Zeitung Heute : Warum gibt es in den USA kaum Hausflure?

Thomas Loy

Es gibt Häuser in den USA, die bestehen im Erdgeschoss nur aus Garage. Im ersten Stock ist dann noch Platz für zwei Zimmer, Bad und Küche. Was fehlt, ist der Flur. Der Flur fehlt ziemlich oft in den USA. Man betritt das Haus über die Veranda, die Porch, öffnet die Haustür und steht gleich im „Living Room“. Oder im „Family Room“ mit großer Couch, Fernseher und Küche. Kein Flur, nirgends. Mit der Tür ins Haus fallen – in den Vereinigten Staaten ist das keine Metaphorik.

Aber warum fehlt der Flur?

„Weil es billiger ist“, sagt Gayle Tufts, Berliner Entertainerin aus den USA. Die ersten Siedlungen mit Standardhäusern entstanden Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts an der Ostküste, die so genannten „Levittowns“, benannt nach ihrem Erbauer William Levitt. Die Grundrisse der einfachsten Varianten bestanden aus drei Zimmern und Küche. Die Häuser kosteten zwischen 8000 und 10 000 Dollar – waren gedacht vor allem für Kriegsheimkehrer.

Das Haus im Kolonialstil, gebaut um 1850, hatte zwei Räume mit je einem Kamin. Im Süden entstanden die schmalen „Shotgun“- Reihenhäuser, auch „Railroad-Apartments“ genannt. Die Zimmer waren hintereinander angeordnet, jeweils mit einer Tür verbunden, so dass eine Gewehrkugel bei geöffneten Türen hindurchfliegen konnte – daher Shotgun-House.

Solche Häuser werden heute vorwiegend von ärmeren Leuten bewohnt. Wer Geld hat, baut groß und plant auch einen Flur beziehungsweise eine Diele als Puffer zwischen innen und außen ein. „Foyer“ nennen das die US-Architekten.

Doch auch in gehobenen Schichten ist eine Diele kein Muss, anders als in Deutschland, sagt Andrea Lissner-Espe, die amerikanische Holzhäuser unter dem Label „Boston Häuser“ nach Europa importiert. Sie hat lange in den USA gelebt und beobachtet, dass das Wohnzimmer oft nur zum Repräsentieren dient oder um Gäste zu empfangen. Manchmal werden dort auch Fahrräder und Spielsachen gelagert, weil die winzigen Kinderzimmern nur zum Schlafen gedacht sind.

Hinter dem „Living Room“ schließt sich dann die große Wohnküche an, mit Couch, Fernseher und viel Platz zum Entspannen. Dort hält sich die Familie im Alltag auf. Der Flur als Verteiler zwischen Schlafzimmern und Bädern, den gibt es natürlich, aber an der Haustür ist er für viele Amerikaner einfach nur Platzverschwendung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben