherrn Schamil Bassajew, der bereits in der Vergangenheit spektakuläre Geiselnahmen zu verantworten hatte. Die russischen Sicherheitsbehörden sagen nichts Genaues, nur, dass sie einige Geiselnehmer identifiziert hätten.

Viele der Angehörigen verbrachten die Nacht zum Donnerstag schlaflos im Kulturhaus. Es war stürmisch draußen, die Straßen standen unter Wasser. Ärzte und Psychologen sind da. Die Mutter Nona Melikowa hat sich ein Beruhigungsmittel geben lassen. „Es zerreißt mir das Herz“, sagt sie. Ihre Söhne Tejmuras und Asamat sind gefangen. Der Vater Kasbek Melikow bemüht sich um Fassung, obwohl die Sorge ihm den Hals zuschnürt. „Ich habe sie selbst zur Schule gebracht“, sagt er, „dann habe ich mich umgedreht. Hätte ich sie doch nie dorthin gebracht.“

„Was können wir schon tun, als hier zu sein“, sagt eine Frau und weint. Ihr Kind ist auch in der Schule. Der Vater von zwei Kindern, die ebenfalls zu den Geiseln zählen, berichtet dem türkischen Fernsehsender CNN Türk: „Sie schießen Tag und Nacht, und wir können nichts anderes tun, als mit der Polizei abzuwarten.“ Schweigend reichen die wartenden Angehörigen in der Stadthalle eine Teekanne herum. Das einzige Geräusch, das hereindringt, kommt von den Generatoren der Fernsehübertragungswagen.

Am Morgen kommt ein Unterhändler der Behörden zu ihnen ins Kulturhaus und sagt, ihre Kinder würden gut behandelt. Die Einsatzleitung sagt das so ähnlich, sie sagt „erträglich“. Was zu bezweifeln ist. Zwar dürften sie inzwischen Wasser aus dem Hahn trinken. Nach wie vor weigern sich die Terroristen jedoch, Lebensmittel und Medikamente in die Schule bringen zu lassen. Obwohl es mehreren Geiseln inzwischen schlecht gehen soll. Vor allem Erwachsenen, darunter ein paar Diabetiker und Herzkranke. Ein Arzt aus dem Krankenhaus von Beslan sagt: „Diese Menschen brauchen regelmäßig Medikamente und Nahrung. Ihre Lage ist in jeder Hinsicht kritisch.“

Als gegen 15 Uhr zwei Explosionen zu hören sind und schwarzer Rauch in den Himmel über der Schule steigt, rechnen viele mit dem Schlimmsten. Später stellt sich heraus, dass die Geiselnehmer Granaten auf vorbeifahrende Autos gefeuert hatten. Warum, ist unklar.

Zwölf Menschen, unter ihnen einer der mindestens 17 Terroristen, wurden zu Beginn des Geiseldramas am Mittwochmorgen getötet, teilt der Innenminister von Nordossetien mit. Acht Leichen seien von den Sicherheitskräften geborgen worden. Vier weitere seien von den Geiselnehmern aus den Fenstern in den Schulhof geworfen worden und lägen noch immer dort.

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