Zeitung Heute : Warum essen die Deutschen ihr Brot vom Brettchen?

Pascale Hugues

Für die Deutschen ist das Brettchen ähnlich bedeutsam wie der Teewärmer für die Engländer und der Porridge-Löffel für die Schotten: ein kleiner Gegenstand, nützlich und bescheiden, in den Augen von Ausländern skurril, aber ein guter Schlüssel zum kollektiven Unbewussten des Volkes, das ihn benutzt.

Ein kleines rechteckiges oder ovales Brett ersetzt den Teller beim Abendbrot, jenem überstürzten Imbiss, den die Deutschen abends anstelle einer richtigen Mahlzeit zu sich nehmen. Erste Schlussfolgerung: Wir haben es ja schon immer gewusst – die Deutschen sind Umweltfreunde. Sie lieben die Natur so innig, dass sie jeden Abend in der Küche picknicken. In Frankreich bekommt man belegte Brote mit Salami und Gürkchen nur dann zu sehen, wenn sie sommers auf einer großen Wiese aus dem Rucksack gezogen werden.

Häufig besteht das Brettchen aus rustikalem Holz, seine Oberfläche trägt die Narben fortwährender Messerhiebe. Das Brettchen ist Holz gewordener Ausdruck der Gemütlichkeit. Es berechtigt zu einer Mahlzeit ohne große Umstände – Ellbogen auf dem Tisch, die Faust um das Messer geklammert. Das Brettchen ist die Absage an die Geziertheit.

Daraus leitet sich die zweite Schlussfolgerung ab: Die Deutschen sind praktisch veranlagt. Dank der kleinen Holzplatte wird kein Teller beschmutzt, wird das gute Porzellan davor geschützt, zusammen mit der Wurst zersäbelt zu werden

Beobachtet man die Deutschen, wie sie ihre Brettchen bearbeiten, so drängt sich die dritte Schlussfolgerung auf: Wir haben es mit einem Volk von Schreinern zu tun. Das Brettchen ist ein ständig sprudelnder Quell der Kreativität, eine kleine Hobelbank für passionierte Heimwerker. Sitzt man abends am Tisch, so zersägt der eine die Wurst und hobelt den Bergkäse, der andere ziseliert die Gurke und zerlegt die Silberzwiebel in feinste Teile. So schafft jeder sein eigenes Kunstwerk.

In Bottrop gibt es ein Deutsches Brettchen-Museum. Da gibt es Brettchen aus hygienischem Resopal, das Brettchen mit Gemüse-Deko, mit Donald-Duck-Deko, mit Dinosaurier- und Hagebutten-Deko. Es gibt Brettchen mit Clowns und Luftballons, mit Uhren und Zahlen. Der Blick auf diese Sammlung entschleiert die letzte verborgene Funktion des Brettchens: seine beruhigende Schlichtheit. Es ist ein Fels im Orkan der Globalisierung. Folgt man dem Eintrag Nr. 628 auf www.butterbrot.de – einer Seite, die sich der Rettung des Butterbrots geweiht hat –, so tritt das Brettchen als Überlebender einer Tradition auf: „Die gute Tradition, in der man auch in schwierigen Zeiten Halt findet und Trost gespendet bekommt!“

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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