Zeitung Heute : Warten

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Früher war nicht alles besser. Auf einen Wartburg hat man schon mal zwölf Jahre warten müssen. Was sind schon drei Monate dagegen? Und es geht ja auch mal eine Weile ohne Couch im Zimmer. Kurz vor der Lieferung werde man sich bei mir melden, hieß es im Möbelhaus. Dann ging alles seinen sozialistischen Gang. Ich wartete.

Eines immerhin hat man früher, als alles nicht besser war, gelernt: Improvisieren. Das Weihnachtsfest und meinen Geburtstag zum Frühlingsanfang verbrachte ich also mit meiner Familie auf einer Bettkante sitzend. Den Tisch für meine Gäste lieh ich bei der Kneipe um die Ecke. „Bringen Sie ihn morgen zurück oder übermorgen“, sagte der Wirt. „Lassen Sie sich ruhig Zeit, denn wenn Sie sich freuen, freue ich mich auch.“ In Prenzlauer Berg müsste es viel mehr lustige alte Ost-Berliner geben, dachte ich mir, als ich seinen Tisch meine Treppen hochtrug. Sie wissen das Warten zu schätzen.

Die Einwohner des neuen Prenzlauer Berg können mit Zeit nicht so recht umgehen. Mit fehlenden Möbeln schon gar nicht. Wenn ich heute Abend wieder in meine Lieblings-Fußballkneipe gehe, um mir die Nationalmannschaft anzusehen, werde ich zunächst dem bizarren Vorspiel Dutzender hektischer Zuzügler beiwohnen, die fünf Minuten vor Anpfiff das Lokal betreten und sich um die letzten Sitzplätze prügeln. Dabei müssten sie nur ein bisschen früher kommen. Oder Klappstühle mitbringen.

Über das Warten kann man lange sinnieren, so lange, bis drei Monate rum sind. Gestern bekam ich eine SMS: „Ihr Auftrag vom 14.12.06 ist am Lager in Berlin eingetroffen. Ihr Rahaus-Team“. Ich rief an, um zu fragen, wann meine neue Couch nun geliefert wird. Die Frau antwortete: „Ach, Sie wollen eine Lieferung?“

Eine Couch zum Warten: „Rahaus Country“, Franklinstraße. Stühle zum Mitbringen: „Schwalbe“, Stargarder Straße. Tische zum Ausleihen: „Bierbar Nordring“, Greifenhagener Straße.

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