Zeitung Heute : Warum gibt es auf der Alb Backhäuser?

Lucas Vogelsang

In großen Strohkörben liegt der nach eigenem Rezept zubereitete Teig. Die Frauen in der Hütte warten, schwatzen. Es riecht nach frischem Brot. Es ist Dorf-Backtag. Noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts kamen die Frauen auf der Schwäbischen Alb regelmäßig in ihr Gemeindebackhaus. Doch Ende der 70er Jahre wurden die kleinen unscheinbaren Steinhütten mit Steinofen stillgelegt, sie standen leer, verfielen. Heute gibt es in größeren Orten Supermärkte mit Brottheke und an jeder Tankstelle einen Back-Shop . Und doch haben die Backhäuser in Baden und Württemberg in den vergangenen Jahren eine kleine Renaissance erlebt. Alle paar Wochen bringen Frauen, in Körbe verpackt, ihren eigenen Teig nach eigenem Rezept mit. Sie schwören auf den unvergleichlichen Geschmack eines frischen Brotes aus dem Backhausofen, der heute wie damals mit Holz und Reisig geschürt wird. Da jedoch keine mehr Brot macht, um davon zu leben, geht es beim Backhaus-Backen vor allem um die Geselligkeit. Bei Kaffee und Kuchen warten die Frauen, bis das Brot fertig ist. Sie tauschen Rezepte und Gerüchte. Womit das Backhaus seiner eigentlichen Rolle als Treffpunkt der Gemeinschaft wieder gerecht und ein Stück schwäbisches Volksgut bewahrt wird. „Ein Backhaus kann die Dorfgemeinschaft zusammenhalten“, erklärt Roland Deigendesch vom Stadtarchiv Münsingen. Gemeindebackhäuser haben eine lange Tradition in Baden-Württemberg.

Bereits vor mehr als 170 Jahren wurden im Auftrag des württembergischen Innenministeriums die ersten sogenannten „Commun-Backöfen“ errichtet, um die privaten Backstuben zu ersetzen. Die „Backhäusle“, in sicherer Entfernung zu den umliegenden Häusern am Rande des Dorfes gebaut , boten eine größere Feuersicherheit. Doch vor allem sollten sie Holz sparen, das zu dieser Zeit Mangelware und für kleine Gemeinden unerschwinglich geworden war. Viele Backhäuser wurden zum Mittelpunkt des Dorfes, da meist mehrere Familien gleichzeitig backten . So erfüllten sie auch eine Art Marktplatzfunktion. Die Aufsicht über ein solches Back-Event hatte dabei das Backweib, das die begehrten Backzeiten zuloste. Sowieso war das Backen von jeher ein „Weibergeschäft“. Männer verirren sich auch heute kaum einmal in ein Backhaus. Die Freizeitbäckerinnen auf der Alb stört das wahrscheinlich wenig. Sie backen einfach. Ohne Hektik. Wie früher.

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