Zeitung Heute : Warum gibt es in Kambodscha gefährliche Haustiere?

Thomas Neubacher-Riens

Kinder lieben Haustiere. Sombath aus einem kleinen Dorf in Kambodscha hat auch eins. Der Sechsjährige knuddelt dessen Kopf, teilt das Bett mit ihm und darf auf seinem Rücken reiten. Klingt ganz normal, wäre Sombaths Schatz nicht 100 Kilo schwer, fünf Meter lang und ein Netzpython. Die haben eigentlich ein biestiges Naturell, sind Einzelgänger und recht verfressen. Drei, vier Hofhühner verschwinden wöchentlich im Schlangenbauch.

In dem wäre locker auch Platz für einen kleinen Jungen. Dennoch ist die Würgeschlange in der Familie gern gesehen. „Als Sombath drei Monate alt war, kam die Schlange in unser Haus und verkroch sich unter seinem Bett“, erzählt Mutter Kim Kanara. Dann wich das damals noch magere 70-cm-Reptil dem Säugling nicht mehr von der Seite, was die buddhistische Familie davon überzeugte, dass die Schlange und ihr Junge in einem früheren Leben Geschwister waren. Und die darf man nicht trennen. Dhammananda, ein buddhistischer Mönch in Frohnau, wundert die seltsame Wohngemeinschaft nicht: „Buddha selbst war ein Löwe, bevor er in menschlicher Gestalt wiedergeboren wurde. Und Buddha hat als Mensch Elefanten und Löwen wiedergetroffen, die er aus anderen Leben kannte.“ Menschen zu treffen, die im Wildtier einen Weggefährten aus fernen Tagen erkennen, verheißt Glück in Kambodscha.

Bevor man nun, buddhistisch erleuchtet, beim nächsten Urlaub im Süden die hypnotischen Blicke streunender Köter, Katzen oder Schlangen ganz neu deutet – „Na, haben wir uns nicht schon mal irgendwo gesehen?“ – ist die Frage erlaubt, ob so eine Kind-Schlange-Liaison nicht arg ausgefallen und gefährlich ist. „Nicht besonders“, meint Wibke Lobo vom Ethnologischen Museum in Dahlem: „Auch in Argentinien und Brasilien hüten Schlangen kleine Kinder.“ Wenn die Eltern außer Haus sind, verscheuchen die beinlosen Nannis vor allem Insekten.

So kauft also Sombaths Familie regelmäßig frische Hühner auf dem Markt. Finanziell liegt das Federvieh der Familie nicht auf dem Magen, denn mittlerweile besuchen Pilger aus ganz Kambodscha Sombath und seinen Python. Und spenden für den Besuch. Was aber hat so ein Python von der Kooperation? Hühner, klar. Und vor allem, so Isabel Koch, Biologin im Stuttgarter Zoo, „hat der Python sich eine Hütte gesucht, in der er am Tag schlafen kann.“

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