Zeitung Heute : Warum decken die Norweger ihre Dächer mit Gras?

Katja Michel

Das Schaf steht auf dem Dach einer Blockhütte. Es kaut genüsslich auf einem Grashalm herum, umgeben von sattem Grün, kniehoch wuchern auf dem kleinen Holzhaus Kräuter und Blumen. Das Dach ist über und über bewachsen. Das Schaf sieht dort sehr zufrieden aus. Sollte es auch, schließlich wirbt es als Fotomodell für das norwegische Königreich in einem Prospekt für Touristen. Und solch ein Grasdach ist für das skandinavische Land ein Wahrzeichen.

„Torvtak“ sagen die Norweger, „Grassodendach“ heißt es auf Deutsch in der Fachsprache, weil die einzelnen Schichten aus Torf- und Grasscheiben bestehen, die man Soden nennt. Darunter liegen Schindeln aus Birkenrinde. Auch in anderen nordischen Ländern gibt es die grünen Dächer, doch nirgendwo sind sie so verbreitet wie in Norwegen. Kein Wunder, dass gerade die Skandinavier auf die Idee gekommen sind, ihre Dächer zu bepflanzen: Gras isoliert nämlich. Da die warme Luft im Haus nach oben steigt, muss das Dach gut gedämmt sein. Die Grasdächer haben noch einen Vorteil, sie brennen nicht so leicht. Denn die Pflanzen sind meistens feucht und schützen das Haus vor dem Feuer. Seit wann in Skandinavien Häuser mit Gras gedeckt werden, lässt sich nicht genau zurückverfolgen, denn die Dächer aus alten Zeiten sind naturgemäß längst verrottet. Erhalten ist aber eine Grafik aus dem 16. Jahrhundert.

Heute sieht man die begrünten Dächer in Norwegen vor allem auf Ferien-Blockhütten an den Fjorden, aber auch auf normalen Wohnhäusern. Ulf Hafeld hat wie fast alle Norweger gerade Osterurlaub, den verbringt er dieses Jahr im eigenen Heim, und zwar unter einem Grasdach. Er und seine Frau haben vor einigen Jahren ein Holzhaus mit begrüntem Dach am Rande von Oslo gebaut. „Weil wir die Tradition fortsetzen wollen“, erzählt er am Telefon. Außerdem passe das Naturdach gut in die Umgebung. Die Hafelds leben in Holmenkollen, einem ruhigen Viertel der norwegischen Hauptstadt. Bevor sie ihr Haus bepflanzten, haben sie sich dort erst einmal umgesehen: Nur Gräser und Kräuter, die in der Gegend auch wild wachsen, kamen den beiden aufs Dach. Zumindest am Anfang macht so eine Wiese auf dem Haus aber auch Arbeit: Die Pflanzen müssen erst anwachsen, sie brauchen Dünger, und wenn es zu trocken ist, muss man sie gießen. Ulf Hafeld findet, dass sich die Mühe gelohnt hat. Jetzt freut er sich auf den Sommer, dann blühen auf seinem Haus nämlich Blumen.

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