Zeitung Heute : Warum die Charité sich nicht am Klinikvergleich beteiligt

Ingo Bach

Ohne die Kooperation der Berliner Krankenhäuser wäre der Klinikvergleich nicht zustande gekommen. Die Spitäler haben freiwillig ihre Qualitätsdaten aus dem Jahr 2004 zur Verfügung gestellt. Diese werden zwar für die externe Qualitätssicherung erhoben, waren bisher aber vertraulich. Fast alle Kliniken machen mit und legen so ihre Stärken aber auch Schwächen offen – bei der harten Wettbewerbssituation auf dem Markt eine mutige Entscheidung. Nur die Charité zog ihre bereits erteilte Zusage wieder zurück. Das Klinikum macht vor allem methodische Bedenken geltend: Die Erhebung der Daten sei nicht für öffentliche Vergleiche vorgesehen und daher dafür auch nur eingeschränkt geeignet, heißt es vom Charité-Vorstand. In der Tat wurden die Daten bisher nur anonymisiert ausgewertet. Zunehmend aber veröffentlichen Kliniken ausgewählte Angaben selbst – etwa in den Qualitätsberichten, die die Häuser im vergangenen Jahr erstmals vorlegen mussten. Und in der Düsseldorfer Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS), die für die Auswertung zuständig ist, bejaht man, dass sich die Daten sehr wohl für einen öffentlichen Klinikvergleich eignen.

Viele Kritikpunkte von Krankenhäusern werden im Berliner Klinikvergleich berücksichtigt. So wird der Anteil der Hochrisikopatienten ausgewiesen und die Qualitätsindikatoren sind meist risikoadjustiert, sie berücksichtigen also den Einfluss von schwer Kranken auf die Ergebnisse. Hinzu kommt die Möglichkeit, die Qualitätsdaten zu kommentieren.

Auch das hat die Charité nicht überzeugen können. „Die BQS-Daten in der derzeitigen Form sind nicht risikoadjustiert, die BQS führt lediglich eine Risikotrennung durch: Sie unterscheidet nur zwischen Hochrisiko und ,normalen’ Patienten“, meint Charité-Vorstandschef Detlev Ganten. „Dies ist fehleranfällig. Die BQS-Daten erfüllen noch nicht den Anspruch einer korrekten Abbildung des Risikos.“ Ähnliches gelte für die Möglichkeit, die Ergebnisse zu kommentieren. Dabei könne man zwar die Resultate des Strukturierten Dialogs nennen, so heißt das interne BQS-Verfahren zur Klärung auffällig guter oder schlechter Werte. Aber die Zahlen in der Tabelle würden nicht entsprechend geändert, weil die BQS keine förmlichen Änderungsmitteilungen macht. „Wir haben daher methodische Vorbehalte gegen die Qualität und Vergleichbarkeit der BQS-Daten in der jetzigen Form.“

Doch es gibt offenkundig Chefärzte an der Charité, die ihre Daten gern offen gelegt hätten. Auch im dreiköpfigen Vorstand der Charité fiel der Beschluss dem Vernehmen nach nicht einstimmig. Kritik kommt auch von außerhalb, so von Jörg F. Debatin, dem Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (siehe obiges Interview). Michael Braun, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, sagt, er habe kein Verständnis für die Weigerung der Charité. Sie sollte „nicht so tun, als hätte sie etwas zu verbergen“. Die Teilnahme aller Berliner Krankenhäuser am Klinikvergleich wäre wünschenswert, meint auch Rolf D. Müller, Vorstandschef der Berliner AOK. „Jetzt besteht die Gefahr, dass die Entwicklung über die nicht beteiligten Häuser hinweggeht.“

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