Zeitung Heute : Warum duschen Japaner vor dem Baden?

Björn Rosen

Die Japaner haben schon Wellness praktiziert, als der Begriff im Westen noch gar nicht erfunden war. Und zwar täglich und im eigenen Haus. Genauer: in der Badewanne. Praktisch jeder japanische Haushalt hat eine.

Die japanische Badewanne besteht traditionell aus Holz, ist eckig oder rund. Es gibt aber auch immer mehr Modelle aus Kunststoff. Außerdem ist die typische fernöstliche Wanne schmaler als ihr westliches Gegenstück, dafür aber tiefer – so dass man bis zum Hals im Wasser sitzen kann. Japaner baden nicht, um sich zu reinigen. Das wird vorher erledigt. Neben der Wanne steht ein niedriger Hocker; auf ihm seift man sich gründlich ein und spült den Körper dann mit Wasser aus einer Schüssel ab. Der Boden um die Wanne ist gefliest, in der Mitte des Raums gibt es einen Abfluss. Die Toilette ist von den Badefreuden streng getrennt, sie befindet sich immer in einem anderen Zimmer. Manchmal wird vor dem Bad sogar richtig geduscht. Verpönt ist nicht nur, dreckig in die Wanne zu steigen, sondern auch, Seifenreste am Körper in das klare Wasser zu tragen.

Das Bad soll vor allem der Entspannung dienen. Eingetaucht kann man sich am besten von den Strapazen des arbeitsreichen japanischen Alltags erholen. Alle Familienmitglieder baden am Abend hintereinander im selben Wasser, das sehr heiß eingelassen wird. Manche Badewannen sind sogar beheizt. Eine strenge, konfuzianisch geprägte Hierarchie bestimmt, wer wann in die Wanne darf: zumindest in traditionellen oder ländlichen Haushalten ist der Vater als Erster an der Reihe. Es folgen die Söhne, dann die Töchter. Zwar kann die Wanne zwischen den einzelnen Badegängen mit einem speziellen Plastik- oder Holzdeckel verschlossen werden. Aber wenn die Mutter des Hauses als Letzte badet, ist das Wasser schon ein wenig abgekühlt.

Gäste, westliche Ausländer besonders, genießen die Ehre, noch vor dem Vater in die Wanne steigen zu dürfen. Bad heißt auf Japanisch „furo“. Ist man in einem fremden Haushalt zu Gast, spricht man besser von „o-furo“. Das ist höflicher und bedeutet so viel wie „das werte Bad“.

Mehr als ihre heimischen Wannen lieben die Japaner nur den Ausflug zu heißen Quellen in den Bergen. Dann sitzen sie, meist nach Geschlechtern getrennt, in großen Becken, genießen die Aussicht auf einen Garten im Hof oder auf einen Gipfel – und trinken zwischendurch Tee oder Hochprozentiges.

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